Klimakrise im Rems-Murr-Kreis

Psychologe: "Wir gehen unfassbar dämlich mit der Krise um"

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Christoph Burger, Psychologe aus Herrenberg, Mitglied der Psychologists for Future, zum Thema Klimawandel-Leugner und wie es die Menschheit besser machen könnte. © Joachim Mogck

Waiblingen. Die Wissenschaft ist sich in Sachen Klimawandel einig, der Rest der Welt aber offenbar nicht.  Die einen wollen das Klima mit allen Mitteln retten, die anderen es nicht wahr haben. Und die Politik sieht schweigend zu und handelt nicht. Wie kommt es, dass wir angesichts einer so großen globalen Bedrohung eher gespalten sind als vereint?  Wir fragen dazu Diplom-Psychologen Christoph Burger aus Herrenberg. Das komplette, ungekürzte Interview kann man in unserem Podcast "Mieses Klima - der Podcast zur Klimakrise" hören.

Herr Burger, können Sie irgendwie erklären, wieso wichtige Entscheidungsträger und auch normale Menschen den menschengemachten Klimawandel verharmlosen oder ihn gar komplett leugnen?

Das ist natürlich eine spannende Frage: wie funktionieren Menschen. Studien sagen, es kommt dabei auf mehrere Faktoren an. Genannt werden beispielsweise Motivationen wie Gier, Ideologie und Glaube. Eine US-Studie stellte einen Zusammenhang aus wissenschaftlicher Unkenntnis, rechter Ideologie, Religion, und konservativer, kollektiver Identität fest. Wir sehen sowas wie Abwehr, Verdrängung, Verleugnung als Reaktionen auf das, was wir als unlösbares Problem wahr nehmen. Kognitive Dissonanzen spielen auch eine Rolle. Das heißt, wenn man als Politiker eine gut bezahlte und einflussreiche Position hat und die gerne behalten möchte, dann schaut man, dass man die Fakten so sortiert kriegt, dass es weiterläuft. Es gibt zahlreiche psychologische Erklärungen die man anführen kann. Aber die Frage ist, ob uns das wirklich weiter bringt. Je mehr wir uns auf Erklärungen konzentrieren, desto eher gerät aus dem Blick, in welcher Situation wir uns insgesamt befinden. Insgesamt als Menschheit gehen wir mit der Krise unfassbar dämlich um. Positiv formuliert, haben wir viel Entwicklungspotenzial.

Inwiefern?

Ich denke, dass die Krise uns darauf drängt, dass wir uns weiter entwickeln müssen. Es gibt seit 50 Jahren Empirie, die beschreibt, wie Menschen sich entwickeln, kulturübergreifend, weltweit. Diese Entwicklung läuft in eine bestimmte Richtung, zwar über eine Spirale, aber eigentlich weg vom Ego.

Das heißt, der Mensch ist im Moment zu egoistisch und interessiert sich deswegen kaum für die Bedrohung des Klimawandels?

Genau, das Ego steht im Vordergrund. Wobei noch andere Effekte dazu kommen, die Folgen des Klimawandels etwa sind im reichen Deutschland noch nicht spürbar. Verhungert und verdurstet wird hier nicht, extreme Missernten werden hier noch nicht eingefahren. Wenn es näher zu uns käme, dann würde der Egoismus anders greifen. So aber ist es noch zu weit weg. Es gibt Untersuchungen, dass nur fünf Prozent der Menschen in der Lage sind, bis ans Lebensende voraus zu denken und auch so vorausschauend zu handeln. Also ihr Selbst- und Weltbild darauf auszurichten. Unser Selbst- und Weltbild aber, in dem wir stecken, führt das Regiment über alles andere, auch über die Fakten

Es fällt uns also unheimlich schwer, uns vorzustellen, dass es wirklich mal hart auf hart kommen könnte mit dem Klimawandel?

Genau. In dem Moment, wo es hier lokal Überschwemmungen gibt, wo es massive Missernten gibt, die auch der Verbraucher merkt, und diese auch klar mit dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht werden, dann würde ein Umdenken sehr, sehr viel leichter fallen.

Die Folgen sind also noch zu abstrakt für viele? Selbst wenn der letzte Klimabericht zeigt, dass Deutschland sogar weltweit am drittstärksten vom Klimawandel betroffen ist?

Ja, das beweist nur, wir sind in einem reichen Land und wir puffern die Folgen mal eben so ab.

Ist es deswegen so schwierig zu akzeptieren, dass der Klimawandel menschengemacht ist und man folglich als Mensch auch was ändern könnte?

Das hängt natürlich damit zusammen. Wenn ich mich nicht ändern will, dann liegt es nahe zu sagen, da kann ich ja gar nichts ändern. Dann hat sich das schon erledigt.

