Deutscher Fußball-Bund

DFB-Chaos: Matthäus fordert kompletten Austausch der Spitze

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Lothar Matthäus
Brachte konkrete Vorschläge für die Besetzung der DFB-Spitze ein: Lothar Matthäus. Foto: Andreas Gora/dpa © Andreas Gora
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Fritz Keller
DFB-Präsident Fritz Keller soll nach Ansicht der Landes- und Regionalchefs zurücktreten. Foto: Patrick Seeger/dpa © Patrick Seeger
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Karl-Heinz Rummenigge
Wurde als DFB-Chef vorgeschlagen: Karl-Heinz Rummenigge. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/Pool/dpa © Robert Michael

Frankfurt/Main (dpa) - Noch zögert DFB-Präsident Fritz Keller den unausweichlichen Rücktritt hinaus, die Nachfolgedebatte ist aber bereits in vollem Gange.

Wie gelähmt wirkt der Deutsche Fußball-Bund nach dem eindeutigen Votum der Landeschefs gegen Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius vom Wochenende in Potsdam - die Meinungshoheit haben derzeit andere übernommen. Karl-Heinz Rummenigge und Philipp Lahm werden ins Spiel gebracht, auch die Politik mischt sich ein und fordert einen kompletten Neuanfang mit dem Aus auch für DFB-Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge.

Es werde Zeit, «dass der größte Fußball-Verband der Welt von jemandem angeführt wird, der aus dem Fußball kommt. Und darum lautet mein großer Wunsch, dass Karl-Heinz Rummenigge oder Rudi Völler auf Keller folgen», schrieb Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus in seiner Kolumne bei Sky. «Am liebsten wären mir beide. Rummenigge als Präsident und Völler als Vize. Rummenigge und Völler genießen Ansehen und Renommee in der Welt des Fußballs und beide beenden demnächst ihr Engagement beim FC Bayern beziehungsweise Bayer Leverkusen.»

Wie schon bei den unrühmlichen Rücktritten von Kellers Vorgängern Wolfgang Niersbach («Sommermärchen»-Skandal) und Reinhard Grindel (unter anderem ein unlauteres Uhrengeschenk) steht der DFB vor den nächsten Trümmern eines vermeintlichen Neuanfangs. Sollte Keller zurücktreten, braucht es einen Präsidenten von Format, der sowohl das Amateur- als auch das Profilager hinter sich vereinen kann.

Der scheidende Bayern-Vorstandschef Rummenigge hatte schon in der Vergangenheit ausgeschlossen, für einen DFB-Job zur Verfügung zu stehen. Den Länderchefs wäre der 65-Jährige, der zuletzt überraschend als Clubvertreter in die Exekutive der Europäischen Fußball-Union zurückgekehrt war, nur schwer zu vermitteln. Vor drei Jahren hatte er in der Führungskrise des Verbands nach dem frühen WM-Aus in Russland erklärt, dass beim DFB die «Amateure das Geschehen übernommen haben» und damals auch Koch verbal angegriffen.

Lahm hatte das Präsidentenamt ebenfalls nie als Lebensziel ausgegeben, wäre aber als EM-Organisationschef und DFB-Ehrenspielführer prädestiniert für diese Aufgabe.

Sollte Keller zurücktreten, stehen seine Stellvertreter Koch und Peter Peters als Interimschefs laut Statuten bereit, doch Gewinner gibt es beim DFB in seiner nächsten Führungskrise nicht. Aus Sicht von Dagmar Freitag wären nach dem Aus von Keller als Präsident, das für sie «unausweichlich» hält, noch weitere Konsequenzen nötig.

Die Landesverbände hätten sich als mutlos erwiesen, da sie mit den Rücktrittsforderungen an Keller und Curtius nur einen halben Schritt gegangen seien, sagte die Sportausschuss-Vorsitzende im Deutschen Bundestag: «Koch und Osnabrügge bleiben schließlich unbehelligt, und wenn sie erneut die Strippen für den nächsten Neuanfang ziehen, ist das aus meiner Sicht alles andere als ein ermutigendes Zeichen.»

Keller sei als DFB-Chef «am Ende. Aber das kann erst der Anfang sein», sagte auch Matthäus. «Die komplette DFB-Spitze muss ausgetauscht werden. Präsident, Vize, Generalsekretär und alle, die zum aktuellen System dazugehören», forderte der Weltmeister von 1990. «Das Bild, das unser Verband seit Jahren, aber vor allem in der jüngsten Vergangenheit abgegeben hat, ist zum Schämen und gipfelt aktuell im Eklat um einen Nazi-Vergleich und die darauffolgende Posse.»

