Mafia im Rems-Murr-Kreis

Kokain im Fisch-Transporter

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Frischfisch in hoher Qualität: Ein Markenzeichen eines guten Italieners. Allerdings nutzt die Mafia die Transportwege des frischen Fisches. © Habermann/ZVW
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Die Mafia zwingt Landsleute, Lebensmittel in schlechter Qualität zu Mondpreisen zu kaufen.

Waiblingen. Der Fisch: allererste Sahne. Der Wirt: stets bestens gelaunt, so freundlich und nett. Wie ein Kumpel. „Mein Italiener“ eben. Eine regelrechte „Sehnsucht des Deutschen nach dem sonnigen Italiener“ spürt Sandro Mattioli. Die Sonne blendet zuweilen sehr, stellt sich im dritten Teil unserer Mafia-Serie heraus.

Weitere Teile der Mafia-Serie:

 

Sandro Mattioli ist Journalist und Kopf des Vereins „Mafia? Nein Danke!“ Nach Recherchen an diversen Orten in Deutschland war er, all seiner jahrelangen Erfahrung zum Trotz, „echt erschrocken“, wie er sagt: „Die Leute haben den netten Soundso verteidigt.“ Obwohl es einer vollständigen Sonnenfinsternis samt irreversibler Blindheit bedurft hätte, um nicht zu sehen, was offensichtlich war: Allein mit frischem Fisch verdient kein Mensch so viel Geld. Dennoch spielt Fisch eine entscheidende Rolle, besonders der frische.

Geld wird mit Koks verdient, nicht mit Fisch

Ein Spezialist des Landeskriminalamts beschnüffelt Mittelmeer-Doraden seit vielen Jahren und beschreibt die Zusammenhänge so: Ein Gastwirt aus Kalabrien verwöhnt seine Gäste in Deutschland mit Frischfisch vom Feinsten. Pizza fehlt auf seiner Speisekarte, weil ein Kalabrese mit Kochkompetenz Pizza unter der Kategorie Fast Food verbucht.

Der gute, frische Fisch legt in kurzer Zeit einen langen Weg zurück, bevor er in einer Rems-Murr-Pfanne Kruste ansetzt. Während seiner Reise von Venedig nach Stuttgart kümmert sich die Mafia um den Fisch, damit er nicht zu stinken beginnt. Ihr gehört die Spedition. Sie nutzt den fischfreien Platz im Laster für den Kokain-Transport. Das große Geld bringt nicht der Fisch. Das große Geld bringen die Drogen. Wer Kokain mit noch hohem Reinheitsgrad zum entsprechend attraktiven Preis im Container von Südamerika nach Europa schaffen kann, „der ist automatisch Mafia“, sagt der LKA-Experte.

Sandro Mattioli nennt eine beachtliche Zahl: 700 000 Euro. So viel Geld setzt wer auch immer allein in Berlin mit Kokain um. An einem einzigen Tag. Mattioli hat die Zahl nicht irgendwo aufgeschnappt oder geschätzt oder im Internet gefunden. Die Sieben mit den fünf Nullen fußt auf präzisen Messungen. Mit der Nase im Abwasser finden Fachleute ganz genau heraus, wie viel Kokain die Stadt konsumiert. In Berlin sind das 2,4 Kilo reines Kokain. An jedem einzelnen Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag der Woche.

Gastwirte zahlen, um ihre Ruhe zu haben

Ums reine Kokain kümmern sich die Bosse selbst. Je unreiner der Stoff, desto mehr rutscht die Verantwortlichkeit auf Kleingruppenleiter-Ebene. Und weiter unten in der Hierarchie lässt sich nicht mehr so deutlich abgrenzen, wer die Täter und wer die Opfer sind, wer das System aus Angst unterstützt und wer aus Überzeugung. „Er zahlt halt, damit er seine Ruhe hat“: So beschreibt der LKA-Spezialist ein weit verbreitetes Verhalten unter Gastronomen, die eines Tages eine Palette mit minderwertigem Olivenöl zu hochwertigem Preis oder mit Rotwein von fragwürdiger Qualität auf dem Hof finden. Die Geste ist nicht misszuverstehen: Der Gastwirt kauft das Öl zu einem Mondpreis oder er lässt es und riskiert Konsequenzen unangenehmster Art.

