Vier Wochen vegan

Vegan in London: Es gibt alles

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Liviana Jansen im veganen Londoner Schoko-Himmel. © Leonie Kuhn
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„Könntest du einen Burger umbringen?“ fragt dieses Protestplakat der Gruppe Animal Aid in London. „Killing... it’s all part of the package“ steht darunter – wer Fleisch ist, sollte sich bewusst sein, dass ein Lebewesen getötet wurde. © Jansen / ZVW
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Veganes Süßes gibt’s in London zuhauf. © Jansen / ZVW

London/Waiblingen. Vegan essen ist in London einfach: Überall bieten kleine Cafés und hippe Läden veganes Essen an. Niemand schaut mich schräg an – hier scheint es ziemlich normal zu sein, vegan zu leben. Doch das Überangebot an Nahrungsmitteln macht mich auch nachdenklich.

@Eine interaktive Karte der veganen Locations finden Sie unten im Artikel oder hier.

Als wir am ersten Abend spät am Flughafen ankommen, habe ich schon Angst: Bestimmt gibt’s jetzt nix mehr zu essen für mich. Doch ich habe London unterschätzt. Ganz Metropole, haben noch jede Menge Restaurants geöffnet und gleich in der Nähe unseres Hostels finden wir eine Meze-Bar mit veganen Gerichten auf der Speisekarte. Am nächsten Morgen muss ich zwar ein wenig improvisieren – das einfache Frühstück im Hostel ist nicht auf Veganer ausgelegt –, aber Toast (laut Packung vegan) mit Marmelade und schwarzer Kaffee tun’s ja auch. Irgendwie wird man genügsam als Veganer.

Veganer-Demo am Piccadilly Circus

Mit dem Doppeldecker-Bus geht’s in die Stadt – ich will unbedingt zum „Whole Foods Market“, den mir eine Smartphone-App empfohlen hat. Auf dem Weg dorthin stolpere ich in eine Veganer-Demo: Eine Handvoll Aktivisten verteilen am Piccadilly Circus Flugblätter – für Veganismus, gegen Tierleid. Einer beschallt die Vorbeilaufenden mit einer Flüstertüte. Was bringt Menschen dazu, ihre Lebenseinstellung so nach außen zu tragen und andere bekehren zu wollen? Ich frage nach und bin überrascht: Das sind ja ganz normale Menschen, einige von ihnen sogar erst seit kurzem Veganer. Ein Satz des Organisators, Michael Green, bleibt mir besonders im Gedächtnis: „Indem Sie darüber schreiben und das Thema an die Öffentlichkeit bringen, sind Sie auch schon Aktivistin.“ Ist da vielleicht etwas dran?

Ein Riesen-Bio-Supermarkt für hippe Londoner mit viel Geld

Im Whole Foods Market ist von Genügsamkeit keine Spur: Es ist definitiv der größte Biosupermarkt, den ich je gesehen habe. Die Kühltheke teilen sich abgepackte Salate mit Sandwiches, Saucen und Joghurt-Alternativen mit Desserts, es gibt Chips, Soßen, süßes Gebäck und mehrere Theken mit warmen Speisen. Alles ist gekennzeichnet, vieles vegan. Das Konzept scheint ausgerichtet auf ein hippes, gesundheitsbewusstes Publikum, dessen Geldbeutel angesichts der Preise aber nicht zu klein sein darf. Hier gibt es von allem viel – ich fühle mich wie im Schlaraffenland für Veganer. Gleichzeitig stimmt mich das nachdenklich: Wie viel hier wohl weggeworfen wird? Kann es bei einem solchen Überangebot überhaupt gut um die Nachhaltigkeit bestellt sein? Und was ist mit denjenigen, die sich diesen Lebensmittel-Luxus nicht leisten können? Jenen beispielsweise, die am Rande der Gesellschaft leben – Obdachlose gibt es in London jedenfalls zuhauf. Ob ihr Essen „raw“ oder „organic“ oder „dairy free“ (roh, bio, ohne Milch) ist, darauf können sie sicherlich keinen Wert legen. Umgetrieben von diesem schroffen Gegensatz schmecken meine veganen Sandwiches und Cupcakes zwar immer noch lecker, aber auch ein wenig abgehoben und egozentrisch.

