Zuckerfrei

Ein Schoko-Ei macht alles zunichte

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Es ist vollbracht: 40 (fast) zuckerfreie Tage mit Äpfeln, Tomaten und Bananen anstelle von Cola, Keksen und Schokolade hat Redaktionsmitglied Liviana Jansen überstanden. © Büttner/ZVW

Waiblingen. Es lief so gut. Endlich hatte mein Körper sich an das zuckerfreie Leben gewöhnt, der Süßhunger plagte mich nicht länger. Zu Obst und Gemüse zu greifen, statt zu Cola, Schokolade und Kekse, fiel mir nicht mehr schwer. Doch dann kam Ostern – und plötzlich war alles anders.

Die Fastenzeit dauert 40 Tage. Das sind fünf Wochen und fünf Tage. Rechnet man die Sonntage mit ein, dauert sie sogar 45 Tage. Abzüglich meiner drei Sündentage, macht das 42 Tage. Genau sechs Wochen lang lebe ich also schon zuckerfrei. Und waren die ersten drei Wochen noch von Höhen und Tiefen geprägt wie eine Achterbahnfahrt, so verlief die zweite Hälfte des Experiments wie eine Bootsfahrt auf einem breiten, ruhigen Fluss. Mit einer Ausnahme: Nach ein paar Bier konnte ich den Salzbrezen einfach nicht widerstehen. Auch diese enthalten Zucker – Nummer drei auf der Liste meiner Sünden.

Der Körper hat sich umgestellt

Länger wurde die Liste aber nicht mehr. Ich habe das Gefühl, mein Körper hat sich tatsächlich umgestellt. Er verlangt nicht mehr ständig nach Zucker, eigentlich sogar gar nicht mehr. Schokolade, Kekse und sogar Cola, nach der ich mich anfangs noch schier verzehrt hatte, erscheinen mir nicht mehr besonders verlockend. Lieber greife ich inzwischen zu frischem Obst, Gemüse oder Nüssen. Ich fühle mich vitaler und wacher und habe auch wieder angefangen, zu joggen. Und obwohl ich trotz meiner zuckerfreien Ernährung in den sechs Wochen kaum abgenommen habe, bin ich hochmotiviert, auch nach dem Ende des Selbstversuches auf Zucker zu verzichten.

Video: 40 Tage zuckerfrei - was ist geblieben?

Ich will weiterhin zuckerfrei bleiben

Angetrieben werde ich dabei auch von den vielen Artikeln, die ich während meiner Recherche lese. Da geht es beispielsweise um eine Studie, in der drei Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Zucker, gesättigten Fettsäuren und koronaren Herzkrankheiten analysieren. Ihr Fazit lautet: Zucker, insbesondere raffinierter Zucker, der Lebensmitteln beigefügt wird, ist ein viel größerer Übeltäter als Fett. Bei einer koronaren Herzerkrankung sind die Herzkranzgefäße durch Ablagerungen geschädigt. Diese Art der Krankheit ist derzeit die häufigste, nicht natürliche, Todesursache in der westlichen Welt.

Einflussnahme der Zuckerindustrie auf die Politik

Anderswo lese ich über die Einflussnahme der Zuckerindustrie auf die Politik. In den USA soll die Branche bereits in den 1960er Jahren eine Studie in Auftrag gegeben haben, die den Ruf des Süßungsmittels aufpolieren sollte. Dabei soll die „Sugar Research Foundation“, aus der später der amerikanische Verband der Zuckerindustrie hervorging, 50 000 Euro an drei Forscher der Harvard Universität gezahlt haben. Mark Hegsted, Robert Mc Gandy und Frederick Stare sollen dafür unter anderem in einem wissenschaftlichen Artikel den Zusammenhang zwischen dem Zuckerkonsum und schweren Herzerkrankungen relativiert haben.

