Klimakrise im Rems-Murr-Kreis

Borkenkäfer-Plage: Klimawandel im Welzheimer Wald angekommen

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Nach der Abholzung eines vom Borkenkäfer befallenen Waldstücks in Murrhardt. © Landratsamt
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Martin Röhrs.

Welzheim/Murrhardt. Trockenheit und Hitze strapazieren. „Den Wald, wie wir ihn kennen, wird es in der Zukunft nicht mehr geben“, prognostiziert Martin Röhrs. Als Forstamtsleiter des Rems-Murr-Kreises beobachtet der 56-Jährige genau, wie sich sein Wald verändert. Es ist ein emotionales Thema. Röhrs ist sehr besorgt. Die Auswirkungen seien noch nicht absehbar.

Letztes Halbjahr 2018 war mangels Niederschlags verheerend. Dieser Frühling konnte nicht kompensieren. Von der Trockenheit besonders betroffen sind alte Bäume, deren Wurzeln in der Tiefe sind. „Wir können nicht einschätzen, wie widerstandsfähig der Wald dieses Jahr ist“, so Röhrs. Gerade Nadelbäume sind von Käferbefall gefährdet. „Besonders Fichten, Weißtannen und Lärchen“, weiß Röhrs. Aber auch Rotbuchen leiden aufgrund der Trockenheit.

Es ist auch ein wirtschaftliches Problem. Die Preise für Nadelholz sind um 40 Prozent eingebrochen. Dazu kommt eine Wertverminderung von einem Drittel bei Käferbefall. „Der Schaden letztes Jahr belief sich auf knapp fünf Millionen Euro“, bilanziert Röhrs. Weitere Trockenschäden oder noch bestehende Schäden seien nicht quantifizierbar.

Drastischer seien aber die Folgen für das Waldbild. Die lokalen Baumarten werden sich verändern. „Der Rückgang von Nadelbäumen ist unaufhaltsam“, sagt Röhrs. 35 Meter hohe majestätische Tannen und Fichten werde man in Zukunft vergebens suchen. Die Konsequenz: Es werden nur noch Eichen und andere robuste Bäume gepflanzt. Immerhin sei die Fauna nicht betroffen. „Ich konnte keine Anzeichen feststellen“, so Röhrs. In den vergangenen Jahren wurden viele Tümpel für Amphibien angelegt. Davon profitieren viele Tiere.

Borkenkäfer-Patrouille

Im Fokus steht der Borkenkäfer. Mittels regelmäßig stattfindenden Monitorings soll der Parasit in Schach gehalten werden. Im Sommer müsse es dazu wöchentliche Kontrollen geben. Personell stößt Röhrs damit an Grenzen. Aber zusätzliches Personal helfe nicht. „Förster müssen sich im Wald auskennen“, so Röhrs. Der Aufwand sei groß. Es müssen überall verstreut einzelne befallene Bäume oder Gruppen gefunden werden.

Anstrengend seien Beschwerden wie in der jüngsten Kreistagssitzung – Aussagen wie „Es sieht aus wie in Verdun“ ärgern Röhrs. Seit Januar würden nur befallene Bäume gefällt. „Natürlich führt das zu vielen Maschinenbewegungen“, weiß Röhrs. Das hinterlasse Spuren. Doch werde mit Vorsicht gearbeitet: Seit den 70ern bewegen die Förster Maschinen nur noch auf Rückegassen. Entgegen der normalen Waldarbeit müsse bei Käferbefall auch die Krone entsorgt werden. Von ihnen gehe die gleiche Ansteckungsgefahr aus wie vom Stamm. Diese werden an Wegen kurzzeitig deponiert, was für Spaziergänger besonders auffällig ist. Röhrs und seine 26 Revierförster vitalisieren auf den 35 000 Hektar Wald im Rems-Murr-Kreis. Durch Lichten werde ein Drittel der Bäume gefällt. Die Übrigen haben mehr Licht, Wasser und Platz. „Das ist die einzige vorbeugende Maßnahme, die wir treffen können“, erklärt Röhrs.

„Wir müssen dem Klimawandel Rechnung tragen“, sagt Dr. Götz Freiherr vom Holtz aus Alfdorf. Der Preissturz von Fichtenholz um etwa 50 Prozent sei gut für die Baukonjunktur, aber sehr schlecht für Waldbesitzer. Die Ungewissheit beschäftigt den größten Privatwaldbesitzer im Rems-Murr-Kreis. Tägliche Beobachtungen im Sommer und sofortiges Handeln sind auf Dauer anstrengend. Der Klimawandel schreitet voran. Als Waldbesitzer müsse er hundert Jahre in die Zukunft planen. „Meine Enkel und Urenkel sollen auch einen grünen Wald haben“, sagt vom Holtz. Dafür arbeitet der Jurist eng mit dem Forstamt zusammen. Die reaktiven Maßnahmen sind aufwendig. „Wir haben 2000 Weißtannen gepflanzt.“ Diese müssten nun vor Wild geschützt werden.


Borkenkäfer

Die Käfer entwickeln sich innerhalb von vier Wochen. Bereits bei Befall ist der Baum nicht mehr zu retten. Innert zwei Wochen sind die ersten Anzeichen erkennbar. In der Mitte des Stammes, in welcher sich die Käfer einnisten, fällt die Rinde ab. Die Wasserversorgung des Baumes werde unterbrochen und die Nadeln färben sich rot. Besonders brisant: Jede Generation verzwanzigfacht sich. Ein befallener Baum infiziert in drei Zyklen 8000 weitere. Ein gesunder Baum kann sich gegen die Parasiten wehren, Hitze und Trockenheit führen zu Anfälligkeit.