Klimakrise im Rems-Murr-Kreis

Nur wenig klimaneutrale Unternehmen im Kreis

Druckhaus Pressel Co2-neutral
Joachim und Sigrid Pressel drucken digital. Hier läuft gerade das Haushaltsrecht des Landes Nordrhein-Westfalen CO2-neutral durch. Das sind rund 50 000 Bogen Papier. © Palmizi / ZVW

Waiblingen/Remshalden. Sie gehen freitags nicht zur Schule, sondern auf die Straße: Schülerinnen und Schüler demonstrieren gegen die Zerstörung der Erde. Sie kritisieren die Politik. Doch wenn die nicht liefert, könnte ja jeder mal selber anfangen. Unternehmen etwa könnten ganz schön was ausrichten. Doch ein Blick in den Kreis zeigt: Engagement muss gesucht werden.

„Ohne Wenn und Aber!“ steht auf dem Werbeprospekt der Grunbacher Druckerei Pressel. Denn die Pressels drucken klimaneutral. Alles. Und ohne dass der Kunde dafür extra zahlen muss. Die Pressels haben ihr ganzes Unternehmen klimaneutral gemacht. Schon seit 2015. Drum waren sie auch so erstaunt, als das Großheppacher Weingut Ellwanger im vergangenen Oktober so groß in der Zeitung kam. CO2-neutral? Ist das so was Besonderes? „Das machen wir doch schon lang“, fragten sie sich.

Es ist was Besonderes. Nach wie vor und ganz gleich, ob im Weingut oder in der Druckerei. Denn wenige Unternehmen kaufen grünen Strom, energiesparende Maschinen, gucken, dass Anfahrtswege so kurz wie möglich sind, beauftragen ihrerseits so weit wie möglich klimaneutrale Dienstleister und leisten für all die klimaschädlichen Treibhausgase, die sich einfach nicht vermeiden lassen, Ausgleichszahlungen, die in Klimaprojekte gesteckt werden. Jährlich rund 1500 Euro zahlen die Pressels zusätzlich zum teureren Strom, der teureren Spedition, dem teureren Papier, den teureren Maschinen ... Im Jahr 2018 ging das Geld für 122 276 Kilogramm CO2-Äquivalente in ein Wasserkraftwerk in Bulgarien.

Meist steht die Forderung an erster Stelle: Seid billiger

Wenige Kunden wissen das zu schätzen und wählen ihre Druckerei nach diesem Kriterium aus. Bei den meisten steht an erster Stelle die Forderung: Seid billiger. Nur die Ministerien in Berlin, sagt Joachim Pressel, schrieben ihre Aufträge ausschließlich klimaneutral aus. Parteien dagegen knausern. Ämter auch. Überhaupt: Die meisten Kunden wollten den Klimaschutz ungern bezahlen. Die Pressels wünschen sich, dass Klimaneutralität Gesetz wird. Erstens, sagen sie, müsse man den Kunden einfach zum Glück zwingen. Zweitens würde das den Wettbewerb wieder auf ein faires Gleich-Gleich bringen. Und drittens könne einer allein natürlich nichts ändern. Aber viele sehr wohl.

Die Druckerei Pressel wird von Climate Partner betreut, einem Zertifizierungsunternehmen mit Sitz in München. Climate Partner hat auf seiner Homepage eine Karte, in der alle betreuten und zertifizierten Unternehmen zu finden sind. Neun Einträge gibt es für den Rems-Murr-Kreis. Neben Pressels sorgen in Remshalden noch die Wacker Offsetdruck GmbH und die Klingele Papierwerke für Klimaschutz. In Waiblingen sind es die Göhring Druck GmbH, Elanders Print and Packaging und das Druckhaus Waiblingen, in Kernen die Werbeagentur Kolibri, in Fellbach die Druckerei Gress und in Winnenden die Firma Kärcher. Aber: Nicht zu erkennen ist, ob die mit dem Climate-Partner-Logo ausgezeichneten Unternehmen zu 100 Prozent klimaneutral arbeiten wie die Druckerei Pressel, oder ob nur einzelne Produkte oder Materialien als klimaneutral zertifiziert wurden. Auch nicht zu erkennen ist, ob die Kunden die Klimaneutralität extra bestellen und zahlen müssen, oder ob die Leistung im Preis inbegriffen ist.

