Die Lebensretter

Notfallsanitäter: Leben retten ist ihr Job

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Rettungsdienst-Azubis mit Übungspuppe. © Büttner / ZVW
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Die Notfallsanitäter Heiko Jung (links, stellvertretender DRK-Ortsvereinsvorsitzender in Waiblingen) und Dominik Kunzmann demonstrieren die Patienten-Versorgung im Fahrzeug.
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Einsatz-Koordination in der Leitstelle. © Alexandra Palmizi

Waiblingen. Schwere Autounfälle, Brände mit Verletzten und Selbstmordversuche – all das gehört zum Alltag von Heiko Jung und Dominik Kunzmann. Als Notfallsanitäter der Waiblinger Rettungswache arbeiten sie in einem der härtesten Jobs überhaupt. Und in ihrer Freizeit machen sie als „Helfer vor Ort“ des Deutschen Roten Kreuzes noch weiter.

Video: Eine Fahrt mit Rettungswagen und ein Besuch bei der Rettungszentrale Rems-Murr.

Man weiß es nie vorher, jede Sekunde kann etwas Schlimmes passieren. Trotzdem checken Heiko Jung und Dominik Kunzmann seelenruhig ihren Rettungswagen. Sind die Medikamente und die Infusionen alle komplett? EKG, Beatmung, Defibrillator: Das Innenleben des „RTW“ kommt einer kleinen Intensivstation gleich. Die medizintechnischen Geräte müssen regelmäßig geprüft, das Auto desinfiziert werden. Und dann, Alarm: Augenblicklich sitzen die beiden vorne auf ihren Sitzen. „Kollaps“ lautet das Stichwort, das die Leitstelle den Fahrern mit auf den Weg gibt. Los geht’s zu einer Physiotherapie-Praxis nach Rommelshausen.

Anhalten und warten, bis die Straße frei ist

Mit Blaulicht und Sirene, die im Innern des Fahrzeugs übrigens überhaupt nicht laut ist, durch die dicht befahrenen Kreuzungen beim Hallenbad und bei der AOK. Mehr oder weniger rasch bilden die Autofahrer die vorschriftsmäßige Gasse. Das will offenbar auch einer auf der Alten Bundesstraße und weicht auf die Abzweigung zur Neuen Rommelshausener Straße aus. Doch just dort muss der Krankenwagen durch - er muss anhalten und kurz warten, bis die Fahrbahn frei ist. Vor Ort in der Praxis treffen die Sanitäter eine ältere Dame, die bei Übungen unglücklich vom Pezzi-Ball gerutscht und gegen die Wand geprallt ist. Das Atmen tut weh, bei jeder Bewegung des Oberkörpers verspürt sie stechende Schmerzen. Heiko Jung vermutet einen Rippenbruch. Mit einem Spezialstuhl wird sie ins Auto gehievt und ins Krankenhaus gefahren.

Offensichtliche Rücksichtslosigkeit der Autofahrer ärgert Sanitäter

Mit dem Verkehr und dem Verhalten der Autofahrer haben die Notfallsanitäter täglich zu kämpfen. Dass jemand mal aus Versehen kurz den Weg versperrt – kann passieren. Was die Lebensretter ärgert, ist offensichtliche Rücksichtslosigkeit, wenn mitten auf der Kreuzung noch von links und von rechts direkt vor dem Rettungswagen vorbeigefahren wird. Nach dem Motto: Ihr müsst vielleicht Leben retten, aber ich hab’ es auch furchtbar eilig. Besonders Fahrten mit Patienten verlangen vom Fahrer höchste Konzentration. Einerseits muss er schnell ans Ziel, andererseits auf die anderen Verkehrsteilnehmer und auf die Kollegen, die im Rückraum gerade den Patienten versorgen, achten.

Wie ertragen die Einsatzkräfte Extremsituationen?

Ruhig bleiben in Extremsituationen, das ist der Job der hauptberuflichen Lebensretter. Seit vielen Jahren fahren der 36-jährige Dominik Kunzmann und der 46-jährige Heiko Jung Rettungswagen – und haben an üblen Verletzungen und Unfällen schon so gut wie alles gesehen. Nie wird Heiko Jung vergessen, wie sich ein Selbstmörder von einer Brücke vor einen Zug geworfen hat – die Leiche blieb „wie eine Galionsfigur“ an der Front der Lokomotive. Menschen, die sich aufgehängt, erschossen oder die Pulsadern aufgeschnitten haben – wie können Einsatzkräfte so etwas ertragen? „Natürlich macht dieser Beruf etwas mit einem“, sagt Dominik Kunzmann. Die Kollegen pflegen einen rabenschwarzen Humor, wie er auch in Krankenhäusern verbreitet ist. Ein Selbstschutz-Mechanismus, denn ungefiltert ließe sich so viel Leid gar nicht ertragen. Letztlich aber bleibt allen Abwehrversuchen nur begrenzte Wirkung. „Was ich ganz schwer ertragen kann, das sind die Reaktionen der Angehörigen etwa bei einem Selbstmord.“ Der Schock, die Verzweiflung gehen auch den Härtesten an die Nieren. Beim Roten Kreuz gibt es extra Fachleute, die den Einsatzkräften helfen, solche Erlebnisse zu verarbeiten.

