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Der siebte Feldspieler im Handball: Taktischer Kniff oder Unsinn?

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Wenn im Angriff die Lösungen fehlen, wie hier beim TVB Stuttgart, könnte der siebte Feldspieler eine Lösung sein. Foto: Jens Körner © Jens Körner

Wer sich selten ein Handball-Spiel anschaut, der wundert sich vielleicht, weshalb ein Team zeitweise den Torhüter durch einen zusätzlichen Feldspieler ersetzt. Es ist zum einen ein Mittel, um bei einer Zeitstrafe die numerische Unterlegenheit im Angriff auszugleichen. Es gibt aber auch die Regel, den Torhüter gegen einen siebten Feldspieler zu tauschen, um eine Überzahl herzustellen. Das kann zu Slapstick-Szenen führen, wenn die Bälle reihenweise ins leere Tor kullern. Das Sieben-gegen-Sechs kann aber auch spielentscheidend sein.

Über den Sinn und Unsinn dieser Regel wird seit Jahren diskutiert. Im Sommer sprach sich in einer Umfrage des Fachmagazins unter 38 Trainerinnen und Trainern die Mehrheit für eine Abschaffung der Regel aus. Wir stellen die Argumente der Befürworter und Kritiker gegenüber und haben Stimmen gesammelt.

Befürworter . . .

. . . sagen:

  • Der Handball wird durch den Einsatz des siebten Feldspielers attraktiver. Er schafft neue taktische Varianten, wenn es im Positionsangriff nicht so rund läuft.
  • Die Regel macht schwache Mannschaften besser, die Spiele werden ausgeglichener, taktisch limitierte Trainer bekommen mehr Chancen. Das Sieben-gegen-Sechs fördert die Kreativität der Spieler, weil sie als Kollektiv arbeiten und nicht nur individuell stark sein müssen.
  • Das Sieben-gegen-Sechs fordert die Abwehr. Sie muss aktiver verteidigen und antizipieren, um die Unterzahl auszugleichen. Es gibt dadurch die Chance zu Ballgewinnen und mehr Toren.

Kritiker . . .

. . . sagen:

  • Der siebte Feldspieler macht das Spiel langsamer. Die Räume werden enger, das Überzahl-Team spielt Sicherheitspässe, um einen Gegentreffer ins leere Tor zu vermeiden.
  • Treffer ins verwaiste Tor sind für die Fans unattraktiv, Fehlwürfe sind peinlich für den Schützen.
  • Abwehrstarke Teams sind benachteiligt, es werden ihnen die taktischen Möglichkeiten geraubt – beispielsweise durch eine Manndeckung oder offensive Abwehr.

Trainer . . .

. . . sagen:

Thomas Zeitz (Steinemann-Foto), Trainer des Frauen-Zweitligisten VfL Waiblingen: „Ich hätte diese Regel sicht gebraucht und ich würde ihr auch keine Träne nachweinen, wenn sie wieder verschwinden würde. Ich weiß nicht, was sie für einen Sinn macht. Klar, auch wir wenden sie punktuell an, weil es sie eben gibt und wenn alles andere nicht mehr funktioniert. Der siebte Feldspieler gehört aber nicht zu unserem Standardrepertoire. Die Fehlerquelle ist einfach zu hoch. Wenn man statistisch einen Strich drunter macht bei den Teams, die die Regel öfter anwenden, dann kommt nicht viel mehr als 50 Prozent Erfolgsquote heraus.

Es geht so lange gut, bis der dritte oder vierte Ball ins leere Tor geflogen ist. Das ist für mich kein Handball. Ich glaube auch nicht, dass die Regel das Spiel schneller und attraktiver macht – eher unattraktiver. Im Frauenhandball wird sie auch nicht sehr oft praktiziert. Bei den Männern sieht man sie häufiger, wobei ich oft nicht verstehe, weshalb ein Trainer das macht. Die Spielerei ist teilweise schlecht. Die Spieler sind alle zwei Meter groß und einen Kubikmeter breit, da gibt’s beim Sieben-gegen-Sechs überhaupt keinen Platz mehr. Es ist ja nicht so, dass einer fünf Meter frei gespielt wird. Der Ball wird 18 Mal hin und her gespielt und dann ballert doch einer auf die Kiste. Mir macht es keinen Spaß, ich sehe das nicht gerne.

