Die Lebensretter

Hilfe für die Retter

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Symbolbild. © Sarah Utz
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Serie "Lebensretter" / DRK
Martin Jungbauer. © Alexandra Palmizi

Waiblingen. Einsatz- und Führungskräfte des Deutschen Roten Kreuzes sind in vielen Notfalllagen die Helfer. Doch auch sie brauchen manchmal Hilfe, um mit dem Erlebten fertigzuwerden. Das Risiko einer psychischen Belastungsstörung ist unter DRK-Kräften besonders hoch.

Sie gehen in den Einsatz und machen einen beeindruckenden Job. Doch der Beruf des Ersthelfers kann von einem Moment auf den nächsten zu einer immensen Belastung werden und – mehr noch – krank machen. Menschen zu helfen, die soeben einen Angehörigen verloren haben, Reanimationen und Unfalleinsätze nagen an der Substanz des Einsatzhelfers, während er routiniert die „erlernten Maßnahmen wie eine Checkliste abarbeitet“, veranschaulicht Martin Jungbauer, der stellvertretende Vorsitzende des DRK-Ortsvereins Waiblingen.

„Im Einsatz funktioniert man, die Abläufe müssen exakt umgesetzt werden, damit sich jedes Rädchen exakt dreht und keine Fehler passieren.“ Hinterher, so Jungbauer, beginnen die Erlebnisse dann häufig, „Karussell zu fahren“.

Der erste Tote

Er erinnert sich an den ersten Toten, den er sah: Ein Vater im selben Alter wie er wurde vom Sohn aufgefunden. Ein harter Bissen sei für ihn der Zustand des Sohns gewesen, der die Gefühle nicht rauslassen konnte. „Er stand daneben wie versteinert, das war einschneidend“, so Jungbauer. Zwar sei ihm in den 20 Jahren als Ehrenamtlicher in der Bereitschaft „gewissermaßen ein dickeres Fell“ gewachsen. Doch jeder Einsatz beutele ihn. Wie tief das Erlebte wirklich geht, wie sehr seelischer Stress an einem nagt, zeigten Fragen, die auch ihm als erfahrenem Hasen nach manchem Einsatz nachhängen.

Bei jedem Einsatz etwas dazu lernen

„Habe ich alles richtig gemacht?“, spricht er die Schwierigkeit an, sich selbst zu reflektieren. Das Maß an Empathie, das er und die Kollegen für andere aufbringen müssen, fehle häufig für einen aufmerksamen Blick auf sich selbst. „Hinterher sieht man vielleicht manches anders, auch ich lerne bei jedem Einsatz noch etwas dazu“, so Jungbauer. Ein Zuviel an Empathie könne auch der Auslöser einer psychischen Krise sein. Wer das Erlebte zu nah an sich heranlasse, könne den Boden verlieren, schlimmstenfalls daran zerbrechen. Als Führungskraft verlagere sich die Anspannung von ihm selbst also zusätzlich auf das Team. „Ich muss noch stärker darauf achten, nicht zu grübeln, sonst könnte ich den Gesamtüberblick aus den Augen verlieren.“

Bild vom „Indianer, der keinen Schmerz kennt“, hält sich hartnäckig

Jungbauer weiß als verlässliche Stütze seine Frau im Hintergrund, mit der er vieles besprechen kann. Besonders schlimm und zermürbend sei die Belastung für Menschen, die sich bei niemandem einfach mal alles von der Seele reden können. Die psychische Belastungsgrenze verlaufe bei jedem anders. Jeder sei aber gleichermaßen dem Risiko ausgesetzt, diese Grenze eines Tages zu überschreiten. „Eine Belastung ist nie ganz weg, sie ist nur im Kofferraum, unverarbeitet kommt sie irgendwann wieder heraus.“ Als Führungskraft muss er daher immer das Verhalten seiner Kollegen im Auge und Hinterkopf behalten. „Wir lernen, Indikatoren zu erkennen, wenn etwa ein Kollege bei einem Übungsabend ein abweichendes Verhalten an den Tag legt.“

Bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung

Die Auswirkungen aufwühlender Situationen reiche von Belastungsreaktionen bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung - Bilder, die seltener an die Öffentlichkeit drängen als die vom „Indianer, der keinen Schmerz kennt“. Obwohl in den vergangenen 20 Jahren die Akzeptanz psychischer Erkrankungen gestiegen sei, habe es „immer noch ein Gschmäckle, zuzugeben, dass es einen berührt und mitnimmt“, sagt Jungbauer. Dass diese vermeintliche Unerschütterlichkeit der „harten Kerle“ extrem fragil ist, liegt auf der Hand bei der Vielzahl der Notfalllagen und Extremsituationen: Jungbauer erinnert an den Großbrand in Backnang im März 2013 oder einen Hochhausbrand mit vielen Betroffenen. Und an den Amoklauf von Winnenden, bei dem er Kreisbereitschaftsleiter war und elf Tage lang die ehrenamtlichen Dienste in einer „hochemotionalen Ausnahmesituation“ zu koordinieren hatte. Das Geschehene verfolge ihn mittlerweile nicht mehr, „aber es wird in gewissen Situationen oder wenn ich bestimmte Bilder oder Filme sehe, wieder hochgespült.“

„Netz der Hilfe“

Damit für die 400 hauptamtlichen und 1700 ehrenamtlichen Ersthelfer im Kreis die Hilfe im Notfall nicht zu spät kommt, wurde 2009 das „Netz der Hilfe“ ins Leben gerufen. Es soll DRK-Einsatzkräfte auffangen, bevor eine psychische Belastungsstörung die Oberhand gewinnt. Das spendenfinanzierte Hilfsnetzwerk ist ein Teil der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) des DRK, die in den letzten Jahren verstärkt ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist. „Vermutlich weil psychische Belastungen immer mehr Gesprächsthema sind und es eine gewisse Akzeptanz gibt, dass sie jeden treffen können“, erläutert Jungbauer. Häufig helfe bereits ein vertrauliches Beratungsgespräch mit einem Gleichgesinnten aus dem seelischen Ungleichgewicht heraus. Die Fachkräfte können erkennen, wenn eine weiterführende Hilfe nötig ist.

Die Berater sind zur Verschwiegenheit verpflichtet – deshalb wisse er nicht, wie viele DRKler das Angebot schon in Anspruch genommen haben, so Martin Jungbauer. „Doch wenige werden es nicht sein.“

„Netz der Hilfe“: Anlaufstelle für Ersthelfer

Die psychosoziale Notfallhilfe PSNV des DRK setzt sich zusammen aus dem Notfallnachsorgedienst für Betroffene und aus dem „Netz der Hilfe“ für DRK-Einsatzkräfte. Ziel ist es, die Gefahr posttraumatischer Belastungsstörungen und damit psychische und physische Schäden zu vermeiden.

16 vom Kreisverband für das „Netz der Hilfe“ bestimmte Vertrauenspersonen, bestehend aus DRKlern und psychosozialen Fachkräften, wurden geschult und verfügen über ein psychologisches Grundwissen.

Im „Netz der Hilfe“ können Ersthelfer auf Hilfe zählen, völlig anonym und niederschwellig. Beraten werden sie von DRK-Mitarbeitern und externen Fachkräften.

Die PSNV wurde in den 1990er Jahren für Betroffene, Überlebende, Hinterbliebene, Angehörige, Zeugen und Ersthelfer entwickelt.

Laut Wikipedia haben „die weltweiten Unglücksfälle und Katastrophen der letzten Jahre, dabei auch die in Deutschland, wie zum Beispiel das Flugschauunglück in Ramstein 1988, das ICE-Unglück in Eschede 1998, die Flutkatastrophe längs der Elbe 2002, die Flugzeugkollision in Überlingen am Bodensee 2002, der Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall 2006 oder der Transrapidunfall 2006 im Einsatzwesen bestätigt, dass die medizinische und technische Hilfeleistung um psychosoziale Versorgungsangebote zu erweitern ist“.


Die bisherigen Teile unserer Serie:

Teil 1 - Notfallsanitäter: Leben retten ist ihr Job

Teil 2 - Wer Blut spendet, rettet Leben

Teil 3 - Ruhe bewahren, wenn andere feiern

Teil 4 - Das Team für den äußersten Notfall

Teil 5 - Erste Hilfe: Ein Kurs zur Auffrischung schadet nie

Teil 6 - Anleitungen fürs Wohlbefinden

Teil 7 - Ruhe bewahren, wenn andere feiern