Klimakrise im Rems-Murr-Kreis

Kreis verfehlt Klimaschutzziele

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Symbolbild. © Laura Edenberger

Waiblingen. Gute Vorsätze sind leicht gefasst – sie einzuhalten, ist schwer: Den CO2-Ausstoß pro Kopf im Rems-Murr-Kreis deutlich zu senken, dieses Ziel hatte der Kreistag 2011 ausgegeben. Der Plan ist Stand heute in die Hose gegangen.

Hoppla Thekla, so eine Bescherung: Wir müssen uns neue Schuhe kaufen – unser ökologischer Fußabdruck ist gewachsen wie die Käsemauken eines Pubertierenden! Da sitzen sie, die Mitglieder des Umwelt- und Verkehrsausschusses, und schauen bedröppelt drein an diesem freitäglichen Sitzungsvormittag. Vorne auf dem Rednerpodium trägt Tobias Gruben in aller Gelassenheit – null alarmistisch, aber mit erbarmungsloser Präzision – mit Hilfe von Powerpoint-Folien seine Erkenntnisse vor: Was man sieht, ist gar nicht schön. Gruben, am Trierer „Institut für angewandtes Stoffstrommanagement“ Experte für Energieeffizienz und erneuerbare Energien, referiert die Ergebnisse seiner Studie zur CO2-Bilanz im Rems-Murr-Kreis; es ist ein Vortrag zum Thema „Wunsch und Wirklichkeit“.

CO2-Emissionen senken - Das war der Plan 

Dies war der Plan, den sich der Rems-Murr-Kreis 2011 gab, als er ein Klimaschutzkonzept erstellte: Die CO2-Emissionen pro Kopf – sie lagen 2008 bei 7,0 Tonnen – bis zum Jahr 2025 auf 4,7 Tonnen zu senken.

2015: 8,4 Tonnen pro Kopf freigesetzt 

Gruben aber wertete mit Hilfe modernster Methodik riesige Datensätze aus, rechnete, analysierte, bilanzierte – und stellte fest: 3,53 Millionen Tonnen CO2 setzte der Rems-Murr-Kreis im Jahr 2015 frei – macht pro Kopf 8,4 Tonnen.

CO2-Ausstoß ist gestiegen

Sicherlich, die Zahlen sind relativierungsbedürftig: 2008 waren die Techniken zur Ermittlung des mutmaßlichen CO2-Ausstoßes noch nicht so raffiniert wie heute, die „Datengrundlage“ war schlechter, erklärt Gruben. Folge: Die 2008er-Schätzung lag wohl etwas zu niedrig. Dennoch „beißt keine Maus den Faden ab: Der CO2-Ausstoß ist nicht gesunken, sondern gestiegen.“ Dabei lohnt sich allerdings ein Blick auf die Details . . .

Kommunale Verwaltungen haben Senkung erreicht

Die kommunalen Verwaltungen sind ihrer Vorbildfunktion durchaus gerecht geworden: Sie haben öffentliche Gebäude energetisch saniert und ihren Anteil am Ausstoß tatsächlich gesenkt, von rund 55 000 Tonnen im Jahr 2008 auf etwas mehr als 50 000 Tonnen im Jahr 2015.

Hauptursache liegt nicht bei öffentlicher Hand

Nur: Der Anteil der öffentlichen Hand am Problem ist mit 1,4 Prozent sowieso verschwindend gering. Hauptverursacher sind andere. Die Privathaushalte produzierten im Jahr 2015 fast 1,3 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß, aufs Konto des Verkehrs gehen rund 1,2 Millionen Tonnen, die Wirtschaft (Industrie, Gewerbe, Handel, Dienstleistung) zeichnet für knapp eine Million Tonnen verantwortlich (Prozentzahlen siehe Grafik).

Rems-Murr-Kreis unter Bundesdurchschnitt

Kleiner Trost: Mit seinen 8,4 Tonnen pro Kopf liegt der Rems-Murr-Kreis immerhin klar unterm Bundesdurchschnitt; deutschlandweit gehen die Experten von 12,2 Tonnen aus. Auch das aber ändert nichts am Befund: Klimaschutzziel verfehlt.

Wie wurden die Analyse-Operationen angewandt?

Ach herrje, wie erklären wir uns das? Moment mal, sagt der unabhängige Kreisrat Josef Heide: Er zweifle, ob die „Datengrundlage stimmt. Die Zahlen halte ich für unbrauchbar und falsch.“ Worauf Gruben en detail erklärt, wie er die amtlichen, dem aktuellen Wissenschaftsstand entsprechenden Analyse-Operationen angewandt hat.

