Hintergründe

Russland-Ukraine-Krieg: Energiepreise steigern die Nervosität

STN Energiepreise
Energieintensive Bereiche wie die Stahlindustrie sind von hohen Energiepreisen besonders betroffen. © dpa/Julian Stratenschulte

Stuttgart - Es kann noch ganz dicke kommen für die Wirtschaft, wenn die russischen Energieimporte gestoppt werden. Doch gehen die Preiszuwächse bei Gas, Öl und Strom vielen Firmen schon jetzt an die Substanz. Energieintensive Bereiche wie die Stahlindustrie sind besonders getroffen.

 Nervös ist etwa die Chemieindustrie, für die Erdgas einer der wichtigsten Rohstoffe ist. Trotz Gegenmaßnahmen sei kurz- und mittelfristig mit steigenden Gaspreisen zu rechnen, erwartet der Verband der Chemischen Industrie (VCI). „Sollte Gas in Europa sogar knapp werden, könnte die Lage für energieintensive Branchen wirtschaftlich sehr problematisch werden: Den Chemieunternehmen drohen dann explodierende Preise für Erdgas bei einem ohnehin historisch hohen Preisniveau“, sagt ein Sprecher. Bislang habe die Misere jedoch nur vereinzelt zu Produktionseinschränkungen oder -verlagerungen geführt – zum Beispiel bei der Ammoniak-Produktion.

Für kleine und mittelständische Unternehmen „katastrophal“

Ein Sprecher der Chemie-Verbände Baden-Württemberg berichtet, dass die Preisanstiege gerade für die kleinen und mittelständischen Unternehmen „katastrophal“ seien. Sie könnten die Kostenzuwächse nicht weitergeben und seien anders als die Großchemie nicht durch langfristige Verträge abgesichert. „Die Kosten steigen, die Erträge werden stark sinken, und Investitionen, die dringend nötig sind für die Transformation der Branche, werden schwieriger.“ Von Produktionsstopps hat er bisher nicht gehört. Allerdings könne es durchaus sein, dass bei einem Importstopp die Industrie zunächst nicht mehr mit Gas versorgt werde. „Das hätte einschneidende Folgen“, prophezeit er.

Daraus schlussfolgert der Verband für die am Mittwoch im Südwesten startende Tarifrunde: „Wir benötigen eine Begrenzung des Kostenanstiegs für die Unternehmen.“ Sonst verliere der Standort Baden-Württemberg noch mehr an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen europäischen Ländern.

Produktion muss noch nicht reduziert werden

Auch in der Metall- und Elektroindustrie sind die Probleme angekommen, wenngleich ein Südwestmetall-Sprecher selbst aus den energieintensiven Bereichen von Produktionsreduzierungen noch nicht zu berichten weiß. Unüberhörbar seien aber eindeutige Hilferufe, wonach die Energiepreise zu einer enormen zusätzlichen Belastung werden, „die für die Firmen dauerhaft nur schwer zu tragen sein wird“. Dies gelte selbst bei geringeren Energiekostenanteilen von um die fünf Prozent des normalen Mittelständlers.

Der jüngsten Umfrage des Verbandes zufolge sehen sich die Mitgliedsfirmen durch die Energie- und Rohstoffpreise im Durchschnitt mehr belastet als durch die unmittelbaren Auswirkungen eines Wegfalls des Russland- und Ukrainegeschäfts.

600 000 Euro höhere Kosten im Monat für Energie

Die Strom- und Gaspreise hätten sich schon vor dem Krieg verdreifacht – und potenzierten sich jetzt noch mal. Dies komme bei den Firmen gerade erst an, meint der Sprecher. Als Beispiel nennt er ein Unternehmen mit drei Standorten und 600 Mitarbeitern. „Die zahlen schon jetzt 600 000 Euro pro Monat zusätzlich für Energie.“ Preise weiterzugeben, sei nur bedingt machbar. Da werde zwar mit den Kunden nach Lösungen gesucht. Eine Vollkompensation sei aber kaum möglich, weil die Kunden ihrerseits belastet seien. „Die Firmen geraten unter einen erheblichen Margendruck, wenn sie die höheren Kosten nicht vollständig weitergeben können“ – dies bei einer durchschnittlichen Rendite von drei Prozent.

Heidelbergcement will Preise stark anheben

Auch Heidelbergcement sieht die „einmalige Kostenexplosion am Energiemarkt“ mit Sorge. „Wir sind gezwungen, schnellstmöglich die Preise signifikant anzuheben“, sagt ein Sprecher. Die Nachfrage nach Baustoffen sei weiterhin hoch. Es brauche zudem schnell einen systematischen Ansatz, „um kurzfristig die Energieversorgungssicherheit zu gewährleisten und mittel- bis langfristig die EU unabhängiger von Energieimporten zu machen“. Der Ausbau erneuerbarer Energien sei da wichtiger denn je.

Warnung vor einer Insolvenzwelle im Transportlogistikgewerbe

Heftig unter Druck sieht sich ebenso das Speditions- und Logistikgewerbe. „Die steigenden Energiepreise führen Logistikpreise und Frachtraten bei sämtlichen Verkehrsträgern auf ein Rekordniveau“, sagt Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes DSLV. „Industrie und Handel spüren deshalb bereits eine deutliche Verteuerung Ihrer Beschaffungs- und Absatzkosten.“ Die Wirtschaftlichkeit der Dienstleistungen hänge jetzt davon ab, in welchem Umfang es Transportunternehmen gelinge, die steigenden Kosten am Markt weiterzugeben.

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) fordert schon eine Vergünstigung des Diesels durch den Staat – die Belastungsgrenze vieler Transportunternehmen sei erreicht. „Es droht eine Insolvenzwelle im Transportlogistikgewerbe“, heißt es. „Dann wäre die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft in Gefahr.“

Stuttgart - Es kann noch ganz dicke kommen für die Wirtschaft, wenn die russischen Energieimporte gestoppt werden. Doch gehen die Preiszuwächse bei Gas, Öl und Strom vielen Firmen schon jetzt an die Substanz. Energieintensive Bereiche wie die Stahlindustrie sind besonders getroffen.

 Nervös ist etwa die Chemieindustrie, für die Erdgas einer der wichtigsten Rohstoffe ist. Trotz Gegenmaßnahmen sei kurz- und mittelfristig mit steigenden Gaspreisen zu rechnen, erwartet der Verband der

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