Menschen im Fadenkreuz

Jahrzehnte des Hasses (3/7): Vom Oktoberfest-Attentat bis zum Mauerfall – die 1980er Jahre

Bomben-Attentat beim Münchner Oktoberfest
Rettungswagen am Tatort des Oktoberfest-Attentats. Die Bombe war in einem Papierkorb am Haupteingang detoniert. © DPA/Frank Leonhardt

In der Artikel-Serie "Jahrzehnte des Hasses" skizzieren wir im Gespräch mit dem Rechtsextremismus-Experten Prof. Dr. Fabian Virchow die Kontinuitäten rechtsextremen Terrors in der Bundesrepublik Deutschland. Die Texte stammen aus dem Austellungsband "Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors". Alle Teile der Serie finden Sie hier.

„Nachdem in den 70ern keine einzige rechtsterroristische Organisation verboten wurde, standen die 1980er im Zeichen staatlicher Strafverfahren“, sagt Fabian Virchow.

Den Anfang machte im Januar 1980 die „Wehrsportgruppe Hoffmann“. Bei Durchsuchungen in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen wurden ein Panzer, mehrere Militärfahrzeuge, Waffen, Uniformen und Propagandamaterial sichergestellt – insgesamt 18 LKW-Ladungen.

Nach dem Verbot setzte sich ein Teil der Gruppe in den Libanon ab – mit dem Ziel, durch terroristische Anschläge in Deutschland einen politischen Umsturz herbeizuführen.

Die WSG sorgte weiter für Schlagzeilen. Doch abseits der Wehrsportgruppen entstanden zunehmend andere Organisationsformen rechten Terrors, sagt Virchow.

Anschlag auf Auschwitz-Ausstellung in Esslingen

Zwischen Februar und August 1980 verübte die Vereinigung „Deutsche Aktionsgruppen“ mehrere Brand- und Sprengstoffanschläge, unter anderem auf eine Auschwitz-Ausstellung im baden-württembergischen Esslingen. Auch Asylunterkünfte wurden zum Ziel.

Kopf der Gruppe war der Rechtsextremist Manfred Roeder, der bereits seit Längerem in der Szene aktiv war und Kontakte zu Extremisten im Ausland geknüpft hatte – unter anderem zum Ku-Klux-Klan und zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO).

22. August 1980: Die beiden vietnamesischen Flüchtlinge Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân sterben bei einem Brandanschlag auf eine Asylunterkunft in Hamburg. Manfred Roeder notiert Stunden später in seinem Taschenkalender: „Heute hat Deutschlands Befreiung begonnen. Der Funke ist übergesprungen.“

Roeder wurde 1982 wegen Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren verurteilt, doch schon 1990 wegen guter Führung und einer positiven Sozialprognose wieder aus der Haft entlassen.

Dass diese Prognose nicht viel taugte, darf angesichts der weiteren Geschichte Roeders in der rechtsextremen Szene als gesichert gelten.

Das Oktoberfestattentat: Ermittlungen über Jahrzehnte

26. September 1980: In einem Papierkorb am Haupteingang des Münchner Oktoberfests explodiert eine selbst gebaute Bombe. Die Detonation reißt Menschen aus dem Leben und Familien auseinander. 13 Menschen sterben, darunter der Attentäter. Mehr als 200 weitere Menschen werden teils schwer verletzt.

Das „Oktoberfestattentat“ war nicht nur der bis dahin schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik, es wurde auch über mehrere Jahrzehnte dazu ermittelt.

1982 waren Ermittler zunächst zu dem Schluss gekommen, der Attentäter Gundolf Köhler, der bei der Explosion selbst ums Leben kam, habe alleine und aus persönlichen Motiven gehandelt.

Köhler war Mitglied der neonazistischen Wiking-Jugend und laut Nachrichtendienstlichem Informationssystem (NADIS) zeitweise „aktiver Anhänger“ der „Wehrsportgruppe Hoffmann“. Er soll mit Karl-Heinz Hoffmann persönlich im Austausch gestanden haben.

2014 rollte die Bundesanwaltschaft den Fall neu auf und stufte das Attentat im Juli 2020 schlussendlich als rechtsmotivierten Terrorakt ein. Die Frage, ob Köhler alleine gehandelt habe, konnte auch 30 Jahre später nicht abschließend geklärt werden. Die Ermittlungen sind beendet.

Neonazis gehen systematisch gegen politische Feinde vor

19. Dezember 1980: Das WSG-Mitglied Uwe Behrendt erschießt den jüdischen Verleger Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke in der gemeinsamen Erlanger Wohnung. Eine Verwandte findet die beiden nur wenige Minuten nach der Tat.

„Seit den 80ern gehen Neonazis systematischer gegen politische Feinde vor“, sagt Fabian Virchow. Dazu zählten in dieser Zeit insbesondere die politische Linke und Menschen, die an die Shoah erinnerten. „Das war schon ein wichtiger Strang der Aktivität.“

Der Experte geht davon aus, dass an zahlreichen Orten sogenannte Feindeslisten geführt wurden. „Unklar ist allerdings, ob diese schon zentral gesammelt wurden.“

Auch Angehörige der US-Streitkräfte gerieten Anfang der 80er Jahre in den Fokus von Rechtsextremen.

Oktober bis Dezember 1982. Mitglieder einer Vereinigung, die als „Hepp/Kexel-Gruppe“ bekannt ist, bringen Sprengsätze unter den Autos von US-Soldaten im Rhein-Main-Gebiet an. Zwei Soldaten werden schwer verletzt.

Die „Hepp/Kexel“-Gruppe wollte mit rechtem Terror den Abzug der US-Streitkräfte aus der Bundesrepublik erzwingen. Die rechtsextreme Gruppierung orientierte sich in ihrem Manifest „Abschied vom Hitlerismus“ am Antiimperialismus und suchte den Schulterschluss mit der RAF.

Der Terror der „Hepp/Kexel“-Gruppe war akribisch vorbereitet worden: Die Mitglieder, die sich aus verschiedenen bestehenden neonazistischen Gruppierungen rekrutierten (zum Beispiel VSBD und WSG), hatten zuvor im Rhein-Main-Gebiet Wohnungen angemietet und Waffendepots angelegt. Das Geld dafür kam aus Banküberfällen. Sie wurden später allesamt zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

Die staatlichen Strafverfahren, die Verbote, die Verhaftungen – all das habe der Szene damals zugesetzt, sagt Virchow. „Man hat sich umorientieren müssen.“ Dass ab Mitte der 80er Jahre rechtsextreme Parteien wie die Republikaner oder die DVU parlamentarische Erfolge feierten, sei als Aufschwung wahrgenommen worden.

Doch dieser Aufschwung sei nichts im Vergleich zu dem gewesen, der folgen sollte. Mehr dazu im vierten Teil unserer Serie.

Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors". Es kann über den ZVW-Shop oder im Online-Shop von CORRECTIV vorbestellt werden. Das gleichnamige Projekt ist eine Kooperation elf renommierter Regionalmedien in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring e.V., unter Leitung des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV.

Weitere Texte zum Thema finden Sie auf www.menschen-im-fadenkreuz.de oder unter zvw.de/menschen-im-fadenkreuz.