Auszeichnungen

Flüchtlingen eine Stimme verliehen

Verleihung des Deutschen Sozialpreises in Berlin. Wolfgnag Stadtler (Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahr
Preisverleihung in Berlin, von links: Wolfgang Stadler (Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege), Michaela Kölbl und Brigitte Fehrle (Chefredakteurin der Berliner Zeitung). © ZVW

Schorndorf/Berlin. In der öffentlichen Debatte kommen Flüchtlinge meist nur in Zahlen und Kontingenten vor, fast nie richtet sich der Blick auf die Menschen und die Schicksale, die sie durchleiden. Ganz anders in der Serie „Auf der Suche nach Heimat“, für die ZVW-Redakteurin Michaela Kölbl jetzt in Berlin mit dem Deutschen Sozialpreis geehrt wurde.

Aus mehr als 450 Einsendungen hat die Jury des von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege vergebenen Deutschen Sozialpreises drei Beiträge in den Sparten Print, Hörfunk und Fernsehen als Sieger ausgewählt. „Alle Preisträger haben journalistisch hervorragende Arbeiten abgeliefert und haben als Autoren Mut, Talent und Engagement bewiesen“, sagte BAGFW-Präsident Wolfgang Stadler bei der Verleihung in der Akademie der Künste in Sichtweite des Bundestags. Nur wer wie die Preisträger den Blick hinter den Vorhang wage, die soziale Lage jenseits nüchterner Zahlen greifbar mache, könne auch etwas daran verändern.

Fehrle: „Qualitätsjournalismus gibt es nicht umsonst“

Die Serie, die im Frühjahr 2012 in den vier Blättern des Zeitungsverlags Waiblingen erschien und für die Michaela Kölbl bereits den Journalistenpreis der Diakonie Baden-Württemberg bekam, beschreibt das Schicksal von Asylbewerbern, die nach lebensgefährlichen Fluchtwegen im Schorndorfer Übergangswohnheim gestrandet sind. Die Redakteurin der „Schorndorfer Nachrichten“ besichtigte die Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe, wohnte einer Verhandlung beim Verwaltungsgericht in Stuttgart bei, besuchte Abschiebehäftlinge in Mannheim – und ließ vor allem die Menschen mit ihren traumatischen Erfahrungen, Hoffnungen und Träumen zu Wort kommen. Zum Beispiel den jungen Fußballer aus Gambia, der vor der Polizei in seiner Heimat flüchten musste, weil er sich kritisch über den Präsidenten geäußert hatte, und den die Teamkollegen der SG Schorndorf freundschaftlich aufnahmen. Oder den jungen Afghanen, der von den Taliban verfolgt wurde, seit sich sein Vater von der Terrorgruppe losgesagt hatte und ermordet worden war.

In den sieben Folgen steckt eine aufwendige Recherche-Arbeit, die weit über das Alltagsgeschäft hinausgeht. Wie die Redaktion damals auf Michaela Kölbls Serien-Vorhaben reagiert habe, wollte RBB-Moderator Jörg Thadeusz im Kurzinterview wissen. „Das ist das Tolle bei uns“, sagte die Preisträgerin, „dass man kreativ sein darf und im Blatt den Platz dafür bekommt.“

Auf die Zeitungskrise ging Brigitte Fehrle, Chefredakteurin der Berliner Zeitung, ein. Verantwortlich für die Krise sei nicht das Internet – vielmehr habe sich die Medienbranche ihr Problem selbst geschaffen, indem sie Inhalte umsonst ins Internet stellte, ohne dass die Anzeigenkunden in großem Umfang gefolgt wären. So sei eine Generation im Gefühl herangewachsen, Qualitätsjounalismus gebe es gratis. Erst seit kurzer Zeit suchten die Medienhäuser nach Bezahllösungen für ihre Online-Angebote. Gerade in der Unübersichtlichkeit des Internets erfüllten Journalisten eine wichtige Funktion als Navigatoren im Nachrichtendschungel. Facebook und Blogs bereicherten den Journalismus zwar – seien aber keiner. Statt Kleinteiligkeit böten Zeitungen ein ausgewähltes, gestaltetes, rundes Produkt mit Einordnung und Hintergrund. Journalisten wie die Preisträger machten daher „wertvolle Arbeit, die anständig bezahlt werden muss“. Statt wie bisher über teure Redaktionen zu jammern, würden daher immer mehr Verleger erkennen, „dass die Redaktionen ihr einziges Kapital sind“. Ob diese auf Papier oder für online produzieren, sei letztlich egal. Bis die Metamorphose des Journalismus abgeschlossen sei, müssten die Zeitungen jedoch aufhören, ihren guten Ruf zu gefährden.