Menschen im Fadenkreuz

Jahrzehnte des Hasses (7/7): Hanau, Hummelgautsche und das Rechtsterrorismus-Problem – die 2020er Jahre

5I7A3218 Jahrzehnte des Hasses (7/7): Hanau, Hummelgautsche und das Rechtsterrorismus-Problem - die 2020er Jahre
Grillplatz Hummelgautsche in Alfdorf: Hier sollen sich Neonazis getroffen und eine Terrorvereinigung gegründet haben. © Gabriel Habermann

In der Artikel-Serie "Jahrzehnte des Hasses" skizzieren wir im Gespräch mit dem Rechtsextremismus-Experten Prof. Dr. Fabian Virchow die Kontinuitäten rechtsextremen Terrors in der Bundesrepublik Deutschland. Die Texte stammen aus dem Austellungsband "Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors". Alle Teile der Serie finden Sie hier.

14. Februar 2020, fünf Tage vor dem Anschlag von Hanau: Bei Razzien in sechs Bundesländern werden zwölf Männer festgenommen, die im Verdacht stehen, gemeinsam Anschläge auf Moscheen und politische Gegner geplant zu haben. Die Ermittler finden bei Durchsuchungen Waffen und Sprengstoff.

Terrortreffen in Alfdorf: Rechtsextreme und Reichsbürger am idyllischen Grillplatz

Die Behörden hatte die Männer, die teils der rechtsextremen und der Reichsbürger-Szene angehörten, seit ihrem ersten persönlichen Treffen an der Hummelgautsche in Alfdorf auf dem Schirm. Im November erhob der Generalbundesanwalt Anklage gegen elf mutmaßliche Mitglieder sowie einen mutmaßlichen Unterstützer der „Gruppe S.“.

In einer Pressemitteilung hieß es dazu: „Die Gründungsmitglieder zielten darauf ab […] die Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland zu erschüttern und letztlich zu überwinden.“ Durch das massenhafte Töten von Muslimen sollten „bürgerkriegsähnliche Zustände“ herbeigeführt werden. „Es wurde auch erwogen, gewaltsam gegen politisch Andersdenkende vorzugehen.“

Nach Informationen des „Spiegel“ fanden die Ermittler bei einem der Angeklagten Videos der Anschläge von Christchurch und Halle, die der Gruppe S. offenbar als Vorbild dienten.

Rechter Terror ist längst ein internationales Phänomen. Die menschenverachtende Ideologie, die ihm zugrunde liegt, findet den Weg in die Köpfe der Täter auf allen erdenklichen Wegen.

Rechte Gewaltaffinität: Virulent und kaum zu überwachen

Ein Jahr nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Hanau sagte Filip Goman, Vater von Mercedes Kierpacz, im Gespräch mit dem Schweizer Radio und Fernsehen: „Wissen Sie, mein Großvater wurde in Auschwitz von den Nazis vergast. Und meine Tochter wird von einem Rechtsterroristen in Hanau erschossen. Wieso?“

Rechter Terror hat eine Geschichte in Deutschland. Eine Geschichte, die dieser Text nur im Ansatz, nur lückenhaft anhand einiger zentraler Beispiele erfassen kann.

„Wenn im Verfassungsschutzbericht steht, dass von 10.000 Neonazis die Hälfte gewaltbereit ist, ist das eine hohe Zahl. Aber die Zahl derer, die in diesem Land bereit sind oder es befürworten, Gewalt gegen ‚Volksfeinde‘ einzusetzen, ist meines Erachtens fünfstellig“, sagt Fabian Virchow. „Man muss zur Kenntnis nehmen, dass in der BRD eine zahlenmäßig relevante Minderheit nach wie vor völkischem Gedankengut anhängt und die imaginierte völkische Reinheit teilweise mit Gewalt herstellen und verteidigen will.“

Diese Minderheit sei so groß, dass man sie unmöglich überwachen könne, so Virchow. „Wenn ein Bürger Mitte 50, der nie in der rechtsextremen Szene aktiv war, losgeht und einem Geflüchteten ins Gesicht schießt oder Menschen überfährt, kann der Staat diesen Menschen selbst bei ausgeweiteter Überwachung nicht auf dem Schirm haben.“

Experte: "Es braucht Sensibilität, gesellschaftliche Tabs und politischen Mut"

Die politische Aufgabe müsse laut Virchow daher sein, die Vorstellung, dass es so etwas wie homogene Völker gäbe, die ihren ethnischen Kern verteidigen müssten, zu überwinden.

„Das kann kurzfristig dazu führen, dass diejenigen, die daran festhalten wollen, diese Vorstellung umso heftiger verteidigen“, sagt Virchow. „Ich glaube, man müsste noch offensiver plausibel machen, dass Deutschland eine Gesellschaft vieler Minderheiten wird. Wir sind eine Migrationsgesellschaft.“

Dass das keine einfache Aufgabe ist, das ist auch dem Experten bewusst. „Es braucht Sensibilität, gesellschaftliche Tabus und politischen Mut“, sagt er. „Dass dieser Mut zurzeit fehlt, hat meiner Einschätzung nach auch mit der AfD zu tun.“

Fabian Virchow empfiehlt daher – „banal aber wichtig“ –, den demokratischen Teil der Gesellschaft zu stärken. „Diejenigen, die dagegenhalten: politische Bildung, Opferberatung, Minderheiten.“ Denn um die Auseinandersetzung komme man nicht herum. „Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Patentrezepte hätten. Wohl wissend, dass es die gar nicht geben kann.“

Rechter Terror wird nicht einfach verschwinden.

Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors". Es kann über den ZVW-Shop oder im Online-Shop von CORRECTIV vorbestellt werden. Das gleichnamige Projekt ist eine Kooperation elf renommierter Regionalmedien in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring e.V., unter Leitung des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV.

Weitere Texte zum Thema finden Sie auf www.menschen-im-fadenkreuz.de oder unter zvw.de/menschen-im-fadenkreuz.