„In einer Sekunde von null auf 100 zu schalten, das schlaucht so richtig.“

Die Schichten, in denen Rettungsassistenten und die medizinisch noch höher qualifizierten Notfallsanitäter arbeiten, haben es mit bis zu zwölf Stunden in sich. Klar, es gibt ruhige, ereignisarme Tage – aber eben auch andere, an denen der heikle Job an „Fließbandarbeit“ grenzt. Gott sei Dank, sagen Heiko Jung und Dominik Kunzmann, sind die ganz krassen Situationen relativ selten – aber irgendwann kommen sie, immer wieder und immer plötzlich. Besonders den Nachtdienst empfindet der 36-Jährige als anstrengend, wenn mitten in einer Ruhephase der Alarm geht. „In einer Sekunde von null auf 100 zu schalten, das schlaucht so richtig.“

Ehrenamtliche "Helfer vor Ort"

Nur des Geldes wegen macht den Job keiner, versichern die beiden Rotkreuzler. Die Bezahlung sei, wie in allen Sozial- und Pflegeberufen, nicht berühmt. „Ohne volle Überzeugung geht es nicht.“ Und die endet nicht nach Feierabend. Im Ehrenamt sind beide auch noch als „Helfer vor Ort“ im Einsatz. Das ist die freiwillige, schnelle Eingreiftruppe des Ortsvereins. Jeder „Helfer vor Ort“ hat einen Notfallkoffer im Auto und wird unter Umständen mit alarmiert. Je nach Einsatzort und Aufenthaltsort des Ehrenamtlichen kann es sein, dass er schon Minuten vor dem Rettungsdienst da ist und die Hilfsmaßnahmen einleiten kann.

Täglich fast 400 Notrufe

Koordiniert werden alle Einsätze des Rettungsdienstes und der Feuerwehren des gesamten Rems-Murr-Kreises in der integrierten Leitstelle im Rotkreuz-Haus in der Henri-Dunant-Straße in Waiblingen. Fast 400 Alarme und Hilferufe gehen dort täglich ein, vor allem über die Notrufnummer 112. Viel Verantwortung ruht auf den Schultern der Person, welche die Anrufe annimmt. Nach einem bestimmten Schema fragt sie von den oft stark aufgeregten Anrufern die benötigten Informationen ab und alarmiert entsprechend die Einsatzkräfte.

Geschehen vor Ort kann harmloser sein, als am Telefon beschrieben

Ein Punkt, an dem es häufig hakt, ist der Ort des Geschehens. Die Ansage „Bei uns in der Hauptstraße brennt’s“ genügt nicht – denn eine Hauptstraße gibt es in vielen Orten. Fehleinschätzungen sind nie ausgeschlossen. Was sich am Telefon nach halbem Weltuntergang anhört, kann sich vor Ort als harmlos erweisen. Manchmal ist der Mensch am Leitstellen-Telefon der erste Nothelfer: Über Minuten leitete Ausbildungsleiter Steffen Schwendemann einmal eine ältere Dame bei der Reanimation ihres Mannes an, der leblos auf dem Küchenboden lag – bis der Rettungsdienst eintraf.


Einsatzstatistik

Die Integrierte Leitstelle Rems-Murr verzeichnete im Jahr 2016 mehr als 145 000 Einsätze vom Brandmelder-Fehlalarm bis zum Großbrand. 34 000 Fahrten hatte der Rettungsdienst zu leisten, 40 000 Fahrten waren Krankentransporte.

Im Rems-Murr-Kreis gibt es die Rettungswachen Waiblingen, Backnang, Winnenden, Schorndorf, Murrhardt, Welzheim, Fellbach und die Notarztwache Althütte.

Eine Herausforderung für die Leitstelle wird in Zukunft die Alarmierung per E-Call direkt aus Unfallautos.

Die Anforderung eines Rettungs- oder Notarztwagens erfolgt bei der Integrierten Leitstelle Rems-Murr (Notruf 112).