Mafia im Rems-Murr-Kreis

Die kriminelle Holding

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Die Ndrangheta, die kalabrische Mafia, hat auch im Rems-Murr-Kreis eine Außenstelle. © Christine Tantschinez
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Nicola Gratteri
Staatsanwalt Nicola Gratteri. © Riccardo De Luca

Dass die Ndrangheta, die kalabrische Mafia, auch im Rems-Murr-Kreis eine Außenstelle hat, ist seit Jahren mehr als ein Gerücht, eher ein offenes Geheimnis – Anfang Januar rückte eine spektakuläre italienisch-deutsche Polizeiaktion das Phänomen endgültig ins öffentliche Bewusstsein; Anlass für uns, die Umtriebe der kriminellen Organisation in einer Serie zu beleuchten.

Operation Styx - Ein Schlag gegen die Ndrangheta 

Im Morgengrauen des 9. Januars 2018 bliesen die Ermittler zur „Operation Styx“. Mit einer Entschlossenheit, als gelte es tatsächlich, jenen Fluss trockenzulegen, der nach der griechischen Sage durch die Unterwelt strömt, griffen die Carabinieri zu: Dirigiert von Staatsanwalt Nicola Gratteri, dem legendären Mafia-Jäger, der diese Operation in jahrelangen Recherchen vorbereitet und mit einem 1300 Seiten starken Ermittlungsbericht unterfüttert hatte, schwärmten sie aus in die Provinz Crotone in Kalabrien und verhafteten 170 Männer, während zur gleichen Zeit, 1700 Kilometer weiter nördlich, deutsche Polizisten Amtshilfe leisteten und auch im Rems-Murr-Kreis mutmaßliche Mitglieder oder Helfer der kalabrischen Mafia festnahmen, der Ndrangheta, genauer: des Clans Farao-Marincola.

Im Schlaf überrascht oder beim Frühstück überrumpelt wurden Giuseppe Farao und einige seiner engsten Vertrauten, verhaftet wurden Unternehmer, die Firmen des Clans betrieben haben sollen, verhaftet wurden Beamte und Politiker, verhaftet wurde der Präsident der Provinz Crotone, verhaftet wurden drei Bürgermeister aus der Region.

Erpressung und Drogenhandel, versuchter Mord, illegaler Besitz von Waffen und Munition – auch solche Vorwürfe dokumentierte, so weit wenig überraschend, Gratteris 1300-Seiten-Wälzer. Verblüffend ist anderes: Der Clan habe in der Provinz Crotone mit der Verwaltung gekungelt, sich öffentliche Aufträge zuschanzen lassen, an der Müllentsorgung genauso verdient wie am Auffangzentrum für minderjährige Flüchtlinge, das mit Lebensmitteln zu überhöhten Preisen beliefert worden sein soll; der Clan habe legale Konkurrenten mit Drohungen aus dem Feld geschlagen und Geschäftszweige vom Bestattungswesen über den Holzeinschlag in den nahen Bergwäldern bis zum industriellen Wäscherei-Service für Hotels und Restaurants monopolisiert; der Clan habe Gaststätten gezwungen, von der Ndrangheta gelieferte Ware einzukaufen, Ndrangheta-Brot, Ndrangheta-Öl, Ndrangheta-Wein, Ndrangheta-Fisch.

Pizza-Zutaten bei der „kriminellen Holding“

Und: Die monumentale Polizei-Aktion warf ein Schlaglicht auf die expansiven Umtriebe der Farao-Marincola-Gruppe im Raum Stuttgart – auch hier bei uns soll sie kalabrische Gastronomen unter Druck gesetzt haben, Pizza-Zutaten bei der „kriminellen Holding“ zu beziehen, wie italienische Zeitungen den Clan nennen.

Im Rems-Murr-Kreis festgenommen wurden an jenem 9. Januar: G. B., 61, geboren im kalabrischen Ciro; und D. P., 47, ebenfalls aus Ciro stammend, wohnhaft in Fellbach. Der möglicherweise dickste Fisch aus dem Landkreis aber ging den Ermittlern in Italien ins Netz: Dort nämlich weilte zum Zugriffszeitpunkt Mario L.

Mario L. war hier bei uns seit den 90er Jahren bekannt und vielgeschätzt als Gastwirt und Veranstalter von rauschenden Festen; ehemals war er ein Bekannter von Günther Oettinger, zuletzt Betreiber einer Pizzeria im Winnender Gesundheitszentrum. Die italienischen Behörden glauben: Bis zu seiner Verhaftung könnte Mario L. für den Farao-Clan eine Art Statthalter im Raum Stuttgart gewesen sein.

Marienwallfahrt - Die Operation Crimine

Die Operation Styx kam nicht aus dem Nichts – sie war bereits der zweite Fahnder-Triumph binnen weniger Jahre. Ihm vorausgegangen war die ebenfalls von Staatsanwalt Nicola Gratteri geleitete Operation „Crimine“, zu deutsch: „Verbrechen“. Im Juli 2010 brachte die italienische Polizei rund 300 Ndrangheta-Mafiosi, Lokalpolitiker, Unternehmer zumindest vorläufig hinter Gitter.

