Auszeichnungen

Unser Auftrag lautet: Zuverlässig überraschen

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Die Redaktion des Zeitungsverlages Waiblingen, die gestern im Waiblinger Bürgerzentrum mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung geehrt wurde. © Horst Lässing

Waiblingen. Einmal, dieses eine Mal, haben alle uns gelobt. . . Lokaljournalisten genießen ein eher mäßiges Sozialprestige, aber gestern im Waiblinger Bürgerzentrum war alles anders. Die Verleihung des Deutschen Lokaljournalistenpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung vermittelte den Preisträgern eine stärkende Botschaft: Ihr seid gut, ihr seid wichtig - seid mutig, seid ambitioniert!

Er gilt als Oscar unter den Journalistenpreisen, 503 Bewerbungen gab es für die Ausgabe 2006. Diese Auszeichnung ist unter Lokaljournalisten auch deshalb so begehrt, weil sie ganz bewusst nicht einzelne Textkunstwerke von Edelfedern, Leitartiklern, Reportage-Cracks der Riesenzeitungen und Zeitschriften von FAZ bis Spiegel bepreist, sondern ausdauerndes Arbeiten, Serien, größere konzeptionelle Würfe, den langen Atem, das journalistische Alltags-Einerlei sprengende Projekte von Lokaljournalisten würdigt - gleich, woher sie kommen, ob aus der Metropole oder der Provinz. Neun ausgezeichnete Redaktionen wurden gestern im Bürgerzentrum geehrt, neben dem Träger des ersten Preises und Ausrichter der Festveranstaltung, dem Zeitungsverlag Waiblingen, kamen sie unter anderem von der Süddeutschen Zeitung - und von der Mendener; vom Tagesspiegel Berlin - und von der Zeitungsgruppe Lahn-Dill im Mittelhessischen.

Die Preisverleihung hat ein ganz eigenes Profil: Die Zuständigen von der Konrad-Adenauer-Stiftung frieren die Festveranstaltung nicht zu einem total versteiften Haupt- und Staatsakt ein, sondern zelebrieren sie als vitales Mutmacher- und Stärkungsprogramm für eine Berufsgruppe, die gemeinhin eher „im Parterre der allgemeinen Wertschätzung angesiedelt“ ist, wie es Walter Bajohr von der Stiftung grandios diplomatisch ausdrückte. Lokaljournalisten sind wichtig, das ist Bajohrs Botschaft - als Informations-Vermittler, Wächter, Antreiber und Übersetzer, die „große abstrakte Probleme im Kleinen verständlich machen“, vom demografischen bis zum klimatischen Wandel.

Und wenn dann Jury-Sprecher Dr. Dieter Golombek ans Mikrofon tritt und, beseelt von regelrechtem Vaterstolz, so liebevoll wie knitz die Leistungen der Preisträger besingt, bekommen endgültig auch die abgebrühtesten Redakteurs-Bruddler einen schimmernden Blick - selbst wenn sie morgen wieder so tun, als bräuchten sie kein Lob. Ja, sagt Golombek, er weiß, dass „der Prophet im eigenen Land“, der Lokaljournalist, den die Leser oft persönlich kennen, nicht immer sehr viel gilt - aber mit Blick auf den Zeitungsverlag Waiblingen ruft er: „Ihr Menschen im Rems-Murr-Kreis, seid stolz auf eure Propheten!“

Ein besonderer Glücksfall an diesem Waiblinger Vormittag ist der Festredner - Prof. Dr. Klaus Schönbach von der Zeppelin-Universität Friedrichshafen spricht auf eine leise Weise passioniert; eindringlich, ohne rhetorischen Theaterdonner zu inszenieren. „Warum gibt es überhaupt noch Zeitungen? Solche, die sich Mühe geben?“ Sie könnten ja auch „resignieren - und manche tun das leider auch“. Das Internet raubt uns die Abonnenten, die Jugend liest nicht mehr. . . Es gibt ja genug apokalyptische Szenarien für die Branche.

Schönbach erklärt, weshalb die Zeitung Zukunft hat: Sie kümmert sich stellvertretend um das, was viele beschäftigt, sie beackert „Themen, über die wir uns gut mit anderen unterhalten können“, Themen, die viele Menschen beschäftigen und aufwühlen - im idealen Fall ist die Zeitung ein Mittel gegen die Vereinzelung, eine Diskussionsgrundlage für das Gemeinwesen.

Journalisten müssen die Vielfalt an Informationen strukturieren

Und sie liefert „zuverlässige Überraschung“: Sie berichtet vom Besonderen, Ärgerlichen, Schönen, Seltsamen, Unerhörten, Neuen - aber sie lässt den Leser damit nicht allein, sondern übernimmt stellvertretend für ihn die Aufgabe, all das einzuordnen, zu beurteilen, zu verstehen. Sie bietet dem Leser eine Vielfalt an Informationen - aber sie knallt ihm die Flut des Faktischen nicht unvermittelt vor den Latz, stürzt ihn nicht in ein ratlos machendes Chaos, sondern gewichtet die Stoffe, kanalisiert, strukturiert, sortiert sie.

Eine gute Zeitung überrascht ihre Leser täglich - und hilft ihnen täglich, die Überraschung zu verdauen; vermittelt den Lesern die Komplexität des Heute - und hilft ihnen, sich in dieser komplizierten Welt zurechtzufinden.

Und: Zeitungen haben Zukunft, wenn sie ihre Journalisten „sorgfältig und gewissenhaft arbeiten lassen“ und sich ihre Unabhängigkeit bewahren gegenüber den Ansprüchen der Politik und der Werbung (Schönbachs Beitrag im Wortlaut finden Sie auf einer der folgenden Seiten).

So lautet die Ermutigungsbotschaft, die sich durch all diese Reden zieht: Sei weiterhin ambitioniert, gib dich nicht zufrieden mit der Alltagsroutine.

Das zu hören macht stolz im Heute - vor allem aber macht es Mut fürs Morgen. Insofern passt es, dass ZVW-Geschäftsführer Bernd Schwer und Redaktionsleiter Frank Nipkau in ihren Reden weniger von vergangenen Errungenschaften sprechen, sondern von Plänen: Demnächst startet der Internet-Auftritt der Seite „nicht jugendfrei“, und ab Herbst präsentieren sich die Waiblinger Kreiszeitung, die Schorndorfer Nachrichten, die Welzheimer und die Winnender Zeitung in einem modernisierten Layout.