dpa-Interview

Christoph Daum: «Hochspannend, an Leichen rumzuschnibbeln»

Christoph Daum
Christoph Daum sieht seine Karriere im Fußball noch nicht als beendet an. Foto: Peter Kneffel/dpa © Peter Kneffel

München (dpa) - Die legendäre Drehtür im Münchner Flughafen-Hotel kennt Christoph Daum bestens. Seine Besuche beim Sport1-«Doppelpass», der dort jeden Sonntag aufgezeichnet wird, kann der 66-Jährige gar nicht mehr zählen, zur Location kann er dafür sämtliche Details nennen.

Um 6.00 Uhr beginne stets der Aufbau, der sich bis kurz vor Sendungsbeginn zieht. Dann lässt sich Daum in einen der bekannten roten Sessel fallen und spricht im dpa-Interview über Privates, seine Kokain-Affäre und die Typensuche im heutigen Fußball.

Wie sieht ein perfekter Tag im Leben von Christoph Daum aus?

Christoph Daum: Ein Traumtag ist natürlich - ich habe mehrere solche erleben können - im Kreis der Familie. Dass alle vier Kinder und die Enkelkinder dabei sind, dass wir spielen und uns unterhalten. Es kann natürlich auch mal sein, dass du eine Golf-Runde spielst und dann auf einmal ein Hole-in-one machst. Ich bin dann irgendwie auf einem Par-3, 175 Meter. Der geht schön auf die Fahne zu, aber du kannst es nicht genau sehen. Dann suchen wir, dann suchen wir - und auf einmal ist der drin! Da war natürlich der Jubel groß. Auf der anderen Seite: Es gibt so viele tolle und glückliche Momente, da könnte man 365 Tage, ein Jahr, mit füllen. Ich sage immer wieder: Ich gehe davon aus, dass die besten Tage noch kommen werden.

Sie waren zuletzt medial sehr präsent und sagten dabei immer wieder, ihre Karriere ist noch nicht beendet. Was treibt Sie noch an?

Daum: Meine Erfahrung und mein Wissen. Ich stelle immer wieder fest: Menschenskinder, du könntest auch da noch an entscheidender Stelle als Sportlicher Leiter oder Trainer diese Erfahrung gewinnbringend mit zur Verfügung stellen. Es ist meine eigene Neugier und auch meine Bereitschaft, Wissen und Erfahrung zu teilen. Wissen kannst du dir natürlich anlernen, aber Erfahrung musst du sammeln. Wenn das richtige Angebot kommt, sage ich, bong, die Wette gilt, ich steige nochmal ein. Anfragen gab es einige, die ich abgelehnt habe.

Was war die kurioseste Begegnung, die Sie in ihrer Laufbahn erlebt haben?

Daum: Kurios war sicherlich, als ich die Anfrage von den Malediven bekam. Die haben natürlich keine großen finanziellen Möglichkeiten, der kleine Verband. Dann offerierten die mir auf einmal eine Insel. Da habe ich gesagt: Hört mal zu, ihr zeigt mir die Insel vielleicht, wenn Ebbe ist, und bei Flut ist sie weg. Da haben sie herzhaft gelacht und gesagt, Sie können ja vorbeischauen. Ich fand es aber doch zu exotisch und habe abgesagt.

In der Ukraine hatte ich den Fall: Wie sagst du einem Oligarchen ab, der meint, er kann mit Geld alles machen? Er hat alles erfüllt. Als ich sagte, wir haben keine Unterkunft, meinte er: Suche dir ein Fertighaus aus, das wird in Deutschland zusammengebaut und auf dem Tieflader bringen wir es hierher. Dann hast du dein deutsches Haus sogar hier stehen, da bist du natürlich völlig perplex. Auch in der Türkei gab es Situationen, wo ich feststellen musste, dass schwere wirtschaftliche Krisen enormen Einfluss auf meine Trainingsarbeit genommen haben. Ich habe die Spieler teilweise aus eigener Tasche bezahlt, weil sie den Strom nicht mehr bezahlen konnten.

Ihr Fehler in der Kokain-Affäre hat Sie im Oktober 2000 den Posten des Bundestrainers gekostet. Wie bewerten Sie diesen Verlust verglichen mit dem, was in den Folgemonaten für Sie anstand?

Daum: Das kann man nicht prozentual gewichten. Die ganze Situation war für mich eine Zäsur, bei der ich verdammt viel Lehrgeld zu bezahlen hatte. Aber auch da habe ich es wieder geschafft, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurückzuholen. Der ganze Ablauf war schon sehr belastend.

Wie sehr ärgert es Sie, dass Ihre Laufbahn immer wieder auf die Kokain-Affäre reduziert wird?

Daum: Das stört mich enorm, aber es sind nun mal Dinge, die in epischer Breite in den Medien ausgewalzt und wiederholt worden sind. Das ging nach dem Motto: Hängt ihn jeden Tag noch ein Stückchen höher. Jeder hat nochmal ein Stück draufgesetzt. Es wurde alles geschrieben, egal, ob die Dinge einen wahren Hintergrund hatten. Das war eine Horrorzeit.

Was gab es außer dem Bundestrainer-Job noch für Tätigkeiten, die Sie gerne gemacht hätten, die sich aber nie ergeben haben?

