Mafia im Rems-Murr-Kreis

Die Bevölkerung schweigt

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Symbolbild. © Alexander Roth

Waiblingen. Mafiosi leben mitten unter uns. Niemand bestreitet das. Nach zwei Festnahmen in Waiblingen und Fellbach im Januar brodelte es gewaltig in der Gerüchteküche. Auffällig schnell ist wieder Ruhe eingekehrt, zumindest nach außen hin. Die Mafia „baut auf Stillschweigen in der Bevölkerung“, sagt ein Kalabrese aus Waiblingen. Die Strategie hat Erfolg.


Sie antworten einfach nicht. Anfragen dieser Zeitung bei deutsch-italienischen Vereinigungen, bei Wirtschaftsvertretern, Sport-Funktionären, Privatpersonen verschwinden im Orkus. Keine Reaktion. Das Signalwort „Mafia“ reicht offenbar, und der Strom aus diesen wunderschönen italienischen Wörtern versiegt abrupt.

Allein zwischen Fellbach und Waiblingen leben Tausende Menschen aus Kalabrien. „Ndrangheta“ heißt die kalabrische Mafia, und viele Rems-Murr-Bürger kennen Orte wie Ciro oder Cariati nicht nur aus dem Reiseführer. Sie stammen aus Gegenden, die als Stimmsitze von Ndrangheta-Clans gelten.

Namen sollen nicht genannt werden

Das allein sagt gar nichts. „Man kann nicht daraus schließen, dass jeder ein Mafiosi ist, der hier wohnt“, sagt ein einflussreicher, im Remstal verwurzelter Kalabrese und schiebt hinterher: Nicht meinen Namen nennen. Nicht in diesem Zusammenhang.

„Man schwätzt nicht mehr nach außen als notwendig“, sagt Thomas Raiser. Als Pastoralreferent der italienischen katholischen Gemeinde S. Antonio da Padova Waiblingen richtet er sein Augenmerk aufs Positive: „Vieles, was ich in Kalabrien erlebe, gerade auch im Kulturbereich, macht mir Hoffnung.“ Er spricht von einem „vielschichtigen Kampf“ gegen das „Unwesen“ Ndrangheta und nennt Schulen in Kalabrien als Beispiel: Dort werde „bewusst und intensiv“ zu „Aufrichtigkeit und Legalität“ erzogen. Den „verklärenden Mythos von der Einheit von Kirche und Mafia“ mahnt er dringend zu hinterfragen: Angehörige der Ndrangheta „meiden heute Kontakte mit der Kirche, weil auf sie kein Verlass mehr ist wie früher vielleicht einmal. Pfarrer und Bischöfe haben unter hohem persönlichen Risiko Prozessionen verboten, weil sie Teil von sozialen Ritualen des organisierten Verbrechens waren.“

Ein Verein stellt sich der Mafia entgegen

Es gibt ungezählte Vereine und Institutionen in Deutschland, die sich um deutsch-italienische Beziehungen kümmern, Sprachkurse anbieten, kulturelle Veranstaltungen auf die Beine stellen. Nur ein einziger Verein stellt sich mit Macht der Mafia entgegen. Der Journalist, Autor und Vorsitzende des Vereins „Mafia – nein danke!“ Sandro Mattioli zählt zu den wenigen, die Öffentlichkeit nicht scheuen. Dass die Mafia sich seit langer Zeit angepasst hat an die Gesellschaft, ihre Nischen geräuschlos gesucht und gefunden hat, dass die stille Akzeptanz „die bislang von unten kam, nun immer mehr zu einer Akzeptanz innerhalb der Elite geworden ist“, wie es in einer Veröffentlichung des Vereins heißt, macht seine Arbeit nicht einfacher.

Mit welcher Intensität die Mafia verflochten ist mit der Wirtschaft, der Politik, der Bürgerschaft – „das kann ich nicht einschätzen“, sagt jener Kalabrese aus Waiblingen, der nicht namentlich genannt werden will. Er selbst sei, obwohl vielseitig engagiert, niemals kontaktiert worden von diesen Leuten. „Das fand ich auch komisch, dass mich niemand angesprochen hat.“

Akzeptanz auch innerhalb der Eliten

Kalabresen im Rems-Murr-Kreis pflegen enge Kontakte. „Wir kennen uns alle. Wir sind sehr verbunden.“ Dass zwei von ihnen, ein 61-Jähriger und ein 47-Jähriger, am 9. Januar festgenommen wurden, löste Entsetzen aus. Es klingt, als ob die allermeisten aus der kalabresischen Gemeinschaft mit allem Möglichen gerechnet hätten. Aber nicht damit. Als die ersten Informationen durchsickerten zum nach dem Unterwelt-Fluss „Styx“ benannten Schlag gegen die Ndrangheta vom 9. Januar, durchflutete diese eine Frage sämtliche einschlägige Whats-App-Gruppen: Wer?