Nicolai Jacobsen hat es mit den Rhein-Neckar Löwen, als sie Meister geworden sind, viel gespielt. Wenn du natürlich so einen Spieler hast wie den Andy Schmid, der immer eine individuelle Lösung parat hat – okay. Konzeptionell war das aber auch kein Budenzauber. Außerdem: Ganz egal, wie super du das ausspielst, kann der Ball ja auch an die Latte knallen oder dem Gegner direkt in die Hände fallen. Und der wirft den Ball ins leere Tor. Es gibt also immer noch den Faktor Gegner.“

Heiko Burmeister, Trainer des Männer-Württembergligisten SF Schwaikheim: „Jeder Trainer muss für sich herausfinden, ob es zu seinem Stil, Handball zu spielen, passt beziehungsweise ob er die Spieler dafür hat, das Sieben-gegen-Sechs umzusetzen. Es muss auch unterschieden werden, ob die Regel im Leistungssport angewendet wird oder ob die Entwicklung von Jugendspielern im Fokus steht.

Neulich stellten die Reporter vonfest, dass das Überzahlspiel Sechs-gegen-Fünf beim TVB Stuttgart eine „Katastrophe“ sei. Sie fragten sich, warum Stuttgart dann auch noch ins Sieben-gegen-Sechs gehe und zudem beim Sechs-gegen-Sechs mit zwei Rechtshändern oder zwei Linkshändern agiere. Jürgen Schweikardt hat sich das bei Rolf Brack abgeschaut. Bittenfeld hat schon mit zwei Kreisspielern in solch einer Situation agiert, als Jürgen Schweikardt noch Spieler war. Da spielten Alexander Heib und Michael Schweikardt im Rückraum, später Mimi Kraus und Michael Schweikardt. Jetzt sind es eben Max Häfner und Patrick Zieker oder Jerome Müller und Viggó Kristjánsson. Die Variante Sieben-gegen-Sechs gab es ja schon immer, nur musste da der zusätzliche Spieler immer ein Leibchen anhaben. So gesehen, ist jetzt mehr Mitdenken von allen Spielern gefragt, da jeder – immer der schnellste oder am nächsten zur Bank entfernte Spieler – mit dem Torwart wechselt.

In Schwaikheim haben wir in den ersten beiden Jahren immer das Spiel in Überzahl Sechs-gegen-Fünf verloren oder zumindest nicht gewonnen. Also habe ich immer bei Überzahl den Torhüter raus genommen und Sieben-gegen-Fünf gespielt. Später hat dies Fellbach in jedem Spiel perfekt beherrscht. Das war auch ein Grund, dass es in die Baden-Württemberg-Oberliga aufgestiegen ist. Insgesamt gesehen, geht mir auf der einen Seite die Kreativität der nicht so ganz kreativ ausgebildeten Spieler verloren. Wer kreativ ist, darf beim Sieben-gegen-Sechs auf der Platte stehen. Wer es nicht ist, darf wahrscheinlich im Training auch nur in der Abwehr als „Bodenvase“ aktiv werden.

Bundesliga-Mannschaften haben natürlich mehr Zeit, das Sieben-gegen-Sechs zu trainieren. In den unteren Ligen fehlen da die Kapazitäten, alles im Trainingsprogramm mit aufzunehmen. Der Vorteil für die Kreisläufer ist, dass beide spielen dürfen. Ansonsten werden meist dieselben Spieler auf der Platte stehen.“

Harald Beilschmied (Steinemann-Foto), Trainer des Frauen-Württembergligisten VfL Waiblingen II:„Grundsätzlich bin ich dem Sieben-gegen-Sechs nicht abgeneigt. Man muss aber unterscheiden. Wenn ich weiß, was ich machen muss beziehungsweise wenn ich die intelligenten Spieler dazu habe, ist das Sieben-gegen-Sechs – zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt – ein sehr gutes taktisches Mittel. Der Viggó Kristjánsson vom TVB Stuttgart macht das beispielsweise super. Oder wenn ich an den Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen denke, er ist der wohl beste Entscheidungsspieler der Welt.