Daum: Ich wollte ja mal Medizin studieren, ich wollte mal Kunst studieren. Das hat mich immer unheimlich interessiert. Viele meiner Kommilitonen sind nach Abschluss des Studiums weiter in das Medizinstudium. Da bin ich natürlich auch mit zu Kursen gegangen. Das war hochspannend, an Leichen rumzuschnibbeln, das mal zu sehen und so einen Nerv freizulegen. Die Medizin hat mich unglaublich fasziniert. Aber ich habe doch gesagt, das mache ich nicht. Insofern gab es viele Dinge, die mich interessiert haben.

Bedauern Sie, dass es leidenschaftliche Wortgefechte wie zwischen Ihnen und Uli Hoeneß inzwischen kaum noch gibt?

Daum: Ich glaube, viel mehr bedauern das die Medien. Wichtig ist für mich, dass der Fußball sich weiterentwickelt. Es einfach darauf zu reduzieren, dass sich der Fußball wegen fehlender Typen nicht weiterentwickelt, das wäre eine unzulässige Vereinfachung. Wichtig ist, dass wir Persönlichkeit zulassen und fordern und dass wir Spielern zugestehen, auch mal über die Stränge zu schlagen. Da sehe ich heute schon eine Zurückhaltung, die wir früher nicht kannten.

Die Suche nach Typen bezieht sich nicht nur auf die Trainer, sondern auch auf die Spieler. Fehlen auch dort besondere Charaktere?

Daum: Man kann generell dazu sagen, dass heutzutage schon in der Jugend die Medienschulung beginnt. Das hat es bei uns früher gar nicht gegeben, wir hatten nicht einmal einen Mediensprecher. Die Medien haben mich früher direkt selbst angerufen, das ging gleich ungefiltert raus. Heute ist es so, dass alles abgesprochen und Korrektur gelesen wird. Das heißt, es wird da natürlich auch eine Zensur vorgenommen gegenüber den Trainern und Spielern. Das kannten wir früher gar nicht.

Das ist doch etwas, was Ihnen missfallen müsste?

Daum: Das ist ein Stück Mainstream und Marketing. Es geht darum, wie verkaufe ich den Fußball. Der ist mit einem unglaublichen Positivismus versehen. Es geht immer darum, dieses Produkt einfach positiv darzustellen. Wir hatten früher nicht diese wirtschaftliche Bedeutung. Heute musst du mit jeder Aussage dem Sponsor gefallen, nicht nur den Fans. Darüber haben wir uns früher gar keine Gedanken gemacht. Heute musst du unglaublich viele Dinge imagemäßig berücksichtigen. Von daher sind das heute alles Situationen, in denen du dich nicht mehr so frei bewegen kannst wie früher.

Und wenn einer heute so wie ein Basler, ein Effenberg oder ein Daum auftreten würde, hält der sich nur, wenn er überdurchschnittliche Leistung bringt. Sobald der mal einen Fehler macht oder mal nicht so konstant gute Leistung bringt, wird der doppelt und dreifach weggenagelt. Die Medien, die das heute beklagen, haben selbst zum Teil mit ihrer Berichterstattung dazu beigetragen. Da haben sich einige gesagt: Bloß tiefstapeln und keinen hohen Anspruch nennen. Für mich war es immer so: Viel schlimmer, als dass ich hinterher richtig einen eingeschenkt kriege, ist, nicht dieses Ziel geäußert zu haben. Das ist heute ganz anders.

Einer Ihrer Leitsätze lautet «Stimmung schlägt Qualität». Warum ist das so und ist das unter Trainern Konsens?

Daum: Das zählt doch für das ganze Leben, das hat nichts mit dem Fußball zu tun. Daher ist es immer eine Aufgabe, nicht nur für den Trainer. Ich habe jede Woche gesagt: Heute haben wir das beste Dienstagstraining dieser Woche. Wir haben gelacht darüber, wir hatten Spaß, einer hat noch einen Flachs dazu gemacht. Wie hat das Martin Luther schon mal gesagt? Original heißt das glaube ich: Aus einem verzagten Arsch kommt kein lustiger Furz, also, bei der dpa würde es heißen, aus einem traurigen Hintern kommt kein lustiger Furz oder so.

Herr Daum, würden Sie sich als selbstkritisch bezeichnen?

Daum: Wenn du nicht selbstkritisch bist, dann gibt es keinen Fortschritt und keine Verbesserung. Selbstkritik ist Antriebsmotor. Für mich war es nie so, dass es alternativlos war, was ich gemacht habe. Es gab immer Alternativen.

In Rumänien sagten sie einst: 'Die Entscheidungen von mir und meinem Trainerteam waren richtig. Am besten wäre es natürlich gewesen, wenn sich diese Entscheidungen in kurzfristigem Erfolg niedergeschlagen hätten'. Meint das nicht, die Fehler in dieser Situation bei anderen zu suchen?

Nein, letztendlich ist es nur das, was nicht diskutabel ist. Zu einem gewissen Zeitpunkt X kannst du eine Entscheidung getroffen haben, von der du gesagt hast, das ist das Richtige. Hinterher kann sie dann falsch sein. Hinterher ist man oft einfach schlauer, das ist für mich aber kein Abgeben von Verantwortung. Ich habe immer die Konsequenzen getragen, so würde ich es sehen. Da kann man mich aber gerne kritisieren, vielleicht gibt es hier aber auch eine Diskrepanz von Selbst-Wahrnehmung und Fremd-Wahrnehmung.

Zur Person: Christoph Daum (66) gewann in seiner Laufbahn Meistertitel in Deutschland, Österreich und der Türkei. 2001 hätte er Bundestrainer werden sollen, bevor ihn seine Kokain-Affäre darum brachte. Daums bisher letztes Engagement endete 2017 als Nationaltrainer von Rumänien.

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