Mafia im Rems-Murr-Kreis

Der Promi-Wirt und der Meistersänger

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Mehr als 160 mutmaßliche Mitglieder und Helfer der kalabrischen Mafia „Ndrangheta“ wurden Anfang Januar in Italien (das Bild zeigt den Polizeieinsatz) festgenommen – zu Verhaftungen kam es auch im Rems-Murr-Kreis. © Arma dei Carabinieri

Waiblingen. Dass die Ndrangheta, die kalabrische Mafia, auch im Rems-Murr-Kreis seit vielen Jahren präsent ist, haben wir in Teil eins unserer Serie beleuchtet. In der zweiten Folge: ein näherer Blick auf Personen und Netzwerke.

Taufe - Oder: Was ist die Ndrangheta?

Eine Handvoll Männer, eng umeinandergeschart, der Zeremonienmeister spricht: „An diesem heiligen Abend, in der Stille der Nacht und unter dem Licht der Sterne und dem Glanz des Mondes, formiere ich die heilige Kette.“ Eine Nachwuchskraft, die sich bewährt hat, wird als „verbürgter weiser Bruder“ aufgenommen in die „heilige Gesellschaft“ der Ndrangheta: „Sprecht mit mir – ich schwöre, alles bis zum Ende der siebten Generation zu verleugnen“, um „die Ehre meiner Blutsbrüder zu schützen.“ Eine „Mafia-Taufe“: Vor einigen Jahren gelang es italienischen Ermittlern, das bizarre Ritual mit versteckter Kamera zu filmen.

Archaische Schweigegelübde, pseudoreligiöses Brimborium – das ist das eine Gesicht der in den dörflichen Gegenden Kalabriens wurzelnden Ndrangheta. Das andere: Die Formation ist ein moderner Global Player. Staatsanwalt Nicola Gratteri, einer der bekanntesten Mafiajäger Italiens, sagte einmal: Die Ndrangheta habe ihre Leute bereits „in den 70er und 80er Jahren“ nach Lateinamerika geschickt, um Vertriebsnetze für den europäischen Kokain-Handel zu knüpfen. Das italienische Wirtschaftsforschungs-Institut „Demoskopika“ schätzt, dass die weltweit etwa 50 000 Mitglieder und Unterstützer der Ndrangheta einen Jahresumsatz von 53 Milliarden generieren.

 

 

Lange Jahre war „Mafia“ ein Synonym für grauenhafte Taten: In den 80er und frühen 90er Jahren legte sie eine Blutspur durch Italien. Hartnäckig ermittelnde Staatsanwälte wurden auf offener Straße umgebracht. Nach den Morden an Giovanni Falcone und Paolo Borselino im Jahr 1992 aber formierte sich innerhalb der seinerzeit tonangebenden sizilianischen Cosa Nostra Widerstand gegen den damaligen Boss Salvatore „Toto“ Riina. Zahlreiche Inhaftierte, nicht mehr einverstanden mit Riinas brutalem Führungsstil, kooperierten mit den Strafverfolgern. Riinas Nachfolger Bernardo Provenzano begriff: Allzu großes öffentliches Aufsehen erregende Attentate sind auf Dauer geschäftsschädigend. Was nützte es den Bossen, wenn sie im Geld schwammen – und sich in einem Erdloch verstecken mussten vor den Strafverfolgern? Der neue Pate folgerte: Die Mafia darf nicht gegen den Staat, sie muss mit dem Staat operieren. Und weitete sein Netzwerk auf politische Entscheider aus; seit 1992 wurde in Italien kein Mafia-Jäger mehr ermordet.

