Menschen im Fadenkreuz

Jahrzehnte des Hasses (5/7): Die "Ceska-Morde" und die damals unbekannten Täter – die 2000er Jahre

Festnahme nach Bombenexplosion Köln
Rechtsextremer Nagelbombenaschlag mitten in Köln: Ein Polizist sichert Spuren (Archivfoto vom 09.06.2004). © DPA/Federico Gambarini

In der Artikel-Serie "Jahrzehnte des Hasses" skizzieren wir im Gespräch mit dem Rechtsextremismus-Experten Prof. Dr. Fabian Virchow die Kontinuitäten rechtsextremen Terrors in der Bundesrepublik Deutschland. Die Texte stammen aus dem Ausstellungsband "Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors". Alle Teile der Serie finden Sie hier.

Das Jahrzehnt des Rechtsterrorismus, das auf die Jahrtausendwende folgte, stand in der Bundesrepublik im Zeichen zunächst unaufgeklärter Anschläge.

Zwischen Januar 2000 und Januar 2001 wurde Brandenburg von einer Serie rechtsextremer Straftaten erschüttert. Türkische Imbisswagen brannten, ein sowjetisches Soldatengrab wurde geschändet, ein Wohnheim für jüdische Zuwanderer erhielt ein Päckchen mit verdorbenem Fleisch. Dazu kamen Drohbriefe gegen Politiker und die jüdische Gemeinde. Und immer wieder tauchten an für die rechtsextreme Szene wichtigen Gedenktagen Hakenkreuze, NS-Propaganda, antisemitische und rassistische Parolen auf.

An den Tatorten fanden Ermittler Bekennerschreiben, die mit „Nationale Bewegung“ unterzeichnet waren. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen, die Täter wurden aber nie gefunden.

In der Zwischenzeit hatte bereits eine andere Serie rechtsextremen Terrors begonnen – auch wenn es Jahre dauerte, bis deren Ausmaß auch nur ansatzweise bekannt wurde.

Eine rechtsextreme Mordserie und der katastrophale Umgang damit

9. September 2000. Der 38 Jahre alte Blumenhändler Enver Şimşek hält sich in seinem Kleintransporter bei seinem Blumenstand in Nürnberg auf, als plötzlich auf ihn geschossen wird. Aus zwei Pistolen. Neunmal. Obwohl fünf Kugeln seinen Kopf treffen, wird es noch zwei Tage dauern, bis der Familienvater an den Folgen des Mordanschlags stirbt.

Der Mord an Enver Şimşek markierte den Beginn einer Mordserie, für die der Generalbundesanwalt später den Namen „Ceska-Morde“ prägte.

In den folgenden Jahren wurden acht weitere Männer von unmaskierten Tätern erschossen, ihre Leichen teilweise fotografiert.

Ihre Namen lauten:

Abdurrahim Özüdoğru

Süleyman Taşköprü

Habil Kılıç

Mehmet Turgut

İsmail Yaşar

Theodoros Boulgarides

Mehmet Kubaşık

Halit Yozgat

Die Tatwaffe war in allen Fällen eine Česká ČZ 83, Kaliber 7,65 mm Browning.

Die Polizei ermittelte vor allem im persönlichen Umfeld der Mordopfer und verdächtigte teilweise deren Angehörige, die Taten begangen zu haben. In manchen Fällen wurde sogar versucht, Geständnisse zu erzwingen, indem Ermittler die Angehörigen der Opfer mit falschen Behauptungen über die Verstorbenen konfrontierten.

Die mittlerweile verstorbene Münchner Rechtsanwältin Angelika Lex, Nebenklagevertreterin von Yvonne Boulgarides, schrieb dazu: „Die Ermittlungsbehörden haben die Angehörigen nicht als Opfer von rassistischen Gewalttaten wahrgenommen, sondern sie kriminalisiert und diffamiert. […] Nur weil im rassistischen Weltbild dieser Ermittler schlicht nicht vorkam, dass Menschen nichtdeutscher Herkunft Opfer rassistischer Gewalt werden.“

Selbst als ab 2005 teilweise bis zu 160 Polizisten in dem Fall ermittelten, wurde die Möglichkeit rechtsextremer Täter kaum in Betracht gezogen.

"Schutzgruppe" statt "Wehrsportgruppe": Wieder Neonazis in den bayerischen Wäldern

6. September 2003: In München nehmen Polizisten Mitglieder einer „Schutzgruppe“ der neonazistischen „Kameradschaft Süd“ fest. Die Beamten stellen sechs Pistolen und Sprengstoff sicher.