Unter den Verhafteten: ein 80-jähriger Mann mit bäuerlicher Anmutung und wettergegerbter Haut. Die Leute in Rosarno, Süditalien, kannten den unauffälligen Greis namens Domenico Oppedisano als Blumenzüchter, der seine Ware mit einem dreirädrigen Kleintransporter zum Markt fuhr. Für die Ermittler verbarg sich hinter dieser Fassade eines harmlosen Kleinhändlers der Welt-Chef einer der größten Verbrecher-Organisationen auf dem Globus. Inthronisiert worden war er 2009 bei einer Marien-Prozession.

Ein Kronzeuge hatte der Polizei erzählt: Jedes Jahr im Spätsommer träfen sich die Spitzen der Ndrangheta bei einer Wallfahrt in die Berge nahe San Luca an der Stiefelspitze Italiens. Zur Kirche der Madonna von Polsi, 865 Meter hoch gelegen, wild malerisch hineingegossen zwischen Felsgrau und Grün, pilgern alljährlich Ende August, Anfang September bis zu 50 000 Gläubige; aber nicht nur sie. Auch die Anführer der „Locali“, der einzelnen operativen Zellen der Ndrangheta, kämen hier zusammen zur Klausurtagung, besprächen Pläne und Geschäftsmodelle, schlichteten Streitigkeiten und beschlössen Strafen für Mitglieder, die sich schuldig gemacht hätten.

Weißer Rauch

Am 1. September 2009 lagen Carabinieri in den Hügeln um die Kirche auf der Lauer und beobachteten mit dem Fernrohr, wie etwa fünfzehn führende Köpfe der Ndrangheta auf dem Vorplatz einen Kreis um die Madonnenstatue bildeten und einen der Ihren feierlich als Oberhaupt anerkannten: Domenico Oppedisano.

„Wenn die Kirchentür aufgeht und danach alle einer ganz bestimmten Person gratulieren“, erklärt der Mafia-Experte Wolfgang Rahm vom Landeskriminalamt in Stuttgart, sei das „ein genauso sicheres Zeichen wie der aufsteigende weiße Rauch nach der Papstwahl“: Der neue Chef ist gewählt.

Die Fahnder verwanzten die Bäume von Don Domenicos Orangenhain – und im Juli 2010 nahmen sie ihn fest. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Sechs Verhaftungen in Baden-Württemberg

Die Erkenntnisse aus der Operation „Crimine“ führten auch in einer viel weiter nördlich gelegenen Weltgegend zu sechs Verhaftungen: in Singen, Baden-Württemberg.

Diese sechs Männer, erinnert sich Wolfgang Rahm, die ihnen die Italiener als Mafiosi benannten, waren „unauffällig, die gingen nicht mal bei Rot über die Ampel“, da sei „deliktisch nichts“ zu greifen gewesen, keine Anzeichen auf klassische kriminelle Aktivitäten wie Schutzgelderpressung oder Drogenhandel. Die Erkenntnisse aus Italien aber ermöglichten den Zugriff. Die sechs hatten im Bodenseeraum ein Locale der Ndrangheta aufgebaut.

Die Operation „Crimine“ schwächte das in Reggio Calabria an der italienischen Stiefelspitze residierende Ndrangheta-Machtzentrum um Oppedisano – in das Führungsvakuum stießen die Ndrangheta-Bosse aus der nahen, etwas weiter nordöstlich, sozusagen am italienischen Fußballen gelegenen Provinz Crotone.

Crotone - Und der Rems-Murr-Kreis

Die Provinz Crotone in Kalabrien ist ein hinreißender Landstrich. Malerisch sind die Dörfer und Städtchen, es gibt Sandstrände und Felsenklippen, uralte Befestigungsanlagen, Häuser, die sich dicht an dicht auf Bergspitzen krallen, enge Gässchen und im Hinterland mit üppigem Grün bewachsene Hänge. Hier liegen Orte wie Ciro und, direkt am Mittelmeer Richtung Griechenland, Ciro Marina; und etwas weiter nördlich, ein paar Kilometer jenseits der Provinzgrenze, Cariati und Mandatoriccio.

Ciro, Cariati, Ciro Marina, Mandatoriccio sind auch die Stammsitze einflussreicher Ndrangheta-Clans; des Clans Farao-Marincola – laut italienischen Unterlagen ist er unter anderem auch in Stuttgart, Backnang und Waiblingen aktiv; des Clans Greco-Crescente – mutmaßlich ebenfalls mit Außenstellen in Stuttgart und Waiblingen; des Clans Cariati-Anania – auch seine Mitglieder sind laut Polizeiakten zumindest in früheren Jahren in Waiblingen, Fellbach, Backnang aufgefallen.