Das Gesicht der Mafia habe sich „komplett geändert“, erklären Experten des Landeskriminalamts. Vor 20 Jahren noch habe jeder Beamte, der in dem Bereich ermittelte, im Regal ein Buch stehen gehabt, ein Standardwerk: Es enthielt die Top 100 der gesuchten Mafiosi. Heute sei von all denen noch genau einer auf freiem Fuß. Der Rest: inhaftiert oder verstorben. Das organisierte Verbrechen aber ist deshalb nicht verschwunden. Es versucht nur, sich unsichtbar zu machen. „Die heutigen Mafiosi leben unter uns“, unauffällig, „als Geschäftsleute, Bauunternehmer, Immobilienbesitzer, Gastwirte, Anwälte“; auch im Rems-Murr-Kreis.

„Sehr charmant“ - Eine Karriere

Mario L. wurde 1956 geboren in der 3000-Seelen-Gemeinde Mandatoriccio ein paar Kilometer nördlich der Provinz Crotone. 60 Jahre später war er im Rems-Murr-Kreis so etwas wie eine öffentliche Persönlichkeit. Er betrieb diverse Pizzerien und dazu in Kalabrien eine imposante Ferienanlage mit Bungalows, Campingplatz, Supermarkt, Restaurant und von Olivenbäumen umkränzter Strandbar.

Wenn L. zu Festen lud, zu kalabrischen Abenden, mal in die Alte Kelter in Fellbach, mal in die Schwabenlandhalle, war es „für viele eine Ehre“, dabei zu sein, erzählen LKA-Ermittler. Die Gäste „brachten selbst Gebackenes mit“ und waren „stolz“ auf den „engen Kontakt“. Auch der eine oder andere Rems-Murr-Prominente wurde zu solchen Anlässen gesichtet. Leute, die ihn kennen, beschreiben Mario L. als „charmant“, „sympathisch“, „immer fröhlich“, als „Vorzeige-Italiener“, erfolgreichen Geschäftsmann, geselligen Gastgeber. So war es bis zuletzt, noch 2016, bei der rauschenden Feier seines 60. Geburtstages.

Antimafia-Großoperation „Styx“

Im Januar 2018 aber wurde er verhaftet, im Zuge der italienischen Antimafia-Großoperation „Styx“. Der Vorwurf: Mario L. soll eine Schlüsselfigur für die Deutschlandgeschäfte des Ndrangheta-Clans Farao-Marincola gewesen sein. Er gelte als „graue Eminenz“ dieser Formation in Deutschland, schrieben die investigativen Journalisten David Schraven und Maik Meuser bereits 2017, die für ihr Buch „Die Mafia in Deutschland“ Massen von Akten und Gesprächen mit italienischen Ermittlern ausgewertet haben: In seinem „Umfeld finden sich etliche Menschen mit Bezügen zur Ndrangheta“. Wenn Clanchef Giuseppe Farao – mittlerweile auch verhaftet – aus Kalabrien anreiste, habe Mario L. „den roten Teppich“ ausgerollt.

Wenngleich L. noch bis vor kurzem recht breites Ansehen genoss – Geraune umwabert ihn schon seit Anfang der 90er Jahre. Der Wirt betrieb damals ein Restaurant in Weilimdorf, die Polizei zapfte sein Telefon an; und hörte immer wieder die Stimme des CDU-Politikers Günther Oettinger. Der nämlich verkehrte nicht nur in „Mariuzzos“ Pizzeria, sondern ließ den Gastronomen zwischen 1991 und 1993 auch mehrere kalabrische Abende für die CDU-Landtagsfraktion ausrichten. Mario L. soll dafür, umgerechnet in heutige Währung, rund 20 000 Euro erhalten und im Gegenzug Tausende Euro an die Partei gespendet haben. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen.

Ausgeliefert

Danach erlitt L.s Karriere als Wirt der Wichtigen einen jähen Knick: Er wurde festgenommen. 1994 kam er zunächst zwar wieder auf freien Fuß, weil er zwei Millionen Kaution aufbrachte und 1,3 Millionen Steuerschulden nachzahlte – dann aber folgte die Auslieferung nach Italien und ein Prozess am Schwurgericht Cosenza. Das Gericht stellte fest: Man könne „als bewiesen annehmen“, dass Mario L. Beziehungen zur Führung der Ndrangheta der Provinz Crotone gepflegt habe, insbesondere zu den Bossen des Farao-Marincola-Clans.

