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Der Weinstädter Fußballprofi Keven Schlotterbeck über sein Leben bei Union Berlin

1. FC Union Berlin - Bor. Mönchengladbach
Keven Schlotterbeck hat sich bei Union Berlin durchgesetzt – und in dieser Szene gegen Alassane Plea von Borussia Mönchengladbach. Foto: dpa/Andreas Gora © Andreas Gora

Keven Schlotterbeck (22), Fußballprofi aus Weinstadt, spielt seine zweite Saison in der 1. Bundesliga. Als Leihspieler des SC Freiburg steht er bis zum Saisonende beim 1. FC Union Berlin unter Vertrag. Unser Mitarbeiter Maximilian Grau kennt Schlotterbeck aus seiner Zeit in der Jugend der TSG Backnang. Er hat sich  - noch bevor die Entscheidung zur Weiterführung der Spiele getroffen wurde - mit ihm über seine Erfahrungen in Berlin und Freiburg unterhalten - und erfragt, wie sich Corona auf seinen Alltag als Bundesligaprofi auswirkt.

Keven, wie war es für dich, als du wegen der Corona-Einschränkungen einige Wochen gar nicht auf den Fußballplatz durftest?

Schwierig, da ich es gewohnt bin, täglich auf dem Platz zu stehen. Bereits nach einigen Tagen wollte ich am liebsten wieder raus und einfach nur Fußball spielen. Ich habe es wirklich vermisst.

Bisher wurde nur in Kleingruppe trainiert. Siehst du euch überhaupt in der Lage, den Spielbetrieb, der ja nun am 15. Mai weitergehen soll,  sofort wieder aufzunehmen?

Um überhaupt spielen zu können, brauchen wir erst mal wieder unser „normales“ Mannschaftstraining mit Zweikämpfen, Spielformen und allem, was dazugehört. Da stellt die Bundesliga keine Ausnahme dar. In unteren Ligen wäre das auch Grundvoraussetzung.

Durch die freie Zeit hattest du zumindest die Möglichkeit, dich mit deinem neuen Wohnort vertraut zu machen. Welche Stadt ist schöner, Berlin oder Freiburg?

Schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist Berlin riesig. Immer wenn ich in die Stadt fahre, sehe ich gefühlt jedes Mal eine neue Straße. Aber ich überlebe es hier, da ich ein kleiner „Großstadt-Mensch“ bin.

Warum hast du dich für einen Wechsel zum Aufsteiger Union Berlin entschieden?

Der Hintergrund war, dass ich in dieser Saison auf keinen Fall einen brüderlichen Konkurrenzkampf mit meinem Bruder [Nico Schlotterbeck, Bundesligaprofi beim SC Freiburg] haben wollte. Dann kam das Interesse von Union, und mir war schnell klar, dass ich das machen möchte. Für mich umso besser, dass Union den Aufstieg in die 1. Bundesliga geschafft hat. So konnte ich weiter in der 1. Bundesliga spielen und mich mit den Besten messen. Ich fühle mich pudelwohl hier und bin glücklich, dass ich mich diesen Schritt getraut habe.

Ich nehme an, das Spiel am 25. Spieltag beim SC Freiburg – gegen deinen Bruder, der eingewechselt wurde – war daher etwas Besonderes für dich?

Ehrlich gesagt, war es für mich ein Spiel wie jedes andere auch, bei dem es in erster Linie um drei Punkte ging. Leider hat es an diesem Tag nicht geklappt, da Freiburg ein klein wenig effektiver und williger war als wir [3:1-Heimsieg für den SC Freiburg]. Für meinen Bruder hat es mich gefreut, dass er eingewechselt wurde, da er in den Wochen davor länger nicht gespielt hatte. Nach dem Spiel habe ich ihm zum Sieg gratuliert. Gegen den eigenen Bruder zu spielen war definitiv besonders, daher hat es trotz der Niederlage Spaß gemacht.

Wie war es, unter Christian Streich [Chef-Trainer des SC Freiburg] zu spielen? Ist er bei internen Ansprachen genauso positiv „verrückt“ wie bei so manchen Pressekonferenzen?

