Rems-Murr-Kreis

Zwischen Fridays for Future und IHK: Wie radikal sind die Grünen? Ein Gespräch mit den Rems-Murr-Kreisvorsitzenden

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Seiz
Die Frau im Vorsitzenden-Duo bei den Rems-Murr-Grünen: Brigitte Seiz. © Büttner
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Blum
Der Mann im Vorsitzenden-Duo bei den Rems-Murr-Grünen: Georg Blum. © Büttner

Sind die Grünen vernünftig genug? Aber hallo, schon lange! Sind sie mittlerweile womöglich zu vernünftig? Manchmal könnte man fast den Eindruck bekommen. Ein Gespräch darüber mit den frisch gewählten Rems-Murr-Kreisvorsitzenden Brigitte Seiz und Georg Blum.

Die Grünen seien Träumer, heißt es tatsächlich hier und da noch, und die AfD labert bis heute von „linksgrün versifft“. Aber wer das ernsthaft glaubt, muss die letzten zehn Jahre schlafend in der Kyffhäuser-Höhle verbracht haben: Die Grünen sind eine bürgerliche Volkspartei der ökologischen Mitte; wer daran zweifelt, braucht nur mit Seiz und Blum zu reden.

Zur historischen Folklore der Öko-Partei gehören zwar vogelwilde Geschichten um Anarcho-Spontis, strickende Emanzen, Pflastersteinwurf-Machos, maoistische Sektierer und Freie-Liebe-Experten mit experimentellem Verhältnis zur Pädophilie; doch das ist ein halbes Leben lang her.

Georg Blum, 56, aus Korb ist erst seit vier Jahren Partei-Mitglied, Unternehmer mit einem Dutzend Beschäftigten und betreibt eine Firma, die mit passgenauer Software mittelständischen Unternehmen hilft, Kundenbeziehungen zu pflegen. Brigitte Seiz, 66, aus Fellbach ist seit zwölf Jahren dabei; reichere Erfahrung hat sie als Logistik-Managerin in einer großen Molkerei.

Die Grüne Brigitte Seiz ist für Klimaschutz - und für 5G

Klimaschutz und Ökologie: Natürlich ist ihnen das wichtig – aber Digitalisierung und Ökonomie auch. Es gehe darum, all das „in Einklang zu bringen“, sagt Blum. Er kenne viele „nachhaltig denkende Unternehmer“; und wer heute ein Start-up entwickle, betrachte Umwelt-Aspekte als Teil des Geschäftsmodells.

Frau Seiz, sind die Grünen heute noch radikal? „Den Begriff radikal möchte ich austauschen gegen konsequent“, denn „vielleicht nimmt jemand das Wort radikal negativ auf“. Aber siehe, es folgt dann doch eine radikale Ansage: Wer „intelligente Verkehrssteuerung“, mehr Online-Konferenzen und weniger Geschäftsreisen will, wer die ökologischen Chancen nutzen möchte, die in der Digitalisierung liegen – der müsse „5G nach vorne bringen!“

Oha. Sorgen sich nicht gerade in der Öko-Szene manche fürchterlich um ihre Gesundheit wegen des neuen Mobilfunkstandards? Aber bei dem Thema bleibt Seiz unbeugsam: Solle Deutschland etwa eine „Südseeinsel“ werden, nur „weil ein paar Esoteriker noch nicht alle Belastungen erforscht haben“?

Die Grünen, wie Seiz und Blum sie verkörpern, sind eine Partei irgendwo in der Mitte zwischen Fridays for Future und Industrie- und Handelskammer. Das ist eine strategisch kluge Position, aber auch eine riskante. Denn die klimabewegten jungen Leute könnten irgendwann sagen: Ihr seid uns zu lau. Seiz weiß das. „Wir werden aufgefordert von den jungen Neumitgliedern“, beim Klimaschutz forscher zu agieren. Auch Blum ist sich „sehr wohl bewusst“, dass der Nachwuchs „ein bisschen radikaler“ ist. Aber das müsse „kein Nachteil“ sein. Die Idee ist, dass eine visionär voranstrebende Bewegung und eine geduldig in die Gesellschaft hineinwirkende Partei einander ganz gut ergänzen können.

Was genau ist eigentlich grün an Grünen wie Kretschmann und Kuhn?

Böse Frage zum Schluss: Nach fast zehn Jahren Ministerpräsident Kretschmann, nach bald acht Jahren Oberbürgermeister Fritz Kuhn – woran genau ist eigentlich gleich nochmal erkennbar, dass da Grüne an der Macht waren?

Kretschmann regiere „nicht arrogant von oben herunter“, lobt Seiz. „Ein himmelweiter Unterschied zu Mappus“, schwärmt Blum. Aha, okay, ein gütiger Landesvater. Aber reicht das schon, um im engeren Sinne als, äh, grün durchzugehen?

Moment, kontert Blum, es gebe da noch einen Winfried: Verkehrsminister Hermann. Der hat in der Tat unverwechselbar und wuchtig urgrüne Politik vorangetrieben, hat bestehende Straßen saniert, statt neue zu bauen, hat Radwegenetze ausgebaut; er habe, kurzum, einen „Super-super-Job“ gemacht. Blum klingt jetzt wie Pep Guardiola, wenn er Philipp Lahms taktische Intelligenz lobte. Der Ministerpräsident aber habe seinem Verkehrsminister immer „den Rücken freigehalten. Das war eine grandiose Leistung von Kretschmann.“

Sehr viel Winfried K. und ein bisschen Winfried H., ein Schöpflöffel Mitte und eine Messerspitze Radikalität: Dieses Rezept mag nicht allen Grünen der ersten Stunde schmecken und auch nicht allen Stürmern und Drängern vom Zukunftsfreitagsflügel – aber es duftet nach Erfolg. Infratest-Dimap-Umfrage vom 15. Oktober: Die Grünen liegen in Baden-Württemberg derzeit bei 34 Prozent.

Sind die Grünen vernünftig genug? Aber hallo, schon lange! Sind sie mittlerweile womöglich zu vernünftig? Manchmal könnte man fast den Eindruck bekommen. Ein Gespräch darüber mit den frisch gewählten Rems-Murr-Kreisvorsitzenden Brigitte Seiz und Georg Blum.

Die Grünen seien Träumer, heißt es tatsächlich hier und da noch, und die AfD labert bis heute von „linksgrün versifft“. Aber wer das ernsthaft glaubt, muss die letzten zehn Jahre schlafend in der Kyffhäuser-Höhle verbracht haben:

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