Angstgetriebene Politiker

Wie ist es, wenn Entscheidungsträger nicht handeln? Wir haben in der Wissenschaft Einigkeit, aber in der Politik gar nicht, Parteien blockieren sich bei Entscheidungen zum Klimaschutz gegenseitig. Hat das Auswirkungen darauf, wie Menschen auf den Klimawandel reagieren?

Das hat tatsächlich massive Auswirkungen auf die Menschen. Es gibt Messungen, wonach gerade diese Klimakonferenzen, wie jüngst in Madrid, im Menschen den Eindruck erwecken, dass da was passiert. Fakt ist aber, es passiert gar nichts. Es wird geredet und hin und her geschoben, wer was zu tun hat, aber keiner tut was. Man delegiert die Verantwortung einfach an die Politiker, man schreibt ihnen also eine Kompetenz zu, die in Wirklichkeit gar nicht da ist. Weil gerade Politiker sich darum drücken zu handeln, sie fürchten sich zu sehr.
Es gibt eine Rekonstruktion der Klimaverhandlung vom 20.September [vom Spiegel, Anmerk. d. Red]. Da saßen lauter Machtmenschen am Tisch, aber in der Rekonstruktion ist ganz viel von Ängsten die Rede. Ängste vor den eigenen Wählern, Ängste vor den AfD-Wählern. Eigentlich ein hilfloses, angstgetriebenes Verhalten und wir bräuchten tatsächlich Mut und eine Führung. Wir haben eine Desorientierung in der Gesellschaft, verschiedene Probleme, die aber nicht wirklich priorisiert werden, wir reden über Gendersternchen und Toiletten fürs dritte Geschlecht, und haben gleichzeitig, so nebenbei, eine Klimakrise. Der logische Ausweg wäre, dass die Regierung die Führung übernimmt, das Ordnungsprinzip herstellt, den Klimawandel zur obersten Priorität erklärt und sich auf die Empfehlungen der Wissenschaftler einigt.

Sie sagen, es mangelt auch an Führung. Jetzt gibt es Greta Thunberg, die ja sowas wie eine Führungspersönlichkeit für die jüngere Generation geworden ist. Sie ist das Gesicht der Fridays for Future-Bewegung geworden und ihr schlägt unheimlich viel Hass entgegen, nicht nur, aber insbesondere in den sozialen Netzwerken. Wie kommt es, dass ein 16-jähriges Mädchen, das ja von einem selbst gar nichts will, sondern nur die Politik zum Handeln auffordert, so intensiv gehasst wird?

Es ist viel einfacher, Hass zu empfinden, wenn man etwas nicht will, wenn man sich selbst nicht umstellen will, die Welt einfach so behalten will, wie sie ist. Die Leute sehnen sich nach einem Weltbild, wie es die AfD suggeriert, so ein 50er-Jahre Heile-Welt-Bild, auch mit klaren Rollen in der Familie. Das müssen wir auch akzeptieren, das ist Sehnsucht, das ist das Gegenstück zur Relativierung. Das macht uns darauf aufmerksam, dass die gesellschaftliche Elite in der Relativierungskrise steckt. Die Menschen wollen Sicherheit und wollen keine Veränderung und die einfachste Methode ist, ein Hassobjekt zu finden und sich darauf zu konzentrieren.

Das erklärt auch, warum ganz normale Menschen, die sich bei Demos oder anderweitig gegen den Klimwandel engagieren, auch beleidigt und hart angegangen werden? Der typische Satz nach jeder Freitagsdemo ist ja „und wer räumt den Müll weg, den die jetzt da lassen?“

Genau, da wird das Denken eingestellt, denn das eine hat ja mit dem anderen gar nichts zu tun. Der VfB Stuttgart muss ja auch nicht aufhören zu spielen, nur weil im Stadion regelmäßig Müll von den Fans liegen bleibt. Da sucht man eben einfach einen Anlass. Daran sieht man, dass diese Selbst- und Weltbilder, in denen wir funktionieren, den Fakten übergeordnet sind. Und wenn eine Greta Thunberg jetzt daher kommt und unser Selbst- und Weltbild angreift, greift sie im Grunde unser Leben an. Und das erklärt den Hass. Wenn man in diesem primitiven Weltbild gefangen oder unter Stress und bestimmten Umständen wieder in ein solches Weltbild zurückgefallen ist, dann regiert dieses Weltbild und die Fakten werden vollkommen verdreht, und aus einem Teenager, der sich Sorgen um die Welt macht, wird plötzlich ein Hassobjekt. Das ist aber auch menschlich, das dürfen wir nicht vergessen.

"Es ist eine menschengemachte Krise - und gemeinsam müssen wir da auch wieder raus"

Wenn man jetzt selber von solchen Hassattacken betroffen wäre, weil man sich öffentlich gegen den Klimawandel engagiert, was könnte man machen, was würden Sie empfehlen?