Ein Mitglied der Gruppe wird das Beschaffen des Sprengstoffs im folgenden Prozess als Nervenkitzel darstellen: „Andere machen Bungee-Springen, wir machen halt so einen Schmarrn.“

Die „Schutzgruppe“ hatte für den 65. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November einen Anschlag auf die Grundsteinlegung für ein neues jüdisches Gemeindezentrum geplant.

Die Mitglieder hatten sich bereits seit Jahren in den Wäldern um München zu paramilitärischen Übungen getroffen. Im Frühjahr 2003 begannen die Neonazis, die der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein „Braune Armee Fraktion“ nannte, mit dem Horten von Sprengstoff. Neben der jüdischen Gemeinde hatten sie es auch auf Moscheen, Asylbewerberheime und eine griechische Schule abgesehen. Ihr Ziel: ein Staat nach nationalsozialistischem Vorbild.

Der Kopf der Gruppe, Martin Wiese, wurde 2005 unter anderem wegen Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Zur etwa derselben Zeit wurde in Brandenburg einer Gruppe von zwölf Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren der Prozess gemacht. Sie hatten unter dem Namen „Freikorps Havelland“ zwischen 2003 und 2004 zehn Anschläge auf Imbissbuden, Restaurants und Geschäfte von asiatisch- oder türkischstämmigen Besitzern verübt.

Laut dem Oberlandesgericht Brandenburg hatten die Jugendlichen mit den Anschlägen das Ziel verfolgt, „das Havelland von Ausländern zu säubern“.

Nagelbombenanschlag in Köln: Wieder zunächst kein Rechtsextremismus-Verdacht

9. Juni 2004: In der Keupstraße in Köln-Mülheim steht ein Fahrrad vor einem Friseursalon. Auf dem Gepäckträger ist ein Koffer befestigt. In dem Koffer befindet sich eine Gasflasche. Sie ist gefüllt mit fünf Kilogramm Schwarzpulver sowie rund 700 Zimmermannsnägeln, jeder zehn Zentimeter lang.

Als die Bombe gegen 16 Uhr mit der Funkfernsteuerung eines Modellflugzeugs gezündet wird, bersten Scheiben und Nägel fliegen. 22 Menschen werden verletzt. Manche von ihnen schweben zeitweise in Lebensgefahr.

Obwohl das Bundesamt für Verfassungsschutz Parallelen zu den Anschlägen in London sah, die den Rechtsterroristen von „Combat 18“ zugerechnet werden, und obwohl in der Keupstraße viele Menschen mit Migrationshintergrund lebten, wurde auch hier nicht in Richtung Rechtsextremismus ermittelt.

Mord an einer Polizistin: Das "Heilbronner Phantom"

25. April 2007: Die 22-jährige Polizistin Michèle Kiesewetter und ihr Kollege Martin A. parken ihren Streifenwagen auf dem Festplatz der Heilbronner Theresienwiese. Mittagspause. Sie rauchen und reden, während im Hintergrund der Rummel für das anstehende Maifest aufgebaut wird.

Kurz vor 14 Uhr nähern sich zwei Männer und schießen den beiden Polizisten unvermittelt in den Kopf. Sie rauben ihre Dienstwaffen, Magazine und Handschellen. Dann verschwinden sie. Martin A. überlebt schwer verletzt. Michèle Kiesewetter nicht.

Die Ermittler waren ratlos. Als vielversprechendste Spur im Mordfall Michèle Kiesewetter galt lange Zeit die DNA einer unbekannten weiblichen Person, die nicht nur in Heilbronn, sondern auch an 40 weiteren Tatorten im In- und Ausland gefunden worden war.

Dutzende Ermittler suchten nach dieser Frau. In mehreren Ländern. Über Jahre hinweg.

Das „Heilbronner Phantom“ stellte sich letztlich als eine Mitarbeiterin eines Verpackungsbetriebs heraus. Die Frau hatte die Wattestäbchen verpackt, die an den Tatorten zum Einsatz gekommen waren.

Die „Ceska-Morde“, der Nagelbombenanschlag von Köln, der „Polizistenmord von Heilbronn“ – in den Nullerjahren konnten die Täter nicht gefunden werden. Es musste erst ein neues Jahrzehnt anbrechen, bis etwas Licht ins Dunkel kam.

In Form von Mündungsfeuer, Explosionen und Flammen. Mehr dazu im sechsten Teil unserer Serie.

Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors". Es kann über den ZVW-Shop oder im Online-Shop von CORRECTIV vorbestellt werden. Das gleichnamige Projekt ist eine Kooperation elf renommierter Regionalmedien in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring e.V., unter Leitung des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV.

Weitere Texte zum Thema finden Sie auf www.menschen-im-fadenkreuz.de oder unter zvw.de/menschen-im-fadenkreuz.