Kein Freund davon bin ich allerdings, wenn die Regel in den unteren Ligen angewendet wird. Da glaubt der eine oder andere Trainer, er könne sich gewisse Vorteil erspielen. Darüber freue ich mich als Gegentrainer immer, weil ich weiß, wie ich reagieren muss. Viele Spielerinnen oder Spieler sind mit solchen Situationen einfach überfordert. In den unteren Ligen hast du im übrigen auch keine Zeit, die wenigen Trainingseinheiten dazu zu verwenden, das Sieben-gegen-Sechs zu üben.“

Jürgen Schweikardt, Trainer des Männer-Erstligisten TVB Stuttgart:„Der eine oder andere, der sich nur oberflächlich mit dem Handball beschäftigt, wird diese Regel vielleicht nicht verstehen. Für mich als Trainer und Handballkenner ist es aber hochspannend zu sehen, wie es eine Mannschaft gleich reihenweise schafft, Lösungen zu finden, wie es uns im Spiel gegen Hannover gelungen ist. Wir spielten es allerdings nicht aus der Notlage heraus und hatten das nötige Selbstvertrauen.

Das Sieben-gegen-Sechs ist auch aus sportpsychologischer Sicht interessant. Die Spieler haben ja vor dem Hintergrund des leeren Tores einen immensen Druck. Es ist ein große Qualität eines Spielers, diesen Druck auszuhalten. Es ist eine hoch komplizierte Situation, die Spieler brauchen Übersicht und eine gute Entscheidungsfähigkeit. Viggó Kristjánsson hat gegen Hannover gleich reihenweise die perfekten Lösungen gefunden.“

Der siebte Feldspieler ist ein taktisches Mittel. Wenn die Regel wieder abgeschafft würde, wäre ich sicher keiner, der dagegen aufbegehren und fordern würde, diese Regel brauchen wir unbedingt.“

Spieler . . .

. . . sagen:

Max Häfner vom Erstligisten TVB Stuttgart:„Ein Nachteil des siebten Feldspielers ist sicherlich, dass er das Spiel nicht unbedingt attraktiver macht. Es wird langsamer, es fehlen die schönen Spielzüge und Aktionen. Und wenn bei Ballverlusten der Ball ins leere Tore geworfen wird, ist das für die Zuschauer auch kein Leckerbissen. Mir persönlich wäre es egal, wenn die Regel wieder abgeschafft würde. Ich denke aber, uns als Team würde sie schon fehlen, weil wir den siebten Feldspieler doch öfter einsetzen.“

Michael Schweikardt, Ex-Spielmacher des TVB Stuttgart, heute Trainer beim Drittligisten TSB Heilbronn-Horkheim : „Als die Regel eingeführt wurde, war ich kein Freund von ihr. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und spielte es gerne. Auch jetzt als Trainer setze ich den siebten Feldspieler als taktisches Mittel öfter ein, wir haben auch schon ein, zwei Spiele damit gewonnen. Nachteile gibt’s aber auch. Man kann kaum Abwehrformationen dagegen spielen, außerdem wirkt das Spiel oft ein bisschen statisch.“

Wer sich selten ein Handball-Spiel anschaut, der wundert sich vielleicht, weshalb ein Team zeitweise den Torhüter durch einen zusätzlichen Feldspieler ersetzt. Es ist zum einen ein Mittel, um bei einer Zeitstrafe die numerische Unterlegenheit im Angriff auszugleichen. Es gibt aber auch die Regel, den Torhüter gegen einen siebten Feldspieler zu tauschen, um eine Überzahl herzustellen. Das kann zu Slapstick-Szenen führen, wenn die Bälle reihenweise ins leere Tor kullern. Das Sieben-gegen-Sechs

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