Rems-Murr-Sport

Ellbogen und Knie kaputt durch Amateursport: Der Bittenfelder Achim Kraisel über Spätfolgen

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„Wir haben früher das Training übertrieben“: Achim Kraisel an alter Wirkungsstätte, dem Bittenfelder Sportplatz. © Ralph Steinemann

Heute bei der WM, morgen im OP. Spitzensport ist nicht gesundheitsfördernd. Doch auch bei Amateuren führt zu hohe Belastung zu körperlichen Schäden. Ein Beispiel ist der frühere Kugelstoßer und Coach Achim Kraisel aus Bittenfeld – der trotzdem keine Sekunde seiner Karriere missen will. Sportredakteur Mathias Schwardt hat sich mit dem heutigen Vorsitzenden des TV Bittenfeld über Ehrgeiz und Trainingssteuerung unterhalten. Und über den Niedergang der Leichtathletik.

Herr Kraisel, Sie gehörten zu den vielen Athleten, die einfach Spaß am Sport hatten und es trotz großen Trainingsaufwands nie in die deutsche Spitze geschafft haben. Ihr größter Erfolg als Aktiver war Rang fünf bei baden-württembergischen Meisterschaften. Wie geht es Ihnen heute gesundheitlich, mit 57 Jahren?

Im Alltag merke ich nichts. Ich bin nie krank und kann mich ganz normal bewegen. Aber ich kann nicht mehr werfen. Wenn ich ein Steinle in den Wald reinschmeiß’, tut’s mir weh. Mein rechter Ellbogen ist zweimal operiert. Und mein linker einmal, auch wenn es keinen konkreten Anlass dafür gab, warum dort dieselben Schmerzen aufgetreten sind wie rechts. Joggen kann ich auch nicht mehr, weil beide Knie operiert worden sind. Der Innenmeniskus musste geglättet werden. Der Arzt sagt, bei mir sei die Arthrose schon sehr weit fortgeschritten. Weiter, als meinem Alter entsprechend.

Ist das alles eine Folge Ihrer sportlichen Karriere als Kugelstoßer?

Ja. Krafttraining ist für die Knie kein Problem. Aber das Springen über eine ein Meter hohe Hürde, 150-mal mit 100 Kilo Lebendgewicht. Und das zumindest im Sommer fast wöchentlich. Ich habe das über 25 Jahre lang gemacht. Alle Übungen, die dich qualitativ weiterbringen, sind unglaublich schädlich und bedeuten einen intensiven Raubbau am Körper.

Inzwischen hat sich in der Trainingslehre aber vieles verändert. Heutzutage gibt es doch Übungen, die schonender sind.

Es gibt sicher neue und bessere Übungen, um die grundkörperliche Konstitution zu stärken. Aber in der Spitze, also um einen auf ein höheres Niveau zu bringen, tut sich nichts. Es ist nur möglich, den Körper besser auf diese Belastungen vorzubereiten. In der Disziplin Wurf helfen für mehr Kraft und Schnellkraft nur Sprint, Krafttraining und Sprünge. Wenn ich nur über 50 Zentimeter hohe Hürden springe und nicht mit 200 Kilo schweren Gewichten Kniebeugen mache, sondern mit weniger, erziele ich nicht das gleiche Ergebnis.

Man hört allerdings immer wieder, dass viele frühere Athleten aus purem Ehrgeiz deutlich mehr trainiert haben als nötig. Ist da was dran?

Ja, wir haben es übertrieben. Du denkst doch mit Anfang, Mitte 20 nicht daran, dass du irgendwann mal 60 bist. Da hat man gedacht: Was kostet die Welt? Es hat einem nach dem Training nichts wehgetan, und man ist auch nicht müde geworden. Natürlich gewinnt man neue Erkenntnisse, ich war ja auch lange Jahre Trainer. Mit dem Wissen, das ich heute habe, würde ich die Sprünge nur noch vier statt acht Wochen vor dem Wettkampf machen. Der Trainingseffekt wäre der gleiche.

Bedauern Sie es, sich früher so geschunden zu haben? Die gesundheitlichen Folgen für Ihren Körper sind ja schon beträchtlich.

Ich bedauere das in keinster Weise! Ich hatte so viele positive Erlebnisse durch den Sport. Die Freundschaften zu anderen Athleten, die sich entwickelt haben, sind sensationell für mich. Einer wohnt in Bremen, wir sehen uns immer noch ab und zu. Und es gab Wettkämpfe, da hat man das Adrenalin richtig gespürt. Besonders geil war es einmal bei den deutschen Meisterschaften der Senioren. Da ging es ständig hin und her. Zuerst lag ich in Führung, am Ende wurde ich Vierter. Das war schade, aber trotzdem toll für mich, so einen Wettkampf erlebt zu haben.

Trauern Sie den alten Zeiten auch ein bisschen hinterher, was die Leichtathletik als Sportart betrifft? Früher war deren Stellenwert doch höher.

Das stimmt. Früher war es eine Kernsportart, heute findet sie in der Öffentlichkeit gerade mal noch bei WM und Olympia statt. Peter Salzer, der Kugelstoß-Landestrainer, hat dazu mal gesagt: Es gibt nur noch Zirkusleichtathletik, damit meint er die Weltklasse, oder Freizeitsport. Man sieht einen Verfall der Leichtathletik vom regionalen bis hin zum deutschen Bereich.

Spiegelt sich der von Ihnen beobachtete Verfall auch in den Ergebnissen wider?

Leider ja. Die Teilnehmerzahlen und das Niveau in der Breite gehen zurück. Mit meiner Bestleistung von 15,34 Metern wäre ich heute im Kugelstoßen bei den Männern unter den besten dreißig in Deutschland. Damals war ich nicht mal Fünfzigster.

Woran liegt es, dass die Leichtathletik nicht mehr ist, was sie war?

Am Interesse. Es gibt heute extrem vielfältige Freizeitmöglichkeiten wie Computer und Handys. Viele von den Jungen sind nicht mehr bereit, nur so aus Spaß Sport mit Kameraden zu treiben, zum Beispiel im Kraftraum. Die fragen sich: Warum soll ich mich denn quälen? Lieber geht man mal ab und zu ein bisschen ins Fitnessstudio.

Trotzdem gibt es nach wie vor auch so junge ehrgeizige Athleten, wie Sie es früher waren. Welchen Ratschlag kann man einem Nachwuchssportler geben, damit er nicht später so wie Sie mit gesundheitlichen Folgen leben muss?

Ich würde zu so einem jungen Kerl heute Folgendes sagen: Mach’ den Sport und mach’ ihn intensiv. Aber mach’ ihn mit einem Trainer, der dich so leitet, dass du mit 50 noch keine Wehwehchen hast, sondern erst mit 80.

Heute bei der WM, morgen im OP. Spitzensport ist nicht gesundheitsfördernd. Doch auch bei Amateuren führt zu hohe Belastung zu körperlichen Schäden. Ein Beispiel ist der frühere Kugelstoßer und Coach Achim Kraisel aus Bittenfeld – der trotzdem keine Sekunde seiner Karriere missen will. Sportredakteur Mathias Schwardt hat sich mit dem heutigen Vorsitzenden des TV Bittenfeld über Ehrgeiz und Trainingssteuerung unterhalten. Und über den Niedergang der

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