Wir müssen zusammen aus der Krise. Wir können mit Menschen sprechen, die uns verstehen, aber es gibt auch professionelle Hilfe, wie die Psychologists for Future, die da zur Verfügung stehen.

Das ist die Bewegung "Psychologist/Psychotherapists for Future", der Sie auch angehören. Warum ist das Thema auch für Psychologen und Ärzte wichtig?

Wir haben eine menschengemachte Krise. Das heißt, wir müssen hier als Menschen gemeinsam heraus finden. Die Psychologen schauen immer, wie können wir zusammen etwas erreichen und nicht gegen einander stehen. So muss es eben in der Politik den Konsens geben in Entsprechung zum Konsens in der Wissenschaft und so kommt man auch aus einer persönlichen Krise, wenn man angefeindet wird. Nicht zurück feinden, das bringt niemanden was. Auch in der Argumentation mit den Klimaleugnern ist es so, dass das besser über Gemeinsamkeiten funktioniert, also zuhören, worum geht es ihnen denn eigentlich. Beispielsweise um Sicherheit, um Ordnung? Über gemeinsame Bedürfnisse kann man einen Weg für die gemeinsame Umsetzung finden.

Wenn ich also ein Familienmitglied habe oder im Freundeskreis ist jemand, der aktiv den menschengemachten Klimawandel leugnet und sagt, da kann man eh nichts machen, wie kann ich mit demjenigen ins Gespräch kommen, ohne dass gleich die Fetzen fliegen?

Einfach mal zuhören, mal nach nach den Gründen fragen, warum er das so sieht. Wenn er spürt, da ist kein Hass, da sind keine Vorurteile, auch nicht der erhobene Zeigefinger und „du tust das Falsche“, dann funktioniert das ganz gut. Es ist auch wichtig, nochmal über das Thema Verzicht zu sprechen. Die Leute reden über Verzicht, über Verbote, und verstehen dabei aber nicht: Im Gehirn haben wir nur Biochemie, nur elektrische Impulse. Dem Menschen geht es in erster Linie darum, Glückshormone auszuschütten.
Jetzt muss man auch als Klimaschützer akzeptieren, dass auch Glückshormone ausgeschüttet werden, wenn man im Flieger sitzt zur Fernreise oder man im Porsche das Gaspedal durchdrückt. Das ist auch vollkommen in Ordnung, wenn das einer weiter so machen will. Nur hat das Handeln eben auch bestimmte Folgen. Aber genau über die Folgen und die Gemeinsamkeit, dass wir ja alle eigentlich nur Glückshormone spüren wollen, kommt man auf eine gemeinsame Basis. Wenn ich in die Augen einer geliebten Person schaue, dann schütte ich genaus so viele Glückshormone aus, wie wenn ich beim Porsche auf das Gaspedal drücke. Es ist nur nachhaltiger und auf jeden Fall ohne CO2-Fußabdruck.

Sie raten also, nicht zu predigen, auf was man verzichten soll, sondern was man statt dessen tun könnte, um diese Glückshormone auszuschütten.

Genau. Verzicht ist auch das vollkommen falsche Wort. Es geht nur darum, ein paar blöde Gewohnheiten abzulegen und sich umzustellen.

Genau so wie wenn wir dumme Gewohnheiten ablegen müssen, um endlich abzunehmen oder mit dem Rauchen aufzuhören? Wir müssten also, um das Klima wirklich zu schützen, auch quasi eine gesündere Lebensweise für den Planeten führen?

Absolut. Ja, wir brauchen eine Regierung die sich bekennt zu Regulierung und zu Regeln. Das ist ja ganz normal, das war früher nicht anders. Wenn die Regierung sagt, wir machen das, dann kann das auch funktionieren. Wir nennen sowas in der Psychologie Verantwortungsdiffusion und diese Klimakrise ist ein ganz extremes Beispiel dafür: Wenn viele Menschen verantwortlich sein könnten für eine Sache, fühlt sich am Ende gar keiner verantwortlich. In der Klimakrise müssten letzlich alle dazu beitragen und fast keiner fühlt sich dafür verantwortlich. Wir brauchen jetzt eigentlich sowas wie einen Kippeffekt in der Bevölkerung, der ausgelöst wird von der Regierung. In diesem Moment hätten Sie auch das Problem mit der AfD los, weil man ihr dann zu Recht vorwerfen könnte, dass sie nicht auf der Seite der Vernunft und nicht auf der Seite der Wissenschaft stehen. Solange die Politik aber nicht handelt und nur notdürftige Klimapäckchen schnürt, geht das nicht. Diesen Widerspruch merken die Menschen.

 

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe aus Herrenberg, spezialisert in Karriere-Beratung, beschäftigt sich aber auch intensiv mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Menscheit.