So kann man es definitiv sagen: verrückt im positiven Sinne! Christian Streich versucht immer, das Beste aus jedem Spieler herauszuholen und jeden auf ein neues Level zu heben, egal ob er 17 oder 32 Jahre alt ist. Er verstellt sich vor niemandem, auch nicht vor der Kamera. Er ist einfach, wie er ist. Das macht ihn einzigartig.

Konntest du dich seit deinem Wechsel zu Union fußballerisch weiterentwickeln?

Christian Streich hat mir mit auf den Weg gegeben, dass ich mein Abwehrverhalten verbessern muss. Durch die Zusammenarbeit mit Urs Fischer [Chef-Trainer von Union Berlin] habe ich definitiv schon dazugelernt und mein Abwehrverhalten verbessert. Daher bin ich der Meinung, dass ich mich grundsätzlich weiterentwickelt habe und noch stärker geworden bin, seitdem ich hier bin.

Gibt es noch andere Bereiche, in denen du dich unbedingt verbessern möchtest?

Meine Dynamik. Damit ich auch mit kleinen, quirligen Gegenspielern, wie beispielsweise Jadon Sancho [Borussia Dortmund], auf den ersten Metern im Laufduell mithalten kann.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten hast du dich mittlerweile bei Union Berlin auf der mittleren Position eurer Dreierabwehrkette festgespielt. Wie siehst du deine Rolle dabei?

Eine sehr zentrale Rolle, wie ich finde. Ich bin auf dieser Position der letzte Spieler vor dem Torwart und habe das ganze Spielfeld und alle Mitspieler vor mir. Daher muss ich Verantwortung für meine Kollegen übernehmen, indem ich sie steuere. Das gilt vor allem für die Defensivarbeit, aber auch für das Offensivspiel, denn der Spielaufbau beginnt bekanntlich in der letzten Reihe. Hierbei kommen dann auch meine spielerischen Stärken zum Einsatz. Von daher kommt es mir zugute, dass wir auf diese Formation umgestellt haben.

Neben dir spielt unter anderem Neven Subotic, der schon ein Champions-League-Finale bestritten hat. Hilft er dir in manchen Situationen?

Neven ist eine sehr offene und liebe Person. Er hat für jeden immer ein offenes Ohr. Wir beide tauschen uns täglich auf dem Trainingsplatz aus. Diskutieren dabei, wie wir gegen den nächsten Gegner verteidigen wollen. Auf dem Platz ergänzen wir uns dann gegenseitig: Mal steuert er mich, mal ich ihn. Es ist ein Geben und Nehmen zwischen uns. Selbstverständlich kann ich auch eine Menge von ihm lernen. Neven wurde Zweiter in der Champions League, Deutscher Meister, Pokalsieger ... Für mich etwas Besonderes, dass ich mit so jemandem zusammenspielen darf.

Es heißt immer, die Atmosphäre im Stadion an der Alten Försterei sei etwas Einzigartiges. Du hast das jetzt schon oft erlebt. Gib uns mal einen kleinen Einblick in deine Gefühlswelt.

Die alte Försterei ist, wie du sagst, einzigartig. Nur auf der Haupttribüne gibt es Sitzplätze. Die restlichen Plätze im Stadion sind ausnahmslos zum Stehen. Ob es die Gegengerade ist, die Stimmung macht, oder die Ultras auf der „Waldseite“: Im Stadion herrscht immer eine unglaubliche Stimmung, die mich jedes Mal aufs Neue komplett fasziniert. Die Jungs auf der Tribüne pushen uns bei jedem Spiel. Daher wäre es natürlich umso schöner, wenn wir den Fans eine Freude machen können, indem wir die Klasse halten.

Ist das die größte Stärke von Union?

Unsere größte Stärke ist unser Wille, alles im Spiel für den Sieg zu investieren. Wir sind eine sehr unangenehme Mannschaft. Das macht es für jeden Gegner sehr schwer, uns zu besiegen – vor allem natürlich in der alten Försterei mit der einzigartigen Stimmung im Rücken.

Am Ende der Saison läuft dein Leihvertrag bei Union aus. Gehst du dann wieder zurück nach Freiburg?

Das steht noch in den Sternen. Die Gespräche werden wir sicherlich in den nächsten Wochen führen.

