Menschen im Fadenkreuz

Hassmusik: Rechtsrock im Rems-Murr-Kreis und der Region Stuttgart

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Recherchen unserer Redaktion zu Blood & Honour. © ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Ein geplatzter Reifen auf einer englischen Schnellstraße sorgte im September 1993 dafür, dass in der rechtsextremen Szene plötzlich jeder den Namen Waiblingen kannte. Denn als der Brite Ian Stuart Donaldson bei einem Autounfall ums Leben kam, wurde das letzte Konzert seiner Rechtsrock-Band Skrewdriver, das wenige Monate zuvor in der Stadt an der Rems stattgefunden hatte, zur Legende.

Waiblingen: Der Neonazi und sein Netzwerk

Donaldson war Gründer des internationalen rechtsextremen Musik-Netzwerkes „Blood & Honour“. Seine Songs haben Rechtsextremisten zwischen Rems und Murr inspiriert, es gibt sogar Cover-Versionen von Skrewdriver-Songs aus Schwäbisch Gmünd. Donaldsons letzte Live-Show gilt als Brückenkopf, mit dessen Hilfe Blood & Honour im Südwesten Deutschlands Fuß fassen konnte.

„Gerade für Neonazis, die das Konzert damals besucht haben, ist das im Rückblick wahrscheinlich ein Schlüsselmoment gewesen“, sagt Timo Büchner. Der Rechtstrock-Experte schreibt als Journalist über Rechtsextremismus und Antisemitismus, unter anderem für den Zeit-Online-Blog „Störungsmelder“. Vor kurzem ist im Unrast-Verlag sein Buch „Rechtsrock – Business, Ideologie & militante Netzwerke“ erschienen.

Ein bekanntes Beispiel: die Rechtstrock-Combo Noie Werte. Mindestens ein Musiker der Gruppe stand 1993 mit Donaldson in Waiblingen auf der Bühne. Die Rechtsterroristen des NSU nutzten später einen Song von Noie Werte, um eines ihrer Videos zu untermalen. Aktive und ehemalige Mitglieder der Band leben bis heute im Rems-Murr-Kreis.

Der deutsche Ableger bzw. die „Division“ von Donaldsons Blood&Honour Netzwerk wurde im Jahr 2000 verboten. „Bereits 2003, also nur wenige Jahre nach dem Verbot, gab es in Baden-Württemberg Ermittlungen wegen der illegalen Fortführung der Divison“, sagt Timo Büchner. Tonträger seien produziert und Konzerte veranstaltet worden, als hätte es das Verbot nie gegeben.

Fellbach: Blood & Honour und die Frage nach Schießtrainings

„Am 12. Dezember 2018 führte die Polizei mehrere Razzien gegen zwölf Personen in fünf Bundesländern durch“, so Büchner. „Die Beschuldigten sollen die deutsche Blood&Honour-Division mit der Untergliederung in die vier Sektionen Baden-Württemberg, Bayern, Mitteldeutschland und Thüringen weitergeführt haben.“

ZVW-Recherchen zufolge fand eine Durchsuchung in Fellbach statt, bei einem ehemaligen NPD-Kader aus dem Rems-Murr-Kreis. „Fünf Personen aus Baden-Württemberg, darunter auch diese, wurden vorläufig festgenommen.“ Die Generalstaatsanwaltschaft München hat mittlerweile Anklage gegen elf Personen erhoben.

Inwiefern diese Menschen das verbotene Netzwerk fortgeführt haben, und wie diese mögliche Fortführung ausgesehen haben könnte, werde wohl erst ein möglicher Gerichtsprozess klären können. Dabei könnten nicht nur Tonträger und Konzerte thematisiert werden, sagt Timo Büchner. „Es geht auch um die Frage, und das finde ich besonders wichtig, ob und, wenn ja, wo die Personen zum Beispiel Schießtrainings und Wehrsportcamps durchgeführt haben.“

Schwäbisch Gmünd: „Rassenkrieg“ und rechter Terror

Schießtrainings im Musik-Netzwerk? Wie eng Rechtstrock und rechter Terror beieinanderliegen, zeigt das Beispiel der Band Race War (dt.: „Rassenkrieg“). Die Rechtsrock-Combo habe sich Anfang der 2000er Jahre im Raum Schwäbisch Gmünd gegründet.

Auch hier spielt das in Szenekreisen legendäre Skrewdriver-Konzert eine Rolle. „Bevor Race War eigene Texte geschrieben und gesungen hat, hat die Band Skrewdriver-Songs gecovert“, so Büchner

Auffällig sei, dass sich die Band von Anfang an zum Rechtsterror bekannt habe, sagt der Experte. So machten Race War zum Beispiel keinen Hehl aus ihrer Verherrlichung des Terror-Netzwerks „Combat 18“, das als paramilitärischer Arm von Blood & Honour gilt. Combat 18 ist 2020 in Deutschland verboten worden.