Großes Aber: Es fehle „der Beweis dafür, dass der Angeklagte mit Hilfe eines Rituals in die kriminelle Vereinigung aufgenommen wurde.“ L. wurde aus der Haft entlassen und kehrte nach Deutschland zurück. Zu seinem weiteren Werdegang gibt es eine in Ermittlerkreisen verbreitete Mutmaßung: Die Tatsache, dass es ihm in den 90er-Jahren gelungen war, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, habe sein Ansehen befördert, seinen Ruhm gemehrt.

Und nun? „Müssen wir gespannt sein“, heißt es beim LKA. Wie es weitergeht, darüber lasse sich nur spekulieren: Mario L. drohen, so heißt es aus italienischen Ermittlerkreisen, etwa 20 Jahre Haft; wird er, um ein milderes Urteil zu erwirken, eine Aussage machen, die zu weiteren Polizei-Zugriffen auch in Deutschland führen könnte? Oder lassen sich die Vorwürfe nicht juristisch wasserdicht belegen? Mario L. ist noch nicht verurteilt, bis auf weiteres gilt die Unschuldsvermutung.

Stimmenkauf - Ein Schlaglicht

Dass die Ndrangheta im Raum Stuttgart viele Strippen zieht, beleuchtete im Jahr 2008 ein äußerst schräger Fall. Damals bewarb sich ein bis dato kaum bekannter italienischer Politiker um einen Parlamentssitz – und wurde überraschend gewählt. Der Mann, der seinerzeit meist in Brüssel weilte, kandidierte als Auslandsitaliener, weshalb auch seine 60 000 Landsleute in der Region Stuttgart ihn wählen konnten. Bei der Auswertung der Wahlunterlagen aus Stuttgart fiel auf, dass viele mit demselben Stift und in derselben Handschrift ausgefüllt waren.

Es stellte sich heraus: Stimmenkäufer waren im Großraum Stuttgart auf Sammeltour über Land gefahren, hatten bei Wahlberechtigten gegen 50 Euro oder einen Essensgutschein Wahlzettel erworben und so dem Kandidaten ihres Vertrauens Voten zugeschanzt. Abhörprotokolle der Polizei dokumentierten, wie sich einer der Handlanger beschwerte: „Dann sind wir ins Haus von so ein paar armseligen Italienern. Da bellt der Hund, da kackt die Kleine – und dann geben sie uns grade mal zwanzig Stimmzettel! Heute Abend bin ich fix und fertig, ich hab’ 40 oder 50 Wahlbriefe ausgefüllt, morgen mache ich weiter.“

Klinkenputzen für mehr Stimmen

Wer der Geschichte nachrecherchiert, hört Sätze wie diesen: Klar, das hätten damals viele mitbekommen, „meine Eltern wurden auch angerufen.“ Die Stimmenkäufer, die offenbar in den Besitz einer Wählerliste gekommen waren, hätten regelrecht Telefon-Marketing betrieben, ganz unverfroren allerorten angeklingelt und geworben: Wer seinen Stimmschein an einer Adresse in Fellbach abgebe, erhalte einen Fünfziger auf die Hand.

Im Februar 2010 wurde der Wahlsieger festgenommen – der Vorwurf des Stimmenkaufs wog dabei nicht am schwersten; der Politiker soll der Ndrangheta auch jahrelang bei der Geldwäsche geholfen haben.

Belcanto - Und andere Rems-Murr-Bezüge

Mario L. ist nicht der einzige aus Kalabrien stammende Italiener im Rems-Murr-Kreis, den Ndrangheta-Ermittler auf dem Radar haben. Beispiele ...