Italienische Behörden halfen unkompliziert aus. Sie veröffentlichten eine Liste mit den Namen aller Verdächtigen im Internet. „Die Leute sind fertig. Erledigt“, konstatierte seinerzeit ein Landsmann sichtlich betroffen.

Wenn die Ehefrau selbst zum Ziel wird

„Fertig. Erledigt.“ Solche Worte passen auch zum Lebenslauf von Maria Giordano. „Ich bin im Oktober 1981 geboren, und es wäre besser, wenn das nicht passiert wäre.“ Mit diesen Worten zitieren die Journalisten David Schraven und Maik Meuser die Kronzeugin in ihrem Buch „Die Mafia in Deutschland“.

Maria kommt in Backnang zur Welt, verbringt ihre ersten Jahre in Winnenden, den Rest ihrer Kindheit in Kalabrien. Als Elfjährige muss sie nach Winnenden zurück, weil ihre Eltern es so wollen. Als Handlangerin ihres Mannes unterstützt sie später die Ndrangheta. Sie erträgt die Gewaltausbrüche ihres Mannes, bringt Kinder zur Welt, leidet, lebt in Angst, wird Augenzeuge brutaler Racheszenen unter Mafiosi. Bis sie selbst zum Ziel wird. Sie bricht die wichtigste Regel innerhalb des Clans, und die lautet: Halt’s Maul.

Maria bringt mit ihren Aussagen Angehörige der Ndrangheta ins Gefängnis. Von dort erreicht sie die Botschaft: Sie werden dich töten. Aber nicht vor den Kindern. Es folgen Drohungen und Brandstiftungen und Schlimmeres. Maria packt dennoch bei der Polizei aus, wird in Italien ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen, lebt mittlerweile mit einem neuen Partner zusammen, von dem sie das zweite Kind erwartet. Im Zeugenschutz läuft längst nicht alles wie es soll. Maria pendelt zwischen Italien und Winnenden. Im März 2011 verlässt sie das Zeugenschutzprogramm.

Kronzeugen: Schutz gestaltet sich schwierig

Später wird sie in langen Gesprächen mit den Journalisten, die ihre Geschichte in einem Buch aufarbeiten, immer wieder das Schicksal einer anderen Kronzeugin thematisieren, die sie kennt. Diese Frau lag eines Tages tot in einer Wohnung, „das Gesicht zum Boden gedreht, als Symbol dafür, dass dieser Mensch nie mehr reden würde.“

Beim Landeskriminalamt in Stuttgart gibt es auch ein Zeugenschutzprogramm. Darüber redet man nicht gern. Natürlich zum Schutz der Zeugen, aber nicht nur deshalb. Wer als Kronzeuge sein Leben geschützt haben will, der muss es aufgeben. Wer seine Ruhe haben will, muss schweigen.

Nicht zum Schweigen, sondern zum Zwecke des Austauschs pflegen Deutsche und Italiener ein in vielen Jahren gewachsenes Netz von Begegnungsstätten, Stiftungen, Partnerschulen und Kulturgesellschaften, das weltweit seinesgleichen sucht. Laut Auswärtigem Amt ist Deutschland außerdem mit Abstand Italiens wichtigster Handelspartner. Umgekehrt steht Italien für Deutschland als Importland an fünfter, als Exportland an sechster Stelle. Bereits die dritte Reise des neuen Außenministers Heiko Maas führte den Politiker nach Italien: „Für einen Aufbruch in Europa ist das Land als Partner unverzichtbar.“


Hinweistelefon

Das Landeskriminalamt betreibt ein Hinweistelefon, über das Bürger vertraulich Informationen weitergeben können, auch in italienischer Sprache.

Die Nummer des Hinweistelefons lautet: 07 11/54 01 24 46.