Halt, interveniert Jochen Haußmann, FDP: War nicht 2008 ein milder Winter und 2015 ein kalter? Das verzerrt doch den Vergleich! Grubens ernüchternde Antwort: Bei der Berechnung gebe es ein Instrument namens „Witterungsbereinigung“, das dazu diene, anhand vorliegender Wetterdaten die Temperatureffekte rauszurechnen. Er habe das versuchsweise mal getan. Ergebnis: Der Vergleich fiel sogar noch ungünstiger für das Jahr 2015 aus! Also habe er auf die Witterungsbereinigung verzichtet.

„Jeder kauft immer größere Autos“, oder: „Wir sind das CO2“

Sie müsse sich „schon wundern“ über diesen Verlauf der Debatte, sagt Astrid Fleischer, Grüne: Was solle das bringe, jetzt die Befunde zu „verharmlosen“ und „mit strengen Wintern“ daherzukommen? In Wahrheit sei es doch so: „Jeder kauft immer größere Autos, immer mehr PS, die Wagen werden immer schwerer. Das Bewusstsein“, dass wir umdenken müssen, „ist nicht unbedingt da, wie ich auch hier in der Diskussion sehe“. Thomas Bezler, ÖDP, assistiert: Jeder Einzelne sei in der Pflicht – „wir sind der Stau, wir sind der Feinstaub, wir sind das CO2.“ –Sicher, wer sich ganz arg Mühe gibt, kann ein paar beruhigende Argumente geltend machen: „Seit 2008 befinden wir uns in einer Zeit des anhaltenden Wirtschaftswachstums, das führt einfach zu mehr Emissionen, ist doch ganz klar“, findet Albrecht Ulrich, Freie Wähler. Und Christoph Jäger, CDU: „Wenn wir keine Anstrengungen unternommen hätten, dann wär’s noch schlimmer.“

Sczuka: "als Hochspringer gestartet"

Aber was Reinhold Sczuka, CDU, sagt, ist auch nicht falsch: „Wir sind als Hochspringer gestartet und haben die Latte dramatisch gerissen.“

Was nun?

„Die Fotovoltaik“ sei noch „ausbaufähig“ im Kreis, plädiert Haußmann. Und Sczuka: Es gebe genug Flächen und Lärmschutzwände entlang der Straßen, dort ließen sich Solarmodule installieren. Worauf der altgedienten SPD-Ökologe und Hermann-Scheer-Jünger Klaus Riedel sarkastisch wird: „Ich find’s ganz großartig, wie alle ihr Herz für die alternativen Energien entdecken.“ Sonst stünden CDU und FDP ja nicht unbedingt bedingungslos hinter der Windkraft. Und Sonnenpower an Lärmschutzwänden? „Das haben wir schon vor 15 Jahren vorgeschlagen“ – damals „hat man uns verflucht“.


Gestärkt: Die Energie-Agentur Rems-Murr

Wenigstens einer durfte sich gestärkt fühlen durch das CO2-Bilanz-Desaster: Jürgen Menzel, Geschäftsführer der Energie-Agentur Rems-Murr. Wozu brauchen wir eigentlich so eine Einrichtung, ist das überhaupt nötig? Diese schnippische Frage stellen manche Kreisräte seit Jahr und Tag. Bis heute zahlen nicht alle Rems-Murr-Kommunen ihren Beitrag zur Finanzierung der Agentur. Wären seinerzeit bei der Gründung Landkreis und Stadt Waiblingen nicht so entschlossen vorangeprescht, um die Finanzierung zu sichern – wer weiß, ob es diese Einrichtung überhaupt gäbe.

Wie nötig die Institution ist, liegt nun offen zutage. Menzel und sein Team werben nicht nur in Schulen für den Klimaschutz – sie haben im vergangenen Jahr auch mehr als 700 Beratungen vor Ort, bei Messen und am Telefon zu den Themen Heizungserneuerung, Fassadendämmung, Dachsanierung gestemmt. Sofern, konservativ geschätzt, nur jeder dritte Interessent die Vorschläge tatsächlich umgesetzt hat, ist von rund 3,5 Millionen Euro privaten Investitionen auszugehen, die Menzel & Co. angestoßen haben; ein satter Beitrag zum Klimaschutz – und nebenbei ein Förderprogramm für die lokale Wirtschaft.