3000 Italiener alleine in Fellbach

Viele Menschen aus Kalabrien, aus der Provinz Crotone, aus Ciro oder Cariati leben im Großraum Stuttgart. Die ersten kamen in den 60er Jahren als Gastarbeiter, entrannen der Armut ihrer Herkunft, waren fleißig, sparten sich ein bisschen was an, fassten Fuß, integrierten sich, gründeten Geschäfte und Pizzerien, holten Verwandte und Bekannte nach als Arbeitskräfte – kommt, hier lässt sich’s leben und was aufbauen, packt mit an, hier werden wir gebraucht! An der Bushaltestelle beim Bahnhof von Rossano, der drittgrößten Stadt Kalabriens, hänge ein Schild, berichten Ortskundige: „Rossano - Fellbach 1700 Kilometer“. Allein in Fellbach leben fast 3000 Menschen italienischer, meist kalabrischer Abstammung.

Und natürlich – das ist eine Selbstverständlichkeit, aber man sollte sie sich immer wieder vergegenwärtigen – sind die allermeisten keine Kriminellen. „Ich warne davor, dass man die Italiener stigmatisiert!“, sagt der Mafia-Experte Wolfgang Rahm vom Landeskriminalamt. Wenn er von Italien erzählt, taut der zunächst eher zurückhaltende Profi auf, er redet sich warm, die Stimme bekommt etwas Schwärmerisches: „Ich liebe das Land und die Leute, ich freue mich über die guten Beziehungen zwischen unseren Ländern.“

„Eine kleine Minderheit“ bei der Ndrangheta

Die Angehörigen der Ndrangheta sind „eine kleine Minderheit“. Darf man also im Rems-Murr-Kreis noch in die Pizzeria gehen, ohne Sorge tragen zu müssen, dass man das organisierte Verbrechen finanziert? „Aber sicher“, ruft Rahm, immerzu und „guten Appetit!“

Und bitte, man möge eines nicht vergessen: „Kein Volk hat mehr unter der Mafia gelitten als die Italiener.“

Aber ja, eines sei klar: In der kalabrischen Community rund um Stuttgart tummeln sich auch Mafiosi, hier haben sie Angehörige, alte Schulfreunde von früher, in diesem Soziotop können sie sich unauffällig bewegen. Der Rems-Murr-Kreis spielt eine wichtige Rolle im Ausbreitungsnetz der Ndrangheta – das gilt unter Szene-Kennern seit Jahren als Binsenweisheit.

Etwa 270 000 Italiener leben in Baden-Württemberg; etwa 160 von ihnen gelten nach Einschätzung des Landeskriminalamtes als mutmaßliche Mitglieder der italienischen organisierten Kriminalität; von diesen wiederum „knapp die Hälfte“ sei der Ndrangheta zuzurechnen; und viele von ihnen wohnen im Großraum Stuttgart.

Unsere weitere Berichterstattung zum Thema:

09.01.2018: Schlag gegen Mafia in Deutschland und Italien

09.01.2018: Mutmaßliche Mafiosi aus dem Rems-Murr-Kreis festgesetzt

12.01.2018: Nach Mafia-Razzia: Wirt in Haft, Verein in Nöten

„Insieme si può!“ Ein Hilfstelefon

Zur Enttarnung krimineller Umtriebe, aber auch zum Opferschutz hat das Landeskriminalamt Baden-Württemberg bereits im Jahr 2013 das bundesweit bislang einzige Hinweistelefon „Insieme si può!“ (übersetzt etwa: „Gemeinsam schaffen wir es“) zur Mafia ins Leben gerufen.

Unter der Telefonnummer 0711/54012446 können sich Menschen, die etwas beobachtet haben, zwischen 8 und 18 Uhr vertraulich melden, gegebenenfalls auch in ihrer italienischen Muttersprache. Daneben steht Hinweisgebern auch noch ein Kontaktformular im Netz unter www.polizei-bw.de/kontakt zur Verfügung.

Die Idee hinter dem Telefon: Um die Organisierte Kriminalität wirksam zu bekämpfen, ist die Polizei auf Unterstützung und Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen – ein wesentliches Merkmal der Organisierten Kriminalität aber ist das Schweigegebot für Täter und Zeugen. Für die Polizei ist es daher schwer, Straftaten in diesem Bereich aufzudecken. Italienischen Behörden allerdings ist es mit Hilfe vertraulicher Telefon-Angebote immer wieder gelungen, diese sogenannte „Omerta“ zu durchbrechen – diesem Vorbild folgt „Insieme si può!“

„Bisher haben wir nahezu 70 wertvolle Hinweise erhalten“, sagt Wolfgang Rahm, Mafia-Experte vom Landeskriminalamt in Stuttgart – ein Beleg dafür, dass auch italienischstämmige Mitbürger an Aufklärung interessiert und bereit sind, dabei mitzuwirken.


Nächste Folge: Samstag, 10. März:  Was genau ist die Ndrangheta? Und welche Rolle spielten Mario L. und andere aus dem Rems-Murr-Kreis?