Bundesliga

Bayern weiter ohne Trainer Nagelsmann - «Wieder aufstehen»

Julian Nagelsmann
Der FC Bayern München muss noch auf Trainer Julian Nagelsmann verzichten. Foto: Sven Hoppe/dpa © Sven Hoppe

München (dpa) - Streichergebnis oder Wirkungstreffer? Diese Frage stellt sich die gesamte Fußball-Nation - und auch der FC Bayern selbst. Beantworten müssen sie nun der weiter in Corona-Quarantäne gefangene Trainer Julian Nagelsmann und sein im DFB-Pokal von Gladbach klar geschlagenes Star-Ensemble.

Die nächste Aufgabe wartet am Samstag (15.30 Uhr/Sky) in der Fußball-Bundesliga ausgerechnet in der seit 21 Partien uneinnehmbaren Heimfestung vom 1. FC Union Berlin.

Nagelsmann trug in seiner Video-Pressekonferenz immer noch Schwarz, als er sich erstmals zum historischen und natürlich auch ihn irritierenden 0:5 äußerte. Er gab zu: «Das Spiel schüttelst du nicht einfach ab.» Zum totalen Systemabsturz im Borussia-Park bemerkte er: «In allererster Linie haben wir mal gezeigt, dass wir Menschen sind und keine Maschinen.»

«Anspruch, Champions zu sein»

Gleichwohl erwartet er, dass die Münchner Erfolgsmaschine möglichst schnell wieder auf Touren kommt: «Wir haben den Anspruch, Champions zu sein, die wieder aufstehen.» Kapitän Manuel Neuer hatte sich ähnlich geäußert: «Nun müssen wir am Samstag eine Reaktion zeigen.»

Nagelsmann spürt nach knapp vier Monaten als Bayern-Coach erstmals, welche Wucht eine Fünf-Tore-Watschn inklusive des ersten verspielten Titels in München entfachen kann. «Solche Ergebnisse sollten eine Einmaligkeit haben», sagte er im dunklen Rollkragenpullover.

Direkt in Kontakt treten mit seiner Mannschaft kann er wegen Corona immer noch nicht wieder. Er hofft aber, am Dienstag in der Champions League gegen Benfica Lissabon wieder am Spielfeldrand coachen zu können. «Da kannst du eingreifen», sagte er zu seinen am Ende doch begrenzten Einflussmöglichkeiten aus dem Home-Office.

Respekt vor Union

«Ich glaube nicht, dass wir gewonnen hätten, wenn ich dabei gewesen wäre», bemerkte er allerdings zum Gladbach-Spiel, dass auch ihn als Beobachter vorm heimischen TV-Gerät arg schmerzte: «Ich habe schon viel rumgeschrien. Geflogen ist aber nichts in meiner Küche.»

Nagelsmann schöpft seine Arbeitsmöglichkeiten aber aus. Er tauschte sich per Video und Telefon intensiv mit den Führungsspielern aus. Auch mit den Münchner Vorständen und Ex-Profis Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic war er in Kontakt. «Ich habe auch sie befragt, die viele Extreme erlebt haben», verriet Nagelsmann. Seine Motivationsansprache vor der Abfahrt der Mannschaft am Samstag ins Union-Stadion will er diesmal per Live-Videoschalte halten. Vor Union hat er Respekt. «Wir müssen an die Leistungsgrenze gehen», mahnte der Coach.

Union-Trainer Urs Fischer reagierte auf die Bayern-Lage mit der Gelassenheit eines Schweizers. «Die Aufgabe ist schwer genug. Ob die Bayern mit einer speziellen Wut kommen, daran ändert sich nichts», sagte er am Freitag. Viele Fußballexperten und Fans in Deutschland dürften aber eher wie Freiburgs Trainer Christian Streich denken.

Niederlage als Wirkungstreffer

«Ein Champion geht runter auf die Bretter, respektiert zähneknirschend den Sieg des Gegners, schüttelt sich, erholt sich zwei, drei Tage, steht auf und schlägt zurück.» Genau das erwartet Streich von Lewandowski, Müller, Kimmich und Co. in Berlin, «einfach, weil es in der Vergangenheit schon oft so war. Sonst wären es ja nicht die Bayern.» Streichs Analyse und These klingen schlüssig.

Die Niederlage war aber zumindest akut ein Wirkungstreffer. «Wir werden in den nächsten Wochen sehen, wie wir nach so einem Spiel reagieren», sagte Thomas Müller im Gladbacher Stadion noch im Schockzustand: «Man ist es von uns gewohnt, dass wir nach Negativerlebnissen eine Reaktion zeigen. Aber das ist leicht gesagt.»

Nagelsmann will Lehren ziehen

Bis zum Pokal-Debakel schienen die Bayern höchstens abseits des Rasens kleinere Probleme zu haben, etwa die Impf-Debatte um Joshua Kimmich oder die inzwischen verschwundene Gefahr einer Haftstrafe für Weltmeister Lucas Hernández. «Unruhe tut nicht gut», gab Nagelsmann zu. Er sprach aber auch aus eigenen Stücken die vielen Lobeshymnen an, wonach seine Spieler - vor Gladbach - schon wieder «die Besten in Europa» gewesen wären. «Lehren ziehen», lautet Nagelsmanns Ansage.

Union ist extrem heimstark. Auch die Bayern mussten sich dort in der vergangenen Saison mit einem 1:1 begnügen - wie auch im Heimspiel. Und nach dem Gladbacher Breel Embolo könnte diesmal Taiwo Awoniyi zum Schrecken der Bayern-Abwehr werden. Der 24 Jahre alte Nigerianer hat in der Liga schon sieben Tore erzielt, gerade mal drei weniger als Bayerns Tormaschine Robert Lewandowski. Nagelsmann wird diesmal Niklas Süle von Anfang an im Abwehrzentrum aufbieten. Der gegen Embolo völlig überforderte Dayot Upamecano bekommt wohl eine Pause. Ein Fragezeichen steht hinter dem Einsatz von Leon Goretzka wegen einer schmerzhaften Fleischwunde an der Achillessehne.

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