International anerkannte Projekte unterstützen

Kärcher beispielsweise hat sein Climate- Partner-Zertifikat für ein Konzept, das mit der Produktion und dem CO2-Ausstoß im Gesamtunternehmen nichts zu tun hat. Sondern: Kärcher bietet für zahlreiche Geräte einen jährlichen CO2-Check. Dabei wird für jedes Gerät der CO2-Fußabdruck, der sich aus dem CO2-Ausstoß während der Maschinennutzung ergibt, berechnet. Dieser CO2-Ausstoß wird Jahr für Jahr ausgeglichen, und zwar „indem wir gemeinsam mit Ihnen weltweit international anerkannte Klimaschutzprojekte unterstützen“. Allerdings sei „die Akzeptanz beim Kunden, für ein klimaneutrales Gerät einen höheren Preis zu bezahlen, nach unserem momentanen Kenntnisstand nicht sehr hoch“.

Das Druckhaus stellt seit kurzem einen Wandel fest

Auch das Druckhaus Waiblingen, ein großes Haus mit Offset- und Bogendruck, wird seit drei Jahren für klimaneutrale Druckerzeugnisse von Climate Partner zertifiziert. Das geschieht aber nur auf Kundenwunsch. Man sagt: „Wir bieten Ihnen die Möglichkeit, das Klima zu schonen.“ Doch waren die Kunden vor einigen Jahren noch überhaupt nicht bereit, Geld in Klimaneutralität zu stecken, stellt das DHW seit kurzem einen Wandel fest. Die Kunden wollen mitmachen. Das DHW rechnet dann pro Auftrag aus, wie viel CO2-Äquivalente gekauft werden müssen, und lässt die Kunden wählen: lieber für ein Projekt in Kenia, Papua Neuguinea, Brasilien oder für Engagement in Freiburg oder im Oberallgäu zahlen? Als Faustregel können sich die Kunden merken: Rund ein bis zwei Prozent des Auftragswerts kommen fürs Klima noch obendrauf.

Zurzeit wird gerechnet: Das Druckhaus und der Zeitungsverlag Waiblingen prüfen, ob es machbar ist, die vier Tageszeitungsausgaben, die hier geschrieben und dort gedruckt werden, CO2-neutral zu produzieren. Das wären jährlich rund 60 000 Euro.

Und wen gibt es noch? Die BW Post Rems Murr wird von First Climate aus Bad Vilbel betreut. BW Post verschickt „alle Sendungen ohne Aufpreis“ klimaneutral. 1000 Tonnen CO2-Äquivalente müssen für die Dienstleistung ausgeglichen werden. Das geschieht mit Geld für nachhaltigen Paranussanbau in Peru.

Keine offizielle und kreisweite Liste verfügbar

Und sonst? Sind da wirklich nur so wenige? Nach wie vor ist das kaum rauszufinden. Es gibt keine offizielle und kreisweite Liste. Und Nachfragen bei Zertifizierungsunternehmen fördern auch nichts weiter zutage. Allerdings gibt es schon ziemlich viele. Mit zu den Bekannteren gehört My Climate aus Reutlingen. Dort will man keine Kundendaten öffentlich machen. Auch schon renommiert sind CO2OL mit Sitz in Bonn und der TÜV Süd mit Sitz in München. Beide erklären, dass sie noch kein Unternehmen aus dem Kreis zertifiziert haben.

Wie es aussieht, müssen die Schülerinnen und Schüler, die für den Klimaschutz demonstrieren, noch einen langen Atem haben. Und hoffentlich kommen sie mit der S-Bahn oder dem Fahrrad zur Demo gefahren.


Klimaneutral

Die Aldi-Süd-Filialen „handeln in Deutschland seit dem 1. Januar 2017 klimaneutral“, heißt es auf der Aldi- Homepage unter den Stichworten „Verantwortung“, „Umwelt“ und „Klimaschutz“. Man habe die Betriebsabläufe optimiert und überall neueste Technik eingesetzt. Man erzeuge mit Fotovoltaikanlagen auf den Filialdächern grünen Strom und kaufe auch grundsätzlich nur grünen Strom ein.

„Derzeit nicht vermeidbare CO2-Emissionen“ werden – mit Hilfe von Climate Partner – kompensiert.