Keller und Curtius war auf der Tagung der Regional- und Landesverbandspräsidenten das Vertrauen entzogen, der Verbandschef zum Rücktritt aufgefordert worden. Keller ist nach einem Nazi-Vergleich in einer Präsidiumssitzung in der vergangenen Woche in Erklärungsnot geraten. Er hatte den Juristen Koch als «Freisler» bezeichnet und so mit Roland Freisler, dem Vorsitzenden des Volksgerichtshofes im Nationalsozialismus, verglichen.

Die Entschuldigung Kellers hat Koch in einem Vieraugengespräch in Potsdam entgegen genommen, diese aber im Grunde nicht anerkannt. Mit dem Verweis darauf, das den «dafür zuständigen Gremien überlassen» zu wollen: dem Ethikausschuss, der von Curtius und Osnabrügge angerufen wurde. Zur Rücktrittsforderung seiner aufgebrachten Amateurvertreter, die ihren beiden Führungskräften Bedenkzeit eingeräumt haben, äußerte sich der frühere Präsident des SC Freiburg bislang nicht.

Auch Curtius schweigt zum eindeutigen Misstrauensvotum. Eine Trennung von ihm dürfte einen langen arbeitsrechtlichen und für den DFB teuren Prozess nach sich ziehen. Falls seine Stellvertreterin Heike Ullrich aufrücken würde, stünde erstmals eine Frau an höchster Stelle in der Geschäftsstelle in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise.

«Ich respektiere das Votum der Konferenz der Regional- und Landesverbände und nehme dieses sehr ernst», sagte Curtius in einer vom DFB verbreiteten Stellungnahme am Montag. «Ich stehe für Gespräche zu konstruktiven Lösungen für den DFB jederzeit zur Verfügung, dies umfasst selbstverständlich auch meine Funktion.»

Beugt sich Keller dem Druck, was unumgänglich erscheint, regeln die Statuten das weitere Vorgehen. Aktuell würden der für die Amateure Koch, der bereits Erfahrung als Interimschef des Verbandes hat, sowie Peters als Stellvertretender Sprecher des Präsidiums der Deutschen Fußball Liga (DFL) die DFB-Führung übernehmen. Der 58 Jahre alte Ex-Schalker sitzt auch im Council des Weltverbandes FIFA.

Einen vorgezogenen außerordentlichen Bundestag lehnen die Amateurvertreter bislang ab, der nächste mit Neuwahlen steht erst 2022 an. Über das weitere Vorgehen müsste der DFB-Vorstand entscheiden. Ein Mammutgremium mit den 15 Mitgliedern des DFB-Präsidiums, den 21 Vertretern der Landesverbände, den fünf Präsidenten der Regionalverbände und zwölf DFL-Mitgliedern. Die Dachorganisation der 36 Proficlubs verurteilte Kellers Nazi-Vergleich zuletzt aufs Schärfste, äußerte sich weiter aber nicht.

Weiterhin das Vertrauen einer Mehrheit der Regional- und Landesverbands-Funktionäre genießen - wenn auch mit deutlichen Abstrichen - Osnabrügge und Koch. Sollte es tatsächlich zum Showdown kommen, dürfte der 62-Jährige aus Poing jedoch nicht als der große Sieger daraus hervorgehen, als der er im Moment innerhalb der Funktionärsriege gilt. Denn auch die zwölf DFL-Vertreter im DFB-Vorstand sind seit geraumer Zeit alles andere als Befürworter des bayerischen Multifunktionärs (DFB-Vizepräsident, Präsident des Süddeutschen und des Bayerischen Fußball-Verbandes, gerade wiedergewähltes Mitglied der UEFA-Exekutive) Koch.

Nach dpa-Informationen ist Kochs Entscheidung, ob er die Entschuldigung annimmt, für das vierköpfige Gremium der Ethikkommission von Bedeutung, die laut DFB-Beschreibung «in allen Fällen, die der Integrität und dem Ansehen des DFB und seiner Mitgliedsverbände schaden, insbesondere bei illegalen und unethischen Verhaltensweisen», Ermittlungen aufnehmen soll. Das Gremium ließ am Montagabend nur knapp mitteilen, dass man die Äußerung «beraten und dem Sportgericht des DFB zur Entscheidung vorgelegt» habe. Zu den Details der Beratungen machte der Verband keine Angaben.

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