Fall A: Zwei Verwandte, die im Kreis eine Gaststätte betreiben, gelten der italienischen Polizei als mutmaßliche Angehörige des Clans Cariati-Anania und/oder des Clans Farao aus der Provinz Crotone.

Fall B: Ein weiterer Wirt aus dem Kreis soll laut italienischen Behörden zum Clan Greco-Crescente – Stammsitz: ebenfalls Crotone – gehören und ein alter Bekannter von Mario L. sein.

Fall C: Ein Bekannter von B und mutmaßlicher Farao-Mann soll in den 90er Jahren mehrere Gaststätten, unter anderem im Kreis, geleitet und in Waiblingen gelebt haben. Zwei Jahre lang saß er wegen illegalen Glücksspiels, Hehlerei, Schutzgelderpressung und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz in Haft. Er wurde 1998 nach Italien abgeschoben.

Fall D: Ein mit Mario L. geschäftlich verbundener Gastronom, der in der Öffentlichkeit als „ehrenwerter Bürger“ mit „besten Beziehungen“, als „Saubermann“ gelte und nach Informationen unserer Zeitung auch diverse Immobilien im Kreis besitzen und vermieten soll, scheint ebenfalls im Kripo-Fokus zu stehen.

Fellbacher Clubbetreiber verhaftet

Bei der Operation Styx im Januar 2018 nahm die Polizei einen Mann namens P. fest, vorbestraft wegen Korruption und Falschgeldhandels, Betreiber eines italienischen Clubs in Fellbach – dort sollen sich, glauben die Ermittler, regelmäßig Farao-Leute getroffen haben.

P.s Bruder lebt in Kalabrien im Städtchen Ciro Marina, Provinz Crotone, und steht laut italienischen Behörden ebenfalls im Verdacht, zum Farao-Clan zu gehören. Im Jahr 2005 tauchte dieser Bruder in Fellbach auf bei einem – von Mario L. organisierten – kalabrischen Fest. Die beiden sollen sich gemeinsam mit weiteren Gästen am Rande der Veranstaltung zu einer Geschäftsbesprechung in ein Nebenzimmer zurückgezogen haben.

 

Jener Abgesandte aus Kalabrien habe allerdings auch zum öffentlichen Teil des Festes einen denkwürdigen Beitrag geleistet: Der Mann ist offenbar nebenbei ein recht ambitionierter Sänger – und 2005 in Fellbach soll er während der Party eine heimatliche Weise geschmettert haben.

Ein Belcanto-Held ergreift bei einer Zusammenkunft der Familie das Mikro und schraubt die Stimme in Sehnsuchtshöhen empor – wer sich diese Szene vorstellt, fühlt sich wie im falschen Film; oder doch im richtigen? Ähnliches geschieht in der Eröffnungssequenz des weltberühmten Mafia-Epos ' „Der Pate“.

Die Organisation

Die wichtigste Vertrauenswährung, das zentrale Strukturprinzip der Ndrangheta ist – weit stärker als bei der sizilianischen Cosa Nostra – bis heute die Blutsverwandtschaft.

Die kleinste Operationszelle der Ndrangheta – sie umfasst oft nur eine Handvoll Leute – heißt Ndrina. Mehrere Ndrine zusammen bilden ein Locale mit etwa 50 Leuten. Der Leiter eines Locale heißt Capo Locale, ihm zur Seite stehen der Contabile (Buchhalter) und der Capo Crimine (Leiter des operativen Geschäfts).

In der Ndrangheta gelten straffe Hierarchien – der Aufstieg führt vom Giovane d’Onore (Knabe der Ehre) über Picciotto d’Onore (Jüngling der Ehre), Camorrista (unterste Stufe der Mitgliedschaft), Sgarrista und Santista (wer diese Würde genießt, darf im Namen der Organisation mit Nicht-Mitgliedern wie Politikern verhandeln) bis zum Vangelo (der mit einer Hand auf der Bibel ewige Treue schwört).