Wie sehen deine langfristigen Zukunftspläne aus?

Irgendwann einmal nach England, Spanien oder generell zu einem absoluten Top-Club zu wechseln, wäre großartig. Konkrete Gedanken dazu mache ich mir aber nicht. Der Fußball ist heutzutage so schnelllebig, dass man nie weiß, wo es einen hin verschlägt. Daher schaue ich von Jahr zu Jahr und versuche, mich auf meine aktuelle Aufgabe zu konzentrieren und mein Bestes auf dem Platz zu geben, dass ich eventuell einmal zu einem großen Club wechseln darf.

Machst du dir auch über die Nationalmannschaft Gedanken? Wirklich breit aufgestellt ist sie in der Innenverteidigung aktuell nicht.

(Lacht) klar, das wäre natürlich das Größte für mich, irgendwann für die Nationalmannschaft auflaufen zu dürfen. Jetzt aber erst einmal Schritt für Schritt. Ich glaube, ich habe vor eineinhalb Jahren einen Riesenschritt gemacht und jetzt schaue ich, wie es in den nächsten Jahren weiterläuft.

Dein Weg in die 1. Bundesliga war sehr unkonventionell: Vor drei Jahren hast du mit der TSG Backnang noch in der Verbandsliga gespielt. Hast du dir damals vorstellen können, später in der 1. Bundesliga aufzulaufen?

Nein, absolut gar nicht. Ich habe mir damals höchstens vorstellen können, vielleicht in der Regionalliga oder in der 3. Liga zu spielen, um wenigstens ein bisschen am Profifußball zu schnuppern. Dass ich es letztendlich sogar bis in die 1. Bundesliga schaffen werde, war damals unvorstellbar.

Ich bin mir sicher, dein besonderer Weg macht vielen jungen Talenten Hoffnung, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. Was würdest du ihnen raten?

Immer das Ziel vor Augen führen und fest daran glauben. Dazu alles dafür geben, diesen Weg einzuschlagen, denn es ist ein wirklich steiniger Weg.

Zur Person Keven Schlotterbeck

Vor drei Jahren spielte Keven Schlotterbeck mit der TSG Backnang noch in der Verbandsliga. In nur eineinhalb Jahren schaffte er es anschließend bis in die 1. Bundesliga.

Seine fußballerische Laufbahn begann der 22-Jährige bei der SG Weinstadt. Bevor er bei den Aktiven der TSG Backnang landete, folgten während seiner Jugendzeit die Stationen Stuttgarter Kickers, TSG Backnang und VfL Kirchheim. Im Sommer 2017 machte er einen gewaltigen Sprung und wechselte zum SC Freiburg II in die Regionalliga Südwest. Wegen seiner guten Leistungen erhielt er lediglich ein Jahr später einen Profivertrag und rückte in den Bundesligakader der Breisgauer auf. Sein Bundesliga-Debüt absolvierte er am 03. Februar 2019 im Rahmen des Auswärtsspiels beim VfB Stuttgart. Es folgten acht weitere Bundesliga-Einsätze im Trikot der Freiburger.Vor der aktuellen Saison wechselte der Innenverteidiger für ein Jahr auf Leihbasis zum 1. FC Union Berlin. Für die Hauptstädter kam er in der 1. Bundesliga und im DFB-Pokal bisher auf insgesamt 19 Einsätze. Dabei gelang ihm ein Treffer in der DFB-Pokal-Partie gegen Germania Halberstadt. Am Ende der Saison läuft sein Leihvertrag in Berlin aus. Ob Schlotterbeck dann zum SC Freiburg zurückkehren wird, steht noch nicht fest.

Keven Schlotterbeck (22), Fußballprofi aus Weinstadt, spielt seine zweite Saison in der 1. Bundesliga. Als Leihspieler des SC Freiburg steht er bis zum Saisonende beim 1. FC Union Berlin unter Vertrag. Unser Mitarbeiter Maximilian Grau kennt Schlotterbeck aus seiner Zeit in der Jugend der TSG Backnang. Er hat sich  - noch bevor die Entscheidung zur Weiterführung der Spiele getroffen wurde - mit ihm über seine Erfahrungen in Berlin und Freiburg unterhalten - und erfragt, wie sich Corona auf

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