Die Flüchtlinge - eine Zwischenbilanz

Was wurde aus Ali und Shedi aus Syrien

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Ali, links, und Shedi – ein Bild noch aus der Zeit der Massenunterkunft in der Berufsschulturnhalle in Schorndorf. Machen sie ihren Weg? © Büttner / ZVW

Schorndorf/Hattenhofen. Wie sagt man zu etwas, das einen stark beschäftigt hat? Es war eine aufregende Zeit. Die Zeit mit Ali und Shedi. Und es kann nur näherungsweise gesagt werden, was aus diesen beiden syrischen Familienvätern ohne Familie im Zufluchtsort Deutschland wird. Der Schreiber dieser Zeilen hat sie länger begleitet, halb dienstlich, halb privat.

Die Zwischenbilanz nach anderthalb Jahren „Wir schaffen das“-Bemühung kann eigentlich nur gemischt sein. Als ob sie danach ausgewählt wurden – aber Ali und Shedi repräsentieren ganz gut das Ja und das Aber. Der eine, Shedi, hat seine Zukunft hier in Deutschland bislang recht gut gepackt, dank auch der Verbindung eines Schorndorfer Stadtrates zu einer Wirtsfamilie in Hattenhofen. Der andere, Ali, muss endlich auf die Schulbank, hat Deutsch zu lernen. Was fast unmöglich erscheint. Man konnte es ahnen.

Für den Blog, aber auch privat: Der Redakteur wird zum Flüchtlingshelfer

Sommer 2015. Die Berufschulturnhalle in Schorndorf ist seit einem Tag belegt. Busse brachten 90 Männer aus Erstaufnahmelagern nach Schorndorf. Die Halle ist so weit eingerichtet. Ein letztlich bewundernswerter Akt der immer bürokratischen bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Aber der Baustellenzaun ist noch nicht mit Plastikfolien behängt. Ich seh Ali bei den Küchencontainern. Er sieht mich. Sein Gesicht öffnet sich. Ich frage ihn, ob ich ein Foto machen kann. Ja, lautet das Signal mit der Hand. In der Redaktion wurde zuvor die Aufgabenverteilung abgesprochen. Ich wollte Flüchtlinge begleiten für einen Blog auf zvw.de. Mir war klar, wenn ich das mache, dann mache ich es auch als Privatmensch. Ich ließ mich bei der Stadt Schorndorf als Asylbewerberhelfer registrieren.

Shedi ist der Optimistischere

Man traf sich fortan am Baustellenzaun. Beim zweiten Mal brachte Ali, ein syrischer Kurde, seinen Freund Shadi mit, gerufen Shedi. Und mit ihm kam ein Typ, den man sich gut als Freund vorstellen kann. So offen, wie der auf einen zugeht. So hellwach. Wissend, dass es um die ersten fünf Sekunden des Eindruckmachens geht. Und um Kommunikation unter unmöglichen Verhältnissen. Mit Händen und Füßen oder indem man den dritten Syrer herholt, der Englisch in Damaskus studiert hat. Es wird schnell klar: Shedi ist der Fittere. Der Optimistischere. Der Zupackendere. Er war’s auch, der mir immer wieder sein Smartphone unter die Nase hielt. Ich soll da reinsprechen. Dann übersetzt ein Dienst das ins Arabische. Er wiederum tippt ins Gerät. Zur Hälfte ist es reiner Schrott, was dann als Textzeile auf dem Display erscheint. Was haben wir gelacht!

Ein Kurde, nicht religiös, und ein Araber, aber Druse

Ich hab die beiden ins Auto gepackt auf der Suche nach Übersetzern. Ali, der Kurde, kann kein Türkisch, nur Kurmandschi. Ich habe gelernt, dass in Schorndorf und im Wieslauftal die Döner-Bräterei an die Kurden gefallen ist. Türken machen sich nicht mehr die Finger fettig. Ich durfte mich als Schorndorfer freuen, dass in der Schorndorfer Ditib-Moschee alle willkommen sind, auch syrische Kurden. Zumindest beim Vorstand. Den Imam habe ich nicht fragen können. Ich musste lernen, dass mit der Aufnahme dort nicht geholfen ist. Ali hat es nicht mit der Religion. Und Shedi ist zwar ein syrischer Araber, gehört aber zu den Drusen. Sie glauben an die Seelenwanderung und leben etwa im Libanon eher mit den Christen als den Muslimen.

Syrien war bis zu seiner schieren Zerbombung ein modernes Land

Ich wollte mir ein Bild machen, wie das ist, wenn ich mit den beiden durch Schorndorf laufe, und es kommen ihnen, noch in der Sommerhitze, Mädchen entgegen, entkleidet von allem, was nicht unbedingt sein muss. Sie starren nicht, sie schauen kaum. Syrien war bis zu seiner schieren Zerbombung ein modernes Land. Ich habe auf ihren Handys Bilder gesehen von ihren Frauen. Die Strähnen blondiert, kein Kopftuch.

Ali packt beim Wände verputzen mit an

Ich nahm die beiden mit in den Verein. Da musste eine Wand verputzt werden. Von Ali wusste ich, dass er zuletzt als Bedienung in einem Café arbeitete. Von Shedi, dass er Chef des Service war in einem Restaurant in Damaskus. Jetzt ist es Ali, der die Sache in die Hand nimmt, in die Mörtelmasse greift und mit den Händen auf der Mauer verteilt. Endlich ist der Blick weg vom Handy, auf dem ständig die Frau anruft. Sie war zu dem Zeitpunkt untergekommen im Südosten der Türkei. Alis Bein zuckt nicht mehr nervös. Er spürt: Endlich kann auch er zeigen, dass er was kann. Sonst saß er da, zusehends mit Ringen unter den Augen. In der Halle ist selten an Schlaf zu denken. Und wenn man ihn gefragt hat, wie es ihm geht, wurde es erbarmungswürdig. Ein paar Brocken Englisch kann er ja: „Baby, Baby, Bomb, Bomb“. Sollte heißen: Immer wenn eine Verbindung steht zu den Seinen, ist im Hintergrund Geschützlärm zu hören. Die Kinder weinen. Oder die Mutter spricht davon, dass wieder ein Kind krank ist.


