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Interview mit Paralympics-Sieger Niko Kappel: Wären Sie gern groß und stark?

Niko Kappel
Interview mit Niko Kappel aus Welzheim Sportler © Benjamin Büttner

Niko Kappel (25) misst gerade mal 1,40 Meter – und ist doch ein Großer. Nicht nur, weil er Weltmeister und Paralympics-Sieger im Kugelstoßen ist. Der Welzheimer beeindruckt durch herzliche Offenheit, die sich auf Gesprächspartner schnell in Form von guter Laune überträgt. Für manches aber hat er „null Verständnis“.

Herr Kappel, wären Sie gerne groß und stark?

Ehrlich gesagt, nein. Ich fühl mich so wohl, wie ich bin. Es hat alles so sein sollen.

Haben Sie oft Geringschätzung durch andere erfahren, zum Beispiel in der Jugend?

Nein, gar nicht. Ich hatte echt Glück. Eine super Familie, ein tolles Umfeld, im Kindergarten und später in der Schule hatte ich einen coolen Freundeskreis und wurde immer sehr gut akzeptiert und habe schnell Anschluss gefunden. Vielleicht war ich naiv, ich habe mir aber nie große Gedanken darüber gemacht, dass ich anders bin.

War Welzheim dazu womöglich genau der richtige Ort?

Ich denke schon. Kein Dorf, in dem jeder jeden kennt, und auch keine Großstadt, in der alles unpersönlich ist. Vor allem mein direktes Umfeld war megagut. Ich habe ja auch bis zur B-Jugend Fußball gespielt und das hat immer funktioniert.

Fußball, tatsächlich? Gab es keine Witze über Ihre Größe?

Nur manchmal beim Gegner.

Waren Sie Stammspieler?

Meistens schon. Ich habe sogar mal ein Kopfballtor gemacht. Der gegnerische Trainer war nicht so begeistert von seiner Abwehr.

Ansichtssache: Wenn oben kein Vorteil ist

Wie reagieren Fremde, wenn sie Sie sehen?

Ich bin noch nie direkt auf meine Größe angesprochen worden. Kinder sagen schon eher mal: Guck mal, ein kleiner Mann, und auch noch mit Bart. Aber mir geht es ja genauso. Wenn ich einen Kleinwüchsigen sehe oder jemanden, dem vielleicht ein Bein fehlt, wenn er eben anders aussieht als das, was man erwartet, dann gucke ich auch.

Da hilft ein gesundes Selbstvertrauen, das Sie offenbar durch ein gutes Umfeld entwickelt haben.

Auf jeden Fall. Meine Eltern haben mich, so banal das klingt, ganz normal großgezogen, haben mich nicht in Watte gepackt. Das war der Schlüssel. Eine große Leistung meiner Eltern.

Nervt es nicht, dauernd nach oben schauen zu müssen?

Es ist eher andersherum. Für mich ist es normal, immer nach oben zu schauen, für die anderen ist es eine ungewohnte Situation, nach unten zu schauen. Manchmal, wenn Menschen total korrekt sein wollen und man steht sich gegenüber, dann gehen die in die Hocke, um sich mit mir zu unterhalten. Ich komme mir dann völlig bescheuert vor und mache meistens, aber ganz unbewusst, dasselbe und gehe auch in die Hocke. Was dann zu ziemlich seltsamen Situationen führt.

Fühlen sich Menschen manchmal unwohl in Ihrer Nähe?

Ab und zu gibt es bei manchen Unsicherheit. Ich versuche dann, das durch Humor aufzulockern, auch mich selbst auf die Schippe zu nehmen. Der andere soll merken: Ich bin wie er, nur eben ein bisschen kleiner.

Sie nehmen sich auch in Videos auf Instagram oder TikTok gern selbst auf die Schippe. Machen Sie die Videos selbst?

Überwiegend schon, aber oft muss meine Freundin herhalten. Ich will das eigentlich in zwei Minuten abschließen, aber dann fällt mir immer wieder noch etwas ein, was man besser machen könnte. Und dann kommt Luisa von der Arbeit heim, legt ihre Tasche ab, zieht vielleicht noch ihre Schuhe aus, da komme ich schon und sage: Könntest du mir ganz kurz helfen? Und daraus wird dann doch ganz schnell eine halbe Stunde oder länger.

Lohnt sich der Aufwand?