Diese Gastronomen „sind echte Opfer“, betont der LKA-Mann. Sie buckeln sich den Rücken krumm, schuften hart für den guten Namen ihres Lokals und für die Pacht, „und dann kommen die Blödmänner und zwingen ihn, das Öl zu kaufen.“ Das minderwertige Öl könnte im Gully landen, sofern der Gastronom seinem Ehrgefühl folgt: Für meine Gäste nur Olivenöl, dessen Ursprung ich persönlich kenne. Und wie beiläufig berichten sie sich untereinander: „Bei mir waren sie auch. Was will man machen.“

 

 

Lebensmittelzwangsverkäufe geben nicht genug her, als dass sie als Hauptgeschäftsfeld einer weltweit tätigen kriminellen Vereinigung taugen könnten. Dennoch: Die Geschäfte mit Lebensmitteln verschaffen der Ndrangheta ein stabiles Standbein mit geregelten Einkünften. Zumal manch ein Gastronom die Olivenöl-Rechnung sozusagen als „Vereinsbeitrag“ versteht. Als passive Fördermitgliedschaft für einen guten Zweck. Zum Beispiel Jugendförderung. Kann doch sein, es ruft ein alter Schulfreund an aus Kalabrien und sagt: Mein Junge will Koch werden. Wie sieht’s aus?

Gut sieht’s aus. Investitionen in den jungen Mann scheinen Erfolg zu versprechen. Also kommt er nach Deutschland und lernt Koch. Die Organisation lässt ihm eine Starthilfe ins Selbstständigenleben zukommen, und wenn stimmt, was der Schulfreund gesagt hat, betreibt der Junge bald ein angesehenes Restaurant in guter Lage. Das lässt sich nutzen für dies und das, einschließlich Fisch.

Die Mafia hat keine Nachwuchssorgen

Nachwuchssorgen kennt die kalabrische Mafia, die Ndrangheta, nicht. Es gibt Landstriche in Süditalien, und nicht nur dort, da beläuft sich die Jugendarbeitslosenquote auf bis zu 70 Prozent. Jungen Leuten eine Perspektive bieten, kann denn das Sünde sein?

Alles baut darauf auf, dass man sich kennt. Innerhalb der Community, wie der LKA-Experte die Gemeinschaft der in Deutschland lebenden Italiener nennt, unterstützt man sich, hält zusammen, hilft sich aus: „Italiener sind Netzwerker.“ Vor einem Behördengang fragen sie nicht, wo muss ich hin, sondern: Kennst du da jemand? Die Mafia ist in das ganze große System eingebunden „auf eine Art und Weise, die Sie vielleicht gar nicht merken.“

"Wenn ich heute ein Auto kaufe, stütze ich damit eventuell die Mafia"

Ein solch offenbar weit verzweigtes Netzwerk mit solch undurchdringbar engen Verästelungen – wie könnte man dem entkommen, als Italiener und als Deutscher?

Gar nicht. Der LKA-Mann nennt geduldig noch ein Beispiel: „Wenn ich heute ein Auto kaufe, stütze ich damit eventuell die Mafia, weil Zulieferer mit ihr verstrickt sind. Das wissen Sie nicht.“ Die Müllabfuhr, das Gesundheitswesen – wo immer sich der Staat aus Tätigkeitsfeldern zurückzieht, „nutzt die Ndrangheta das Vakuum.“ Stets darauf bedacht, mittels legaler Fassade den Blick vom Wesentlichen wegzulenken.

Der große Schlag Anfang Januar

Vielleicht richtet sich bald der Blick der Ermittler auf Personen, die bisher nicht im Fokus standen oder denen man nichts nachweisen konnte. Denn eine lange Reihe mutmaßlicher Mafiosi hat nun viel Zeit, um Fragen zu beantworten: Anfang Januar holte die Polizei zu einem großen Schlag aus. Mehr als 160 Festnahmen, überwiegend in Italien. Bei elf Verdächtigen in Deutschland klingelte die Polizei am frühen Morgen. Zwei von ihnen leben im Rems-Murr-Kreis. Nur noch einer der beiden sitzt in Haft. Den LKA-Mann verwundert’s nicht. „Da werden noch viele frei gelassen“, ahnt er, weil’s schon oft so war. Wenn von knapp 170 Inhaftierten am Ende 50 in Haft bleiben – dann sind’s eher viel als wenig. Jedenfalls bricht offenbar jetzt schon der eine oder andere das Schweigegelübde und petzt, so hat es der Buschfunk vermeldet.

Morde in der Slowakei

Mit den Morden in der Slowakei an dem Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Ende Februar war nicht zu rechnen. Die Morde passen nicht zur bisherigen Strategie der Ndrangheta, die seit langem öffentliches Getöse vermeidet. Kuciak hatte sich in einen tiefen Sumpf begeben, um Verbindungen der italienischen Mafia zur slowakischen Regierung aufzudecken. Nun ist er tot.