Veganer Burger im „Mildreds“

Abends im „Mildreds“ dann – einem ebenso gemütlichen wie überfüllten veganen Restaurant – sind wieder diejenigen versammelt, die es sich leisten können, dort zu essen. Das Publikum ist gemischt. Es gibt sie zwar, die typischen Veganer, so wie die junge Frau mit den Dreadlocks, die auf ihr Essen wartet, genauso aber sitzt neben uns ein schick gekleidetes Paar mittleren Alters, das wirkt, als würde es sonst eher in Sternerestaurants verkehren. Eigentlich wäre es interessant, nachzufragen, was die Gäste hierhertreibt. Aber als „German journalist“ allen auf die Nerven zu gehen und eine Umfrage zu starten, das will ich meinem Freund nicht antun. Ohnehin trägt er mein Vegan-Experiment mit Fassung und garniert seinen veganen Burger lediglich mit einer Scheibe Kuhmilchkäse. Auf dem Nachhauseweg ereilt mich dann die nächste Erkenntnis: Torkeln scheint in London zum guten Ton zu gehören. Wer zu später Stunde noch auf gerader Linie einen Fuß vor den anderen setzen kann, fällt auf.

Im veganen Schokohimmel

Weitaus schwieriger als veganes Essen zu finden, ist in London die Fortbewegung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Zumindest an diesem Wochenende, denn die U-Bahn-Linie, die um die Innenstadt herumführt, ist wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb. Ersatzweise verkehren Busse. Das kann im Londoner Stadtverkehr auch mal länger dauern. Viel zu schnell vergehen dann auch die drei Tage und es ist fast an der Zeit, in den Flieger nach Hause zu steigen. Vorher will ich aber unbedingt noch etwas erledigen: Einmal noch so einen leckeren veganen Cupcake essen – diesmal im East End, denn die Besichtigung der Tower Bridge steht auf dem Programm.

Auf meiner Cupcake-Suche begegnen mir jede Menge gut informierte Verkäufer. Sie sind offen und hilfsbereit und können mir die rein pflanzlichen Lebensmittel in ihrem Laden zeigen, die zudem meist mit kleinen grünen Symbolen gekennzeichnet sind. Niemand guckt mich schräg an, als ich nach veganen Produkten frage – irgendwie scheint der Veganismus hier schon mehr angekommen zu sein. Oder die Esskultur ist eine andere, zumindest aber ist es offenbar akzeptiert, eigene Ernährungsgewohnheiten zu haben. Am Ende finde ich dann zwar keinen Cupcake, dafür aber einen Laden, der Trinkschokolade in allen möglichen Varianten sowie eine Auswahl veganer Pralinen verkauft. Ich muss im veganen Schokohimmel gelandet sein.

Alle Videos und Bilder der zweiten Woche finden Sie hier.

Eine interaktive Karte der veganen Locations

London-Tipps

  1. Eine große Auswahl an veganen Lebensmitteln aller Art bietet der „Whole Foods Market“ in der Nähe des Piccadilly Circus.
  2. Lecker waren die Spicy Vegetables (etwa: scharfes Gemüse) in der Meze-Bar Mahana an der Uxbrigde Road (Shepherd’s Bush).
  3. Komplett vegetarisch ist die Speisekarte des Restaurants „Mildreds“ in Soho. Der überwiegende Teil der angebotenen Gerichte ist sogar vegan. Wer dort essen möchte, ist am besten schon früh da oder bringt etwas Zeit mit: Reservierungen werden nicht entgegengenommen. Getestet und für gut befunden: Burger mit Süßkartoffelpommes, Rote-Bete-Schokokuchen mit cremigem Topping und Vanilleeis mit salzigem Karamell - alles vegan.
  4. Auch in Chinatown lässt es sich gut essen: Mehr als 80 Restaurants bieten authentische chinesische Küche, viele haben vegane Gerichte auf der Karte.
  5. Gutes veganes Essen gibt’s ebenso im East End (Whitechapel): Auf dem Borough Market bieten kleine Stände Snacks an, und entlang der Brick Lane reihen sich Curry-Restaurants aneinander. Dort gibt es auch „Dark Sugars“: alles rund um Kakao, inklusive veganer Pralinen.
  6. Sogar Harry Potter kann vegan: In den Warner Bros. Studios, wo die Kulissen zu besichtigen sind, gibt’s nicht nur vegane Snacks - auch das Butter Beer ist ohne Topping vegan.