Ein mit Nougat gefülltes Schokoei macht alles zunichte

Doch so groß meine Motivation auch war, an Ostern findet sie ein jähes Ende. Ein Päckchen von meiner Mutter erreicht mich – prall gefüllt mit Schokohasen und gefüllten Nougateiern meiner Lieblingsmarke. Und weil das erste Schokoladenei so wunderbar zart auf meiner Zunge zergeht, folgt ihm gleich noch ein zweites und ein drittes in meinen Magen. Herrlich!

Der Magen rügt mich zwar sofort dafür und beginnt zu kneifen, doch auch an den folgenden Tagen kann ich die Finger einfach nicht von den Süßigkeiten lassen. Es ist wie verhext: Ein Nougatei und schon ist mein Entschluss, auch weiterhin auf Süßes zu verzichten, dahin. Fast so, als wäre er mit einem zerknüllten Stanniolpapierchen davongeflogen.


Waiblingen.
Natürlich wäre es erstrebenswert, ganz auf Zucker zu verzichten – aber wer schafft das schon dauerhaft. Deshalb haben wir sieben Tipps für Sie gesammelt, mit denen Sie es ganz einfach schaffen, weniger Zucker zu essen. Denn auch das hat schon positive Auswirkungen auf Ihre Gesundheit.

Den Zuckerkonsum im Alltag zu reduzieren ist nicht schwer – mit diesen einfachen Tricks

1 Gewohnheiten umstellen: Wer ständig süß isst, dessen Zuckerrezeptoren stellen sich darauf ein und stumpfen ab, sagt die Ernährungsexpertin der AOK Ludwigsburg-Rems-Murr, Elke Walther. Das heißt, sie nehmen die Süße gar nicht mehr so stark wahr. Nach nur drei Wochen passen sich diese Rezeptoren aber an. Wer durchhält und drei Wochen lang keinen Zucker isst, wird im Anschluss merken, dass es leichter fällt, insgesamt weniger süß zu essen. Außerdem schmeckt Süßes wieder viel süßer.


Fruchtgummis: Verführerisch bunt, lecker – und zuckerhaltig. (Foto: Zürn/ZVW (Archiv))

2 Lieber ungesüßt trinken: Ein einfacher Trick, um den eigenen Zuckerkonsum zu reduzieren, ist, auf gesüßte Getränke zu verzichten. Statt Softdrinks sollte lieber Wasser getrunken werden, das löscht den Durst ohnehin besser. Wer unbedingt etwas mit Geschmack trinken möchte, kann eine Schorle aus viel Wasser und wenig Saft (ohne Zuckerzusatz) mischen. Aber Vorsicht: Fruchtsaft ist von Natur aus auch zuckerhaltig, eine Alternative zu Wasser ist er also nicht. Bei Tee und Kaffee heißt es, die Macht der Gewohnheit zu durchbrechen. Wer seine Heißgetränke bisher immer gesüßt getrunken hat, dem hilft vielleicht am Anfang eine Prise Zimt oder Vanille – das gibt eine leicht süßliche Note.

3 Selber kochen: Statt Fertiggerichten sollte lieber Frischgekochtes auf dem Teller landen. Vielen Produkten ist nämlich Zucker als Geschmacksverstärker oder Lockstoff zugesetzt. Wer selbst kocht, kann entscheiden, ob und wie stark er seine Speisen süßt. Salatdressing schmeckt zum Beispiel auch ohne Zucker, dasselbe gilt für Tomatensoße. Auch bei Marmelade lässt sich Zucker einsparen: einfach Sorten mit einem Fruchtgehalt von mindestens 70 Prozent kaufen, oder noch besser gleich selbst einkochen! Sogar Kuchen lässt sich zuckerfrei backen, beispielsweise mit Apfelmus oder Datteln. 