Vielleicht war’s gar nicht die Ndrangheta. Falls doch, wäre das als „extrem krasser Abschwung von der bisherigen Strategie“ zu werten, sagt Sandro Mattioli. Der Deutsch-Italiener engagiert sich gegen die Mafia, weil „es irgendjemand tun muss. Das ist ein zutiefst ungerechtes System.“ Sich dem System zu widersetzen, „ist nicht so einfach, wenn Sie das aus Ihrer Heimat kennen“, sagt der Journalist. Es steht nicht wie im Film plötzlich einer mit Pistole in der Tür. Das läuft alles „viel diffuser“ ab. Die Mafia ist nicht einfach nur eine Bande von Schutzgelderpressern. „Die sind viel mehr. Und viel gefährlicher.“

Eine Eisdiele eröffnen? "Das könnte gefährlich werden"

Und nah: Ein ganz gewöhnlicher Handwerker „kommt relativ schnell mit dieser Sache in Kontakt“, sagt Mattioli. Schwarzarbeit, sich überschneidende Interessen – ein Anruf könnte folgen. Oder es möchte jemand eine Eisdiele eröffnen, obwohl ein Italiener ganz in der Nähe bereits ein Eiscafé betreibt: „Das kann gefährlich werden“, warnt Mattioli. „Man kann als Normalbürger im Grunde nicht viel machen“, meint der Journalist – „außer: Sich legal verhalten.“ Und: Die Augen offen halten.

Nur ist es halt so unglaublich schwer zu glauben: Der nette Italiener, mein Italiener – der: Ein Mafioso? Niemals.

Im Falle des Mario L. (wir haben berichtet) haben das wohl viele gedacht oder denken wollen. Ein hoch angesehener Mann, fleißig, gesellig, als Gastwirt beliebt und talentiert, im Rems-Murr-Kreis vielseitig engagiert. Mario L. sitzt seit ein paar Wochen in Italien in Haft, und man wirft ihm vor, ein gewichtiger Drahtzieher im Stuttgarter Raum gewesen zu sein. Trotzdem gab’s nicht wenige, die Kontakte zu ihm als Ehre empfunden und mit einer Einladung zu einem seiner Feste geprahlt haben. „Man hätte den Namen ja nur kurz googeln brauchen“, wirft Mattioli als Idee in den Raum.

Ausländer? Wahrscheinlich. Frauen? Ausgeschlossen.

Auf einer imaginären Liste mit allen, wirklich allen Mafia-Angehörigen, fänden sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch deutsche Namen. „Dass ausländische Männer Mitglieder werden können, halte ich für relativ wahrscheinlich“, sagt der Journalist. Mitglied in der Mafia wird man nicht, indem man einen Aufnahmeantrag stellt. Mitglied wird man erst im Zuge eines archaisch anmutenden Rituals, in welchem Heiligenbilder eine Rolle spielen (wir haben in den ersten Teilen unserer Serie darüber berichtet).

Frauen sind davon ausgeschlossen, damals wie heute, bestätigt Mattioli. Trotzdem: Die Macht der Frauen innerhalb der Mafia „ist stark unterschätzt“. Es gibt Clans, deren Frauen als Rechtsanwältinnen oder Steuerexpertinnen die finanziellen Angelegenheiten regeln. Oder sie vertreten ihre Männer, während diese im Gefängnis sitzen oder nach deren Tod. Oder sie saugen im Wagen ihres Mannes den Schmutz aus den Polstern. Allerdings fahren nur ganz wenige Mafiosi einen Luxuswagen. 99 Prozent der Mafia-Angehörigen führen kein besonders gutes Leben, weiß Mattioli: „Da sind viele Leidenserfahrungen im Spiel.“

LKA-Experte mahnt Wachsamkeit an

Nichtsdestotrotz mahnt der LKA-Experte Wachsamkeit an: Fährt einer, der seine Brötchen mit einer Gaststätte verdient, einen teuren Schlitten und steckt  er mal eben vielstellige Beträge in die Renovierung seines Ladens – „dann muss man sich fragen, ob das überhaupt sein kann.“ Und dann ist es verwerflich, findet der LKA-Mann, wegzuschauen und zu sagen: „Der wird es schon recht machen.“

 

Hinweistelefon

  • Das Landeskriminalamt betreibt ein Hinweistelefon, über das Bürger vertraulich Informationen weitergeben können, auch in italienischer Sprache.
  • Die Nummer des Hinweistelefons lautet: 0711/54 01 24 46.