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Flick auf Bewährung: Heim-EM als «Projekt» nach dem WM-Flop

Bundestrainer Hansi Flick
Der DFB vertraut Hansi Flick weiter. © Christian Charisius

Frankfurt/Main (dpa) - 2023 soll alles besser werden. Und das mit Hansi Flick. Trotz Katar-Kater. Und trotz der schlechten Erfahrungen bei der Weiterbeschäftigung von Joachim Löw nach dem WM-Desaster vor vier Jahren in Russland. Dieser DFB-Plan steht. Darüber hinaus ist gut vier Wochen nach dem ebenso unnötigen wie selbst verschuldeten nächsten WM-Vorrunden-Aus der Fußball-Nationalmannschaft zum Jahreswechsel vieles offen.

Eine Expertengruppe um Bayern-Chef Oliver Kahn intensiviert nach ersten Sondierungen die Suche nach dem Nachfolger für den nach 18 DFB-Jahren zurückgetretenen Manager Oliver Bierhoff. Ein großflächiger Umbruch in Flicks Spielerkader und dem Betreuerstab zeichnet sich dagegen nicht ab. Und es war vor dem letzten Tag des Jahres 2022 nicht einmal klar, gegen welche Gegner die DFB-Auswahl Ende März die ersten Länderspiele nach der Winterpause bestreitet.

Flicks neuer Fixpunkt ist der 14. Juni 2024

«Wir Trainer haben gewisse Wünsche. Jetzt gucken wir, ob sie erfüllbar sind», sagte Flick der Deutschen Presse-Agentur vor Weihnachten zur Länderspiel-Planung 2023. Dass der 57-Jährige trotz des vermurksten Katar-Turniers weitermachen darf, hatten DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke dagegen schon kurz nach dem WM-Aus in einer Dreierrunde entschieden. Flick hat danach viel telefoniert. Mit seinen WM-Akteuren wollte er Kontakt aufnehmen, um die Katar-Analyse noch vor dem Jahreswechsel «abzuschließen», wie er sagte.

Der Blick soll im neuen Jahr nach vorne gerichtet werden. Flicks neuer Fixpunkt ist der 14. Juni 2024. An diesem Tag bestreitet die Nationalmannschaft in München das Eröffnungsspiel der EM, für die Deutschland als Gastgeber automatisch qualifiziert ist. «Es ist für mich eine Herausforderung, die EM zu einem guten Ende zu bringen», sagte Flick.

Der Bundestrainer hat das Turnier im eigenen Land zu seinem neuen «Projekt» erklärt. Die Nation soll sich im Fußball-Sommer 2024 wieder hinter der Nationalelf versammeln. Das vermissten Flick und seine Spieler in Katar. Es ging viel um Politik, um Menschenrechte und die Ablehnung des Gastgebers Katar - und wenig um Fußball. Nun träumt der DFB wieder von einem deutschen Sommermärchen, dann 18 Jahre nach der stimmungsvollen Heim-WM 2006.

Neuendorf nennt EM 2024 «eine großartige Chance»

Dafür muss sich jedoch viel verändern, auf und neben dem Platz. Länderspiele sollen wieder eine gelungene Abendunterhaltung für ein Millionen-Publikum werden. Neuendorf wünscht sich für das Heim-Turnier eine Nationalmannschaft mit den Attributen «jung», «begeisternd» und «erfolgreich». Trainer, Verband und Spieler müssen jedoch in Vorleistung treten. Es gilt, eine neue Nähe zu den Fans herzustellen, etwa durch öffentliches Training. Die EM 2024 nennt Verbandschef Neuendorf «eine großartige Chance - die wir nicht verpassen dürfen».

Niemand sollte glauben, dass der Heimvorteil einen Erfolgs-Automatismus beinhaltet; auch wenn Deutschland 1974 im eigenen Land Weltmeister wurde und bei der EM 1988 ebenso wie bei der zweiten Heim-WM 2006 jeweils das Halbfinale erreichte. «Wir haben einiges gutzumachen», räumte Flick nach dem WM-Flop ein. Er sprach von «einer Bringschuld».

Für ihn wird 2023 zum Jahr der Bewährung. Der Nimbus als Titel-Trainer aus seiner Zeit beim FC Bayern ist aufgezehrt. Die Zielvorgabe «Zurück in die Weltspitze» hat Flick in Katar auch durch eigenen Fehler deutlich verfehlt. Im Kader steckte Potenzial für mehr. Mit Topteams wie Argentinien und Frankreich kann sich Deutschland aktuell nicht messen.

Flick wird die richtigen WM-Schlüsse ziehen müssen. Eine Turnier-Formation muss lange vor dem Ernstfall eingespielt werden. Flick fand seine WM-Elf in Katar bis zum Ausscheiden nicht. Zum Offensivfußball gehört Effizienz - und ein Turniererfolg basiert auf Abwehrstärke. «Wenn man die Defensive anschaut, dann sind wir Durchschnitt. Daran müssen wir arbeiten», hat Flick in der Aufarbeitung der gerade mal drei deutschen WM-Spiele erkannt.

Im Tor könnte eine Ära enden

Weltmeister Argentinien, WM-Finalist Frankreich, aber auch Kroatien oder die mit viel Herzblut auftretenden Marokkaner sind Orientierungspunkte. Flick wird auch personell klug agieren müssen. Zu einem radikalen Umbruch neigt er allerdings nicht. «Es gibt keinen Grund, jetzt einem Spieler zu sagen, du bist draußen, du bist weg», lautete seine Ansage. Nach einem Aus für Thomas Müller (33) oder Ilkay Gündogan (32) klang das nicht.

Im Tor könnte dafür eine Ära enden: Manuel Neuer (36) steht nach seinem Skiunfall mit dem Bruch von Schien- und Wadenbein vor einer ungewissen Zukunft. Kommt er nochmal zurück? Marc-André ter Stegen und Kevin Trapp könnten in den kommenden Länderspielen «zeigen, was sie können», kündigte Flick an. Er sieht «enorme Qualität auf der Torhüterposition».

Die Katar-WM hat auch offenbart, wie wichtig echte Anführer sind: Lionel Messi führte Argentinien zum Titelgewinn. Kylian Mbappé war trotz seiner Jugend ein Leader bei den Franzosen. Und Luka Modric war Kroatiens unumstrittener Chef. Nach dem Wirbel um die «One Love»-Binde steht auch im neuen Jahr die Kapitänsbinde gleich wieder im Fokus.

Wer wird neuer Kapitän der DFB-Auswahl?

Wem gibt sie Flick? Der Bundestrainer könnte ein Zeichen setzen, indem er den Aufbruch zur EM mit der Ernennung eines dauerhaften Nachfolgers für Langzeit-Kapitän Neuer verbindet. Joshua Kimmich (27), der Anführer der bislang so unglücklichen Generation 1995/96, könnte Flick passend zum 75. Länderspiel im März befördern. Oder auch Antonio Rüdiger (29)?

Der Neuer-Nachfolger könnte Kopf einer Mannschaft sein, die gerade offensiv mit jungen Könnern wie Jamal Musiala (19), Kai Havertz (23) oder dem bei der WM verletzt fehlenden Florian Wirtz (19) top bestückt ist. Flick wird einige Positions-Baustellen (Außenverteidiger, Mittelstürmer) mit ins neue Jahr schleppen. Sein 2023-Vorsatz lautet dennoch: «Mit Blick auf die EM die richtigen Dinge machen.»