Ich krieg auf die Videos wahnsinnig viel Feedback, vor allem von Kids. Grad wenn einer der Kleinste in der Klasse ist. Beispielsweise schreibt einer (liest von seinem Handy ab): „Ich bin auch ziemlich klein und du hast mir gezeigt, dass man nie und wirklich niemals aufgeben darf. Danke dafür.“ Solche Kommentare bedeuten mir viel.

Vorbild mit  Macke und viel guter Laune

Sie haben Vorbildfunktion.

Ja, aber die habe ich, weil ich so bin, wie ich bin. Und daran ändert sich hoffentlich auch nichts. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, dass ich irgendetwas in der Öffentlichkeit nicht sagen darf. So wie ich’s fühle, versuche ich, es rauszutragen, aber auch so, dass es die Leute verstehen.

Haben Sie auch Macken?

Jeder hat Macken. Bei mir ist es der Morgen. Ich muss in Ruhe meinen Kaffee trinken, dann noch mal ein bisschen aufs Sofa sitzen, die ersten Nachrichten im Fernsehen gucken. Je mehr Zeit ich morgens habe, desto länger dauert’s, bis ich produktiv werde. Und dann denke ich mir: Mein Gott, das kann doch nicht wahr sein!

Hand aufs Herz, wie oft stehen Sie vorm Spiegel und sagen sich: Was bin ich nur für ein toller Kerl, ich bin Paralympicsieger?

(Langes lautes Lachen.) Das ist bisher noch nicht vorgekommen. Klar, denkt man sich schon mal: Mensch, ich hab’s geschafft. Aber sonst … ? Wenn es mal nicht so läuft, wenn man mit sich hadert, dann ist es schon mal so, dass man mal sagt: Mensch, Rio war doch so geil 2016. Oder man schaut alte Videos an von erfolgreichen Wettkämpfen.

Man erlebt Sie immer fröhlich und gut gelaunt. Sind Sie immer fröhlich?

Bestimmt nicht. Aber ich bin nahezu immer gut gelaunt. Auch da habe ich wohl Glück gehabt. Ich bin ein Mensch, der sehr leicht zu motivieren ist. Ich bin schnell dabei, etwas auszuprobieren und gehe dann auch mit Freude daran. Aber es gibt natürlich auch Momente, in denen ich keine gute Laune habe. Aber das gibt es nicht oft. Und wenn’s mal so ist, ist das schnell vorbei.

Wollen Sie Kinder - auch wenn sie kleinwüchsig sind?

Was ist Ihnen bei sich selbst und anderen wichtig?

Ich bin gradheraus, das findet bestimmt nicht jeder gut. Aber man muss nicht mit jedem können. Das geht nicht. Ich bin ein weltoffener Typ und ich unterhalte mich unheimlich gerne, führe gern Gespräche. Generell wichtig ist mir der menschliche Umgang miteinander. Das zu beeinflussen, was einem möglich ist. Fair, ohne Vorurteile miteinander umzugehen, jedem eine Chance zu geben, zu kommunizieren, über sich selbst nachzudenken, entscheidungsfreudig zu sein, und dann auch zu seinen Entscheidungen zu stehen.

Was würden Sie versuchen, Ihren Kindern mitzugeben?

Alles, damit sie mit Selbstvertrauen ins Leben gehen, Es könnte ja auch sein, dass Luisa und ich ein kleinwüchsiges Kind bekommen, die Chancen stehen 50 zu 50. Dann soll es schnell lernen, dass das überhaupt nicht schlimm ist.

Würden Sie bei einer Schwangerschaft überprüfen, ob das Kind einen Gendefekt hat?

Nein. Das Wichtigste für mich ist: Ich möchte gesunde Kinder. Und Kleinwuchs ist keine Krankheit.

Sie wünschen sich also Kinder?

Das ist zwar noch ein Stückchen weg, aber klar wünsche ich mir eine Familie. Da bin ich traditionell schwäbisch. Der Wunschtraum ist, irgendwann ein Häusle zu bauen und Kinder zu kriegen. Und einen Hund möchte ich auch unbedingt. Ich wollte schon immer einen Hund.

Und aufwachsen sollen die Kinder in Welzheim?

Ich will auf jeden Fall hier in der Region bleiben. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Wie könnte Ihre Zukunft aussehen nach der Sportkarriere? Zurück an den Bankschalter?

Ich kann mir das durchaus vorstellen, aber vielleicht tun sich auch noch andere Türen auf. Ich komme jetzt im Sport viel rum, lerne Menschen kennen und erlebe vieles. Und ich bin, wie schon gesagt, leicht zu motivieren. Wer weiß, wo mich das hinführt?

