EM-Halbfinale

Englands Titel-Sehnsucht - Dänemark als Spielverderber?

Gareth Southgate
Würde den Engländern gern den langgehegten Traum vom Einzug ins EM-Finale erfüllen: Trainer Gareth Southgate (l). Foto: Rui Vieira/AP/dpa © Rui Vieira

London (dpa) - Angetrieben von der Energie der rund 60.000 Fans will England im Fußball-Tempel Wembley die nächste Mega-Party feiern, die emotionsgeladenen Dänen wären nichts lieber als die Spaßverderber.

Im zweiten Halbfinale der Europameisterschaft treffen an diesem Mittwoch (21.00 Uhr/ZDF und Magenta TV) in London zwei Welten aufeinander. Ein Aus auf dem heiligen Rasen für die bislang so kühl und souverän auftretenden Engländer würde eine ganze Nation aus ihren Träumen reißen. Die leidenschaftlichen und von Millionen bewunderten Dänen können dagegen längst nichts mehr verlieren. Nun wollen sie den Engländern die wohl größte Titelchance seit 55 Jahren nehmen.

Schmeichel stichelt - Kane bleibt cool

Am Tag vor der Partie stichelte Dänemarks Torwart Kasper Schmeichel. Auf die Frage, wie es sich anfühlen würde zu verhindern, dass die Engländer den Titel - wie im Song «Football's Coming Home» - nach Hause holen, antwortete der Keeper: «War er denn jemals zuhause? Habt ihr den schon mal gewonnen?» Er habe nur darüber nachgedacht, was ein Sieg für Dänemark bedeuten würde, «und welche Freude es einem Land mit nur fünfeinhalb Millionen bringen würde». Schmeichel habe ja Recht, entgegnete Englands Kapitän Harry Kane kurz darauf mit einem Schmunzeln. «Wir waren ja noch nie Europameister. Aber wir haben jetzt eine große Chance, das zu schaffen», sagte der 27-Jährige.

So nah waren die Three Lions tatsächlich lange nicht mehr dran. «Für mich und einige der anderen erfahrenen Spieler ist das die letzte Gelegenheit, bei einem großen Turnier in Wembley zu spielen. Was für eine Möglichkeit. Was für ein Moment das sein wird», schwärmte Kane. Eine ganze Nation träumt vom ersten Einzug in das Endspiel eines großen Turniers seit der WM 1966.

«Haben bei diesem Turnier Grenzen überschritten»

«Wir haben bei diesem Turnier Grenzen überschritten, und wir haben morgen eine weitere Gelegenheit dazu, weil wir noch nie in einem EM-Finale waren. Wir könnten also die Ersten sein, was sehr aufregend ist», sagte Englands Coach Gareth Southgate. Nur Dänemark kann jetzt dafür sorgen, dass die bislang so euphorische Stimmung an nur einem Abend kippt. «Die Motivation für uns ist, dass wir die Zuschauer zum Schweigen bringen», sagte Trainer Kasper Hjulmand.

England gegen Dänemark, es ist ein Duell der Gegensätze. Während die Mannschaft von England-Coach Gareth Southgate von Anfang an zu den Favoriten auf den EM-Titel zählte, erlebten die Dänen eine einmalige und hochdramatische Reise durch dieses Turnier. Kein Team hatte einen längeren Weg in die Runde der besten vier Teams.

Eriksen-Drama zu Beginn, nun Halbfinale

Wie war nach dem Zusammenbruch von Christian Eriksen im ersten Spiel überhaupt daran zu denken? Die Szenen, wie der Spielmacher auf dem Platz wiederbelebt werden musste, gingen um die Welt. Die Belastung für die Spieler in diesen Minuten ist kaum vorstellbar.

Nun stehen Thomas Delaney und Co. auf einmal im Halbfinale. «Plötzlich sind wir da, das ist schwer zu glauben», sagte der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund. Mit souveränen Siegen gegen Wales (4:0) im Achtelfinale und Tschechien (2:1) im Viertelfinale sicherte sich Hjulmands Team sein Ticket für den Turnier-Endspurt.

Der Coach will aus dem Eriksen-Drama nun sogar Kraft für das Duell mit den favorisierten Engländern ziehen. «In der Sekunde, als die Zeit still stand und wir sehr verletzlich waren, als wir sahen, wie zerbrechlich das Leben ist - das könnte uns helfen, im Jetzt zu sein und es zu genießen», sagte der frühere Coach des FSV Mainz 05. «Die Liebe der dänischen Menschen hat uns geholfen.» Vielleicht eine zusätzliche Motivation: Am Dienstag bestätigte die UEFA, Eriksen und dessen Frau zum Finale eingeladen zu haben. Eine Antwort steht noch aus.

Kaum dänische Fans in Wembley

Im Halbfinale werden die Dänen die Unterstützung ihrer Landsleute kaum spüren. Nach derzeitigem Stand können nur im Vereinigten Königreich lebende Dänen Karten erwerben, 5000 Tickets sollen diese erhalten. Sie werden der Lautstärke und dem Enthusiasmus der England-Fans so hoffnungslos unterlegen sein. Eine riesige Mehrheit der rund 60.000 Zuschauer wird die Three Lions nach vorne brüllen - aber nur so lange es nach ihrer Zufriedenheit läuft. Dass die Engländer bislang kein Gegentor hinnehmen mussten und nun wieder zuhause spielen dürfen, lässt die Erwartungen steigen. Für die Gastgeber zählt nur das Finale. Alles andere wäre eine Enttäuschung.

«Die Möglichkeit, unseren Fans und unserer Nation Glück und großartige Nächte zu bescheren, ist eine ganz besondere», sagte Southgate. Wie schnell die Stimmung in Wembley umschlagen kann, weiß der 50-Jährige allerdings auch. Als die Engländer in der Vorrunde beim 0:0 gegen den alten Rivalen Schottland eine langweilige und risikoarme Vorstellung ablieferten, fingen die ersten Zuschauer schnell an zu buhen. Im Umgang mit den Hoffnungen und der Sehnsucht ihrer Landsleute wandeln die Three Lions auf einem schmalen Grat. Es liegt an den Dänen, den Wembley-Stecker mit einem maximal unbequemen Auftritt zu ziehen.

«Ihre Reise durch die EM ist inspirierend»

«Ihre Reise durch die EM ist inspirierend. Sie sind eine starke Mannschaft mit starken Führungsspielern», sagte Englands Abwehrchef Harry Maguire. Die Engländer wissen um die emotionale Kraft der Dänen, denen sie zumindest vor dem Anpfiff noch ein Geschenk überreichen wollen. Die Mannschaft hat ein Trikot mit der Nummer zehn und dem Namen von Christian Eriksen unterschrieben, Harry Kane will es kurz vor Spielbeginn Dänemarks Kapitän Simon Kjaer überreichen. Es soll das einzige Geschenk im Rahmen dieses Spiels bleiben. Denn England hat die Erwartungen seiner Landsleute zu erfüllen. Und Dänemark will noch ein bisschen seinen Traum leben.

© dpa-infocom, dpa:210706-99-278193/5