Grafik: Jansen/ZVW

4 Gesund süßen: Raffinierter Haushaltszucker besteht sozusagen aus leeren Kalorien und enthält keine wichtigen Inhaltsstoffe wie Vitamine oder Spurenelemente, sagt Ernährungsberaterin Walther. Im Gegenteil: Haushaltzucker begünstigt die Entstehung von Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Adipositas oder Karies. Wer dennoch nicht auf Süße im Essen verzichten möchte, kann raffinierten Zucker durch natürliche Produkte wie Honig, Ahornsirup oder Obstdicksäfte ersetzen. Allerdings gilt auch hier: alles in Maßen, denn diese Produkte haben ebenfalls einen hohen Gehalt an Zucker. Süßstoff kann für Diabetiker eine sinnvolle Alternative sein, allerdings wird ihm auch eine appetitanregende Wirkung nachgesagt.

5 Stress vermeiden: Wer viel Stress hat, hat häufig auch viel Lust auf Süßes. Wissenschaftler erklären das evolutionsbiologisch. Für unsere Vorfahren war es demnach sinnvoll, ihrem Körper Energie in Form von Kohlehydraten oder Fetten zuzuführen, wenn Gefahr drohte – sie brauchten schließlich Kraft, um zu fliehen. Unser Energieverbrauch ist heute allerdings viel niedriger als unsere Zufuhr. Deshalb in stressigen Phasen lieber ab und zu bewusst eine Pause einlegen, als Schokolade und Gummibärchen einzuwerfen!

6 Mehr bewegen: Beim Sport schüttet der Körper Glückshormone aus, die den Hunger auf Süßes bremsen. Außerdem senkt Bewegung den Blutzuckerspiegel: Zellen verbrennen bei Aktivität Glukose. Diese beziehen sie zunächst aus den Zucker- und Stärkedepots des Körpers und sobald diese leer sind, aus dem Blut. Deshalb kann leichtes Ausdauertraining auch helfen, Diabetes vorzubeugen. Diabetiker können mit Hilfe regelmäßiger Bewegung manchmal sogar ihre Medikamentendosis reduzieren.

7 Locker bleiben und genießen: Zu viele Regeln und Vorschriften können schnell in Stress ausarten. Damit das nicht passiert, sollten Ausnahmen erlaubt sein. Wer sich also hin und wieder ganz bewusst eine kleine süße Sünde gönnt, lebt entspannter – und mit mehr Genuss.

Macht Zucker wirklich süchtig?

In dieser Frage scheiden sich die Geister: Während manche Forscher aus Experimenten mit Ratten schließen, dass Zucker in der Tat ein Suchtstoff ist, erklären andere die Lust auf Süßes mit einer Reaktion im Gehirn.

Zucker aktiviert demzufolge das Belohnungssystem des Gehirns. Der Botenstoff Dopamin wird freigesetzt, dies sorgt für Wohlbefinden. Dopamin wird deshalb im Volksmund auch Glückshormon genannt.

Die Forscher sprechen hier von einem suchtähnlichen Verhalten, aber nicht von einer Substanzenabhängigkeit.

Wissenschaftler aus den USA wollen genetische Ursachen dafür entdeckt haben, dass bei manchen Menschen der Süßhunger offenbar stärker ausgeprägt ist als bei anderen. Verantwortlich sein soll hier ein Gen, welches auch das Risiko für eine Alkoholsucht bestimmt.

Zudem sollen diese Menschen weniger Dopamin-Rezeptoren und einen schwächer ausgeprägten Belohnungsbereich im Gehirn haben. Um das gleiche Glücksgefühl zu erzeugen, müssen sie also mehr Zucker essen als andere.

Eine weitere Theorie besagt, dass die Vorliebe für Süßes angeboren ist. Schon Babys reagieren demnach mit einem Lächeln auf eine süße Flüssigkeit. Die evolutionsbiologische Erklärung könnte sein, dass unsere Vorfahren bereits sehr früh gelernt haben, dass Süßes nicht giftig ist und zudem viel Energie liefert.