Sie halten auch jetzt schon öffentliche Vorträge. Worum geht es da?

Seine Stärken zu erkennen und nicht zu hadern mit sich selbst. Entscheidend ist, seine Stärken zu finden und die Schwächen. Dann habe ich zwei Optionen: Entweder ich ärgere mich darüber, was ich nicht kann, oder ich freu mich darüber, was ich kann. Und meistens ist es so: Das, was man gut kann, das macht auch Spaß.

Selber denken - Religion, Corona, Demokratie

Wie halten Sie’s denn mit Gott und der Religion?

Ich bin im lockeren Austausch. Ich bin nicht völlig weg von der Religion, aber ich versuche gerne, selbst zu beeinflussen, was ich beeinflussen kann. Zum Beispiel kann ich derzeit wegen Corona nicht trainieren wie sonst. Also habe ich überlegt: Welche Optionen habe ich? Und dann habe ich mir einen Trainingsraum in meinem Keller eingerichtet.

Sie verlassen sich nicht auf andere oder eine höhere Macht, sondern werden selbst aktiv?

Ja. Aber ich bin auch nicht völlig weg von der Religion. Ich gehe beispielsweise mit meinem Schwiegervater in spe, dem Freund meiner Schwester und dem Bruder meiner Freundin ein-, zweimal im Jahr ein Wochenende weg. Männerwochenende, man tut Dinge, die man als gelernter Banker wie ich sonst nicht tut. Man ist viel im Freien, grillt, beschäftigt sich mit sich selbst, redet über Werte und auch religiöse Themen.

Ich habe auch ein Buch, „Der tägliche Stoiker“. Darin ist für jeden Tag ein kurzer Text, ein Motivationstext. Da blättere ich regelmäßig morgens rein und lese den Spruch für den Tag.

Die Weisheit für den Tag?

Genau. Und darüber denke ich dann auch nach.

Denken Sie auch über die Lage in der Welt nach? Liest man die Nachrichten, hat man das Gefühl: Es brennt an allen Ecken und Enden.

Ja, natürlich. Morgens ist mein erster Gang zum Fernseher, um die Nachrichten zu schauen. Und dann beschäftige ich mich mit den Themen. Ich bin politisch engagiert, bin ja auch in Welzheim im Gemeinderat. Und ich beziehe dazu Stellung. Das gehört auch zu meiner Vorbildfunktion.

Was denken Sie über Corona?

Man muss sich damit beschäftigen und das Beste draus machen. Das ist ´ne harte Zeit für jeden Einzelnen, manche trifft es härter, manche weniger hart.

Was denken Sie über die Demonstrationen gegen die Maßnahmen der Regierung?

Wir sind eine Demokratie, jede Meinung ist erlaubt. Eine normale Demonstration unter coronagerechten Bedingungen von Leuten, die denken, dass die Maßnahmen nicht die richtige Herangehensweise sind oder dass sie zu hart sind, das ist nachvollziehbar und legitim. Aber alles andere: Leugner, Verschwörungstheoretiker und was da an Ideen unterwegs ist, dafür habe ich absolut null Verständnis. Keine Maske, alle auf einem Haufen, und damit die andere Bevölkerung noch in Gefahr zu bringen, da hört’s bei mir auf.

Es geht um die Art der Kritik?

Ja, konstruktive, sachliche Kritik – das ist immer wünschenswert in einer Demokratie, zu jeder Zeit. Und deshalb, behaupte ich, geht es uns auch so gut. Das darf man nicht vergessen und das wird bei uns auch ab und zu unterschätzt.

Dennoch gibt es derzeit eine lautstarke Gruppe, die zum Teil sogar mit Gewalt auch gegen die Demokratie vorgeht.

Wenn’s nur um Gewalt, Extremismus von rechts oder von links geht, dann muss das schnell unterbunden werden. Und das mit aller Konsequenz.

Niko Kappel (25) misst gerade mal 1,40 Meter – und ist doch ein Großer. Nicht nur, weil er Weltmeister und Paralympics-Sieger im Kugelstoßen ist. Der Welzheimer beeindruckt durch herzliche Offenheit, die sich auf Gesprächspartner schnell in Form von guter Laune überträgt. Für manches aber hat er „null Verständnis“.

Herr Kappel, wären Sie gerne groß und stark?

Ehrlich gesagt, nein. Ich fühl mich so wohl, wie ich bin. Es hat alles so sein

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