Rems-Murr-Sport

Bogenschütze Paolo Kunsch: Ein Doppel-Weltrekordler muss auf Wettkämpfe warten

Paolo Kunsch
Wenn es Corona zulässt, will Paolo Kunsch nun bei den Aktiven zeigen, dass die Junioren-Weltrekorde kein Zufall gewesen sind. © Benjamin Büttner

Da hat man zwei Junioren-Weltrekorde aufgestellt, bei denen selbst alle deutschen Aktiven blass werden, und nun finden wegen der Pandemie keine Wettkämpfe statt. Doch der 20-jährige Schwaikheimer Paolo Kunsch wartet geduldig auf seine Chance. Was hilft, sind nicht nur ideale Trainingsbedingungen.

Manchmal resultiert aus einem Zufall eine große Karriere. Eines Nachmittags, Kunsch war neun, begleitete er seinen joggenden Vater auf dem Fahrrad. Das Duo kam am Bogenplatz des SSV Hohenacker vorbei. Bogenschießen? Das ist ja mal interessant, fand der Junge. Er meldete sich zum Training an.

Ein Talent, das sich schnell zeigt

Eigentlich war das erst für Kinder ab zehn Jahren vorgesehen, doch für den kleinen Schwaikheimer machte der Verein eine Ausnahme. Und das Talent zeigte sich schnell: Mit dem klassischen Recurve-Bogen, also jenem, der auch bei Olympischen Spielen zum Einsatz kommt, wurde Paolo Kunsch Württembergischer Meister in der Schülerklasse.

Entscheidend für den sportlichen Aufstieg war das Jahr 2015. Paolo Kunsch benötigte einen neuen Bogen und wechselte zum Compound.

Warum? „Einen speziellen Grund gab es nicht. Ich fand das nur schon immer interessant. Und es hat mir mit dem Bogen von Anfang an gefallen“, erinnert sich der Schütze. Und leistungsmäßig „ging es stetig bergauf“. Bei den Junioren räumte Kunsch richtig ab.

Sechster bei der Junioren-WM und dreimal Deutscher Meister

In den Jahren 2018 und 2019 wurde der Nachwuchsschütze, der inzwischen zum SV Weil im Schönbuch gewechselt war, insgesamt dreimal Deutscher Meister – zweimal in der Halle und einmal im Freien. Hinzu kamen deutsche Rekorde und der sechste Platz bei der Junioren-WM 2019 in Madrid. Das war aber noch gar nichts gegen das, was Paolo Kunsch im September 2020 gelang: zwei Junioren-Weltrekorde.

Bei einem Freiluft-Sichtungsschießen in München verblüffte der Schwaikheimer alle. Im zweiten Qualifikationsdurchgang landeten von 72 Pfeilen 67 in der Zehn und fünf in der Neun. Das ergab 715 von 720 möglichen Ringen. 

„Meines Wissens hat das auch im Herrenbereich noch kein Deutscher geschafft“, sagt Kunsch. Andere auf der Welt schon, der Rekord bei den Aktiven von 718 Ringen ist aber nicht viel höher.

Eigentlich sind es sogar drei Weltrekorde ...

Als hätte eine überragende Leistung nicht genügt, durfte der Junioren-Schütze in München weiter jubeln. Beide Qualifikationsdurchgänge zusammengenommen erreichte er 1422 von 1440 Ringen – wieder Weltrekord.

Hinzu kam ein inoffizieller: die höchstmögliche Zahl von 150 Ringen in einem Match mit elf von 15 Pfeilen, die im inneren Kreis der zehn steckten. Besser war zwar noch niemand, doch der Wettkampfmodus ist nicht international anerkannt.

Die Auftritte des jungen Deutschen machten Furore. „Ich habe von Schützen aus aller Welt Zuspruch bekommen“, sagt Kunsch. Den Trubel hat er sich redlich verdient.

