Rems-Murr-Kreis

Zeugenbegleiter wie Edith Köchel haben ein offenes Ohr für die Ängste der Menschen, die vor Gericht aussagen müssen

Zeugenbegleiter
Zeugenbegleiterin Edith Köchel. © Gaby Schneider

Ob sie mir glauben werden? Diese Frage quält Zeugen vorm Gerichtstermin am meisten. Vielleicht muss ich weinen, und dann blamiere ich mich und kriege kein Wort mehr raus? Edith Köchel hat ein feines Gespür für diese Ängste. Sie begleitet Menschen, die vor Gericht aussagen müssen, sei es, weil ihnen Unrechtes geschehen ist oder weil sie als Unbeteiligte Zeuge einer Straftat geworden sind.

Als ehrenamtliche Zeugenbegleiterin darf die 64-Jährige mit den Betroffenen nicht über den Fall selbst reden. Sie weiß lediglich, um welche Art Straftat es geht. Im Vorgespräch klärt sie vor allem auf: Wie läuft ein Gerichtsverfahren ab? Wer wird mir voraussichtlich Fragen stellen? Warum muss ich jetzt noch mal alles erzählen, ich habe doch schon bei der Polizei ausgesagt? Wie gehe ich damit um, dass ich im Gerichtssaal dem mutmaßlichen Täter begegnen werde?

Hilfen auch für Angehörige mutmaßlicher Täter

Edith Köchel setzt sich im Saal gern zwischen die Zeugin und den Angeklagten. Meist sind es Frauen, die sie begleitet. Als die Stuttgarter Einrichtung PräventSozial vor rund 20 Jahren begann, eine ehrenamtliche Zeugenbegleitung zu etablieren, richtete sich das Augenmerk vor allem auf Kinder und Jugendliche, die sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Heute betreuen Fachkräfte und 15 bis 20 Ehrenamtliche, unter ihnen Edith Köchel, einen viel größeren Personenkreis. Auch Angehörige mutmaßlicher Täter können die Hilfen in Anspruch nehmen, sagt Tina Neubauer von PräventSozial. Seit das Opferrechtsreformgesetz vor ein paar Jahren in Kraft trat, unterstützen Fachkräfte im Zuge der psychosozialen Prozessbegleitung besonders schutzbedürftige Menschen, die bei schweren Gewalt- oder Sexualstraftaten verletzt worden oder mit anderen schlimmen Folgen der Tat konfrontiert sind. Diese professionellen Hilfen und die ehrenamtliche Zeugenbegleitung „ergänzen sich sehr gut“, sagt Tina Neubauer.

Zehn Jahre lang als Schöffin Erfahrungen gesammelt

Edith Köchel kennt sich an Gerichten aus; zehn Jahre lang hat sie als Schöffin eine Vielzahl von Verfahren miterlebt. Anfang des Jahres startete die Diplom-Ingenieurin in den Ruhestand. Ins Ehrenamt als Zeugenbegleiterin investiert sie nun mehr Zeit, wovon nicht nur die Betreuten profitieren: „Man kommt mit ganz anderen Lebenswelten in Berührung, und ich bekomme auch wahnsinnig viel zurück“, sagt die Esslingerin.

Sie bestärkt die Zeugen vor dem Termin, sich erhobenen Hauptes der Situation zu stellen. Sollten Tränen fließen, ist das völlig in Ordnung, „dem Gericht ist nichts Menschliches fremd“. Stets hat Edith Köchel ein Päckchen Taschentücher eingesteckt und immer eine Flasche Wasser bei sich. Zeugen rechnen meist nicht damit, dass sie vielleicht eine Stunde oder länger draußen vor dem Saal warten müssen. Geduldig setzt sich Edith Köchel dazu und hält die Anspannung aus. Längst nicht jeder hat auf dem Handy Telefonnummern von Menschen gespeichert, die man in solchen Ausnahmesituationen anrufen kann. „Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen es gibt, die niemanden haben“, sagt Edith Köchel.

Zeugenbegleiter kann im Vorfeld Bitten ans Gericht herantragen

Im Vorfeld einer Verhandlung können Zeugenbegleiter Wünsche ans Gericht herantragen: Wär’s möglich, den Saal zu tauschen, damit die Zeugin nicht in einem Raum ohne Fenster aussagen und in einem Umfeld ihrem Peiniger begegnen muss, das sie an die Vergewaltigung erinnern könnte? Ist ein Dolmetscher beauftragt? Kann das Gericht eine Ausnahme machen und darauf verzichten, dass die Zeugin im Gerichtssaal öffentlich ihre Adresse preisgibt? Ein heikler Punkt ist das, wenn’s um Stalking geht oder eine Frau nach Gewalterfahrungen in der Beziehung an einem anderen Ort ein neues Leben begonnen hat.

Aussage gegen den Ex-Partner: Emotional sehr belastend

Von „Opfern“ spricht Tina Neubauer nicht so gerne; der Begriff stigmatisiert zu sehr. Müssen Zeuginnen gegen ihren Ex-Partner aussagen, wird der Gerichtstermin besonders von belastenden Gefühlen begleitet sein. Ohnehin stehen schon im Vorfeld überaus schwierige Entscheidungen an: Ist eine Anzeige überhaupt das Richtige – und wie gehe ich dann mit einem Urteil um, das eventuell ganz anders ausfällt als erwartet? Habe ich ein Zeugnisverweigerungsrecht und soll ich davon Gebrauch machen – oder eher nicht?

Antworten darauf muss letztlich jeder Zeuge für sich finden, und weder die ehrenamtlichen Zeugenbegleiter noch die Fachkräfte dürfen Rechtsberatung anbieten. „Wir dürfen uns nicht in verfahrensrelevante Dinge einmischen“, erklärt Tina Neubauer. Sie hat unterdessen gute Erfahrungen damit gemacht, Hilfsmittel für die Entscheidungsfindung anzubieten: Gezielt Pro- und Kontra-Argumente aufschreiben, das kann Klarheit schaffen. Man fühlt sich dann nicht so hilflos, kann ein Gefühl der Kontrolle entwickeln, wie Tina Neubauer sagt: „Durch die Tat haben die Menschen ja schon einen massiven Kontrollverlust erlebt.“

Ob sie mir glauben werden? Diese Frage quält Zeugen vorm Gerichtstermin am meisten. Vielleicht muss ich weinen, und dann blamiere ich mich und kriege kein Wort mehr raus? Edith Köchel hat ein feines Gespür für diese Ängste. Sie begleitet Menschen, die vor Gericht aussagen müssen, sei es, weil ihnen Unrechtes geschehen ist oder weil sie als Unbeteiligte Zeuge einer Straftat geworden sind.

Als ehrenamtliche Zeugenbegleiterin darf die 64-Jährige mit den Betroffenen nicht über den Fall

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