Furcht vor «Totalversagen»

Cas urteilt über Russlands Olympia-Bann

CAS in Lausanne
Außenansicht vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS). Foto: Dominic Favre/KEYSTONE/dpa/Archivbild © Dominic Favre

Lausanne (dpa) - Das Berufungsverfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas könnte das Schlusskapitel des unendlichen Skandals um das russische Staatsdoping werden.

Von Montag an wird der Einspruch Russlands gegen den von der Welt-Anti-Doping-Agentur verhängten vierjährigen Olympia-Bann in Lausanne verhandelt.

«Eine Aufhebung der Sperre wäre ein Schlag ins Gesicht der sauberen Athleten und unmöglich vermittelbar», sagte Maximilian Klein von der Vereinigung Athleten Deutschland. «Das würde nicht nur ein Totalversagen des Welt-Anti-Doping-Systems, sondern einen irreparablen Vertrauensverlust in die Sportschiedsgerichtsbarkeit bedeuten.»

Nicht nur für ihn wäre eine Aufhebung der Sperre selbst auch ein Skandal. «Wir erwarten ein klares und hartes Urteil als sichtbares Signal für den weltweiten Kampf gegen das Doping», betonte auch Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. «Alles andere wäre nach dem, was in Russland offenkundig an Verwerflichem passiert ist, eine bittere Enttäuschung.»

Für die Sportausschussvorsitzende im Bundestag, Dagmar Freitag, wäre es «ein herber Schlag», wenn sich Russland durchsetzen sollte. «Ein Einmarsch eines Olympia-Teams unter russischer Flagge in Tokio wäre ein fatales Signal in Richtung der sauberen Athleten», sagte sie.

Die Wada hatte im November 2015 die russische Anti-Doping-Agentur Rusada nach Aufdeckung des Staatsdopings suspendiert. Trotz jahrelangen Leugnens des gigantischen Betrugs und der Verweigerung von geforderten Reformen hob die Wada die Sperre im September 2018 auf. Mit zwei Auflagen: Russland müsse den McLaren-Report mit den Beweisen für die Machenschaften anerkennen sowie Doping-Daten und -Proben von 2012 bis 2015 aus dem Moskauer Analyselabor an die Wada aushändigen.

Russland lieferte manipulierte Daten und stritt eine Fälschung ab. Die Wada zweifelte nicht am Ergebnis der forensischen Untersuchungen, zumal Experten noch einen Vergleich mit einer Kopie der Daten eines Whistleblowers machen konnten. Daraufhin sperrte die Wada Russland für vier Jahre und somit für die Tokio-Spiele 2021 sowie die im Winter 2022 in Peking. Athleten des Landes dürfen seitdem nur als «neutrale Athleten» unter bestimmten Umständen bei Großereignissen starten. Russland legte gegen die Sanktionen Einspruch beim Cas ein.

«Das unsägliche Taktieren Russlands lässt uns nur noch mit Kopfschütteln und Fassungslosigkeit zurück», sagte Klein. Umso mehr werde klar: «Hier muss der russische Staat ganz klar und entschieden in die Schranken gewiesen werden.» Alles andere wäre ein Zeichen an Russland und alle Nachahmer, «dass im Sport Staatsdoping weitestgehend ungeahndet bliebe».

Nach einigen «Freisprüchen» russischer Sportler durch das Cas ist die SPD-Politikerin Freitag nicht sicher, dass die Bestätigung der Sperre ein Selbstläufer sein wird. «Ich hoffe, dass die Verhandlung nicht zu einer Aufweichung der Sperre führen wird», sagte sie. Der russischen Seite wäre für ihren Einspruch jeder juristische Winkelzug recht, «um Verantwortlichkeiten zu verschieben und Schuld von sich zu schieben». Der Cas werde sich davon hoffentlich nicht beeindrucken lassen. «Die glasklaren Erkenntnisse unter anderen der McLaren-Reports können eigentlich durch kein Argument dieser Welt verwässert werden.»

Die Wada-Sanktionen müssten umgesetzt werden, appellierte Klein. «Dann wird klar: Nicht nur dopende Athleten werden für ihre Vergehen hart bestraft, sondern Staaten und Hintermänner, die Doping fördern, ermöglichen oder gar erzwingen.» Außerdem könnte ein hartes Urteil «im besten Fall ein Umdenken im russischen Sport beschleunigen», sagte Hörmann. «Letztlich wäre es auch eine klare rote Linie im Sinne des Fairplay: Wer betrügt, wird früher oder später dann doch die gerechte Strafe dafür erhalten.»

Nur solche konsequenten Sanktionen, «die die Dimension der Verfehlungen auch wirklich widerspiegeln», könnten Russland und dem Rest der Welt verdeutlichen, dass Doping die Werte eines fairen Sports mit Füßen trete, sagte Freitag. «Wenn sich Russland zukünftig wieder als große Sportnation darstellen möchte, wird das nur gelingen, wenn sie ab sofort uneingeschränkt den fairen Wettbewerb sucht.» Wenn das nicht gelingen sollte, würden Leistungen russischer Sportler immer «mit einem Makel» behaftet bleiben.

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