Dass Compound-Schießen nach wie vor weniger anerkannt ist als der Wettkampf mit dem Recurve-Bogen, kümmert ihn nicht weiter. Zumal es seiner Ansicht nach zu kurz gegriffen ist zu denken, mit dem Compound sei der Sport einfacher.

Sicher, im Vergleich zum Recurve gibt es Hilfsmittel, „die einen genauer schießen lassen“: eine Wasserwaage im Visier plus Vergrößerungslinse sowie ein Rollensystem, das dazu führt, dass das Zuggewicht geringer wird, je mehr die Sehne gespannt wird.

Allerdings betont Kunsch, dass die Zielscheibe beim Compound kleiner ist und der Druck im Wettkampf aufgrund eines anderen Ablaufs, es kommt auf jeden einzelnen Schuss an, „tendenziell höher“. Eine breitere Akzeptanz wird die Disziplin aber wohl erst erfahren, wenn sie endlich ins Olympia-Programm aufgenommen wird.

Seit dem Rekord-Wettkampf ist wegen Corona alles ausgefallen

Was Kunsch betrifft, hätte er nach seinen Weltrekorden gerne die Früchte bei weiteren Wettkämpfen geerntet. Doch seit dem Münchner Triumph sind wegen Corona alle Veranstaltungen abgesagt worden, auch alle nationalen und internationalen Titelkämpfe waren ausgefallen.

Das muss doch frustrierend sein, oder? „Natürlich gibt es mal eine Woche oder zwei, in denen man den Bogen auf die Seite legt“, sagt der Schütze. Das sei aber auch in normalen Jahren so. Motivationsprobleme habe er nicht – vor allem dank der Zusammenarbeit mit einem Mentalcoach aus Hannover.

Was Kunsch zudem bei der Stange hält, sind Trainingsbedingungen, nach denen sich fast jeder in Deutschland die Finger leckt. Der 20-Jährige ist auch Mitglied bei der Schvgg Endersbach-Strümpfelbach und darf deren Anlage nutzen.

Luxuriös: in der Halle für Freiluft-Wettkämpfe trainieren

Weil es im Gebäudekomplex unter anderem eine Großkaliber-Halle gibt, kann sich Kunsch sogar schon für Freiluft-Wettkämpfe vorbereiten. Bei diesen wird aus 50 statt wie in der Hallensaison nur aus 18 Metern geschossen.

Die Einheiten in Strümpfelbach seien aber nur möglich, „weil ich der Einzige bin, der trainieren darf und ich deshalb dort ganz alleine bin. Ich habe als Bundeskader-Athlet eine Sondergenehmigung.“

Paolo Kunsch brennt darauf, endlich wieder Wettkämpfe zu bestreiten. Von dieser Saison an startet er bei den Aktiven und wieder für seinen Heimatverein SSV Hohenacker.

Stand jetzt werden die Weltcups in Paris und Guatemala sowie die EM im türkischen Antalya und die WM in Yankton/USA stattfinden. „Ich bin sehr zuversichtlich, zumal ja Olympia-Jahr ist“, so Kunsch. Im Bogensport sei es an der freien Luft recht einfach möglich, die vorschriftsgemäßen Abstände einzuhalten.

Es sieht also gut aus für die Rückkehr des Schwaikheimer Weltrekord-Manns.

Da hat man zwei Junioren-Weltrekorde aufgestellt, bei denen selbst alle deutschen Aktiven blass werden, und nun finden wegen der Pandemie keine Wettkämpfe statt. Doch der 20-jährige Schwaikheimer Paolo Kunsch wartet geduldig auf seine Chance. Was hilft, sind nicht nur ideale Trainingsbedingungen.

Manchmal resultiert aus einem Zufall eine große Karriere. Eines Nachmittags, Kunsch war neun, begleitete er seinen joggenden Vater auf dem Fahrrad. Das Duo kam am Bogenplatz des SSV

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