Heute wohnt Ali in einem alten Haus in Schorndorf mit anderen aus der Halle. Es hat sein Gutes, dass in seinem Zimmer noch zwei aus der ersten Zeit schlafen. Immer noch muss man einen finden, der halbwegs Englisch kann. Wann immer man Ali trifft, hat er ein Anliegen. Zieht Papiere aus seinem Rucksack. Bitte, lässt sich da nicht was machen? Da gibt es die eine, ganz große Sache: die Sorge um Frau und Kinder, das Getrenntsein. Seine 100 oder 150 Euro, die er im Monat runterschickte plus das Geld der Verwandtschaft: Es reichte, um einen Schlepper zu bezahlen, der die Familie von der Türkei nach Griechenland expedierte. Es reichte bis nach Athen. Aber dort nun steckt sie fest. Ali und Shedi dürfen als anerkannte Flüchtlinge aus Syrien ihre Familien nachkommen lassen. Jetzt geht es um ein Visum, das die deutsche Botschaft auszustellen hat. Es ist sogar ein Termin bekannt: Vor Ostern darf seine Frau vorsprechen. Ali ist das zu lang hin. Er kann nur sehr schwer warten. Es nützt ihm gar nichts, dass er sicher ist. Alles, was ihm wichtig ist, wähnt er in einer Lagerhalle in der Athener Vorstadt. Dabei hat der Mann zu sorgen für die Familie.

Eingabe ans Konsulat beschleunigt nichts

Der Kontakt läuft über Uli Kommerell, die immer so sehr Mensch gebliebene Hilfsmaschine des Schorndorfer Sozialamts. Nein, rät er, lieber keine Eingabe machen ans Konsulat. Da gebe es noch weit mehr Fälle. Da beschleunige sich nichts.

Nie gelernt, richtig zu lernen

Alis Mitbewohner sind genervt. Wenn man ihnen sagt, sie sollen ausrichten, er müsse jetzt unbedingt den Integrationskurs als Chance begreifen, endlich Deutsch lernen, verdrehen sie die Augen. Zeigen auf ihn, machen ihn nach: „Baby, Baby, Bomb, Bomb“. Gewiss, Ali hat im Norden Syriens, im kurdischen Dorf, eine Schule besucht. Aber wohl nie gelernt, richtig zu lernen. Und jetzt also eine solch abstrakte Sprache. Allein schon die Buchstaben. Es wird dauern, mindestens ... Ausgang offen.

Shedi arbeitet als Küchenhilfe

Shedi hat es geschafft, besser bis gut. Noch sprechen die Wirtsleute, Britt und Dieter Siller, die meiste Zeit für ihn. Ja, er ist der, der den Ausflüglern im Raum Göppingen die Schweineschnitzel brät. Kein Problem für ihn, er ist ja Druse. Koch Dieter Siller braucht ihn als Küchenhilfe. Er hatte mal einen Osteuropäer, aber der hat noch nach Monaten wenig kapiert. Shedi ist wach, jedenfalls wenn die Nachrichten von seiner Familie, drei Kinder, nicht zum Erbarmen sind. Er kann alle wichtigen Signalwörter. Manchmal verwechselt er „heute“ mit „morgen“. Aber er schreibt sich das Notwendige auf. Shedi ist richtig froh, dass Britt Siller auch noch seine Finanzen übernommen hat. Er hatte sich vor Weihnachten einen 800-Euro-Fernseher übers Internet bestellt. Sie erfuhr davon, stornierte den Auftrag, schenkte ihm ihren alten. Am Ende kommt es auf solch nette Leute an, damit Integration gelingt. Sie beklagen, dass es keinen Fallmanager im Göppinger Landratsamt gibt.

Auch Shedi geht es um den Nachzug

Auch bei Shedi geht es um die Familie. Um den Nachzug. Er hat zweimal Geld runtergeschickt, damit syrische Behörden einen Pass ausstellen. Die Voraussetzung, um wenigstens in den Libanon zu gelangen. Die Sillers haben den Eindruck, die syrischen Stellen wittern, dass da noch mehr Geld rauszuschlagen ist. Also melken sie die Kuh weiter. Shedi ahnt es auch. Aber aufgeben geht nicht. Also wieder das Meiste vom Lohn abzwacken.

"Kartoffelsalat kann er richtig gut"

Shedi sieht gut aus. Die Ringe unter den Augen sind verschwunden. Was er denn isst, wenn er mal Pause hat? „Schweineschnitzel mit Spätzle und Soß“, antwortet Dieter Siller. Und: „Kartoffelsalat kann er richtig gut.“ Wir lachen. Shedi hat einen Wunsch. Er zeigt auf mich. Ich soll am Montag, wenn er frei hat, kommen. Ihn mitnehmen zu den Freunden in Schorndorf. Für einen Abend.

Schicksalsblog

Redakteur Jörg Nolle hat Ali und Shedi bei ihren ersten Schritten in Deutschland begleitet. Seine Erfahrungen hat er in einem Blog gesammelt.

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