Und nicht nur das: „Der erste Tonträger der Band erschien Anfang der 2000er Jahre. Der Titel lautete übersetzt: ‚Die deutsche Rasse wird siegen‘“, sagt Büncher. Das Beiheft zeige massenweise Hakenkreuze, SS-Totenköpfe, auch Szenen des NSDAP-Reichsparteitags in Nürnberg. „In einer Zeile sang die Band – ich zitiere übersetzt ins Deutsche -‚ Unsere Terroranschläge werden die Welt verändern‘.“

Da die Tonträger dementsprechend indiziert und strafrechtlich relevant gewesen seien, hätten Produktion und Vertrieb über das Ausland stattgefunden. „Man ist häufig vermummt aufgetreten, man wollte die Identitäten der Mitglieder schützen“, so Bücher. Die Band sei bei Konzerten in mehreren europäischen Ländern aufgetreten, veranstaltet von Blood & Honour. Auch in den USA habe Race War gespielt – vor Mitgliedern des Ku-Klux-Klan.

„Die Band wurde zwar 2006 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung verboten“, sagt Büchner. Die Mitglieder wurden vor dem Stuttgarter Landgericht allesamt zu Bewährungsstrafen verurteilt, da man davon ausging, dass sie ihre Taten ernsthaft bereuten. „Aber Musiker der Band setzten ihre Aktivitäten unbeirrt fort.“

Zwei Bandmitglieder seien bis heute unter dem Namen „Heiliger Krieg“ unterwegs – eine Anspielung auf einen Liedtitel von Race War. Auf allzu offenkundige Äußerungen zu Rechtsterrorismus verzichte die Heiliger Krieg, sagt Büchner – „da liegen natürlich strategische Gründe nahe.“

Rems-Murr-Kreis: Auf Du und Du mit der Streetfighting-Crew

Eine andere Band taucht mittlerweile häufig in den Berichten des baden-württembergischen Landesamts für Verfassungsschutz auf: die „Sturmbrüder.“ Die Behörde rechnet die Rechtstrocker dem Rems-Murr-Kreis zu, weil dort die Mehrzahl der Mitglieder herkomme.

„Die Sturmbrüder sind eine Rechtsrock-Band aus dem Umfeld von Combat 18“, sagt Büchner. Die Band sei mit drei Liedern auf einem 2019 erschienenen Sampler des Netzwerks vertreten gewesen – „das zeigt, wo die Band zu verorten ist“.

Noch eine andere Band sei auf dem Tonträger zu hören: Oidoxie aus Dortmund. „Oidoxie bekennen sich seit Jahrzehnten zum Rechtsterror, ganz offen, ganz unverblümt“, so Büchner. „Zwischen Mitgliedern der Sturmbrüder und Oidoxie, bezwiehungsweise deren sogenannter ‚Oidoxie Streetfighting Crew‘ bestehen schon länger Verbindungen.“

 „Man muss einfach festhalten, dass es eine Reihe aktiver Rechtsrock-Bands in Baden-Württemberg gibt, und mehrere davon stammen aus dem Rems-Murr-Kreis“, sagt Büchner. „Neben den Sturmbrüdern gibt es noch die Band Carpe Diem und das deutsch-britische Projekt I.C.1.“

Rechtstrock: Regional, überregional, international, illegal

Regional, aber überregional vernetzt: Rechtsextremisten in Baden-Württemberg beschränken ihre Aktivitäten, das zeigen die Bespiele, nicht nur auf ihren näheren Umkreis. Für die Verbreitung der Musik spiele der Ort, an dem sie entsteht, ohnehin kaum noch eine Rolle, sagt der Rechtstrock-Experte.

Die Musik sei im Internet kostenlos verfügbar und verbreite sich stark unter Jugendlichen. Und das, obwohl die großen Streamingdienste extrem rechte Musik in der Regel von ihren Plattformen verbannen würden.

Was also dagegen tun?

„Woran es auf jeden Fall noch mangelt, ist die wirklich kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten der Musik“, sagt Timo Büchner. Auch die Behörden müssten stärker aufklären über die Aktivitäten der Szene, die der Zivilgesellschaft viel zu oft vorenthalten würden. Und: „Neonazis müssen sehen, dass sie Gegenwind bekommen.“

An dieser Stelle sind wir alle gefragt.

Podcast und Ausstellung

Dieses Gespräch ist im Rahmen des Projekts „Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors“ zustande gekommen. Die komplette Unterhaltung können Sie hier nachhören.

„Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors” ist einer Kooperation elf renommierter Regionalmedien in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring e.V., unter Leitung des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV.

Die Ausstellung zum Projekt ist vom 22. bis 29. August im Rems-Murr-Kreis zu sehen. Alle Infos unter zvw.de/menschen-im-fadenkreuz oder www.menschen-im-fadenkreuz.de.