Sommerspiele in Tokio

IOC-Chef Bach: Olympia-Absage «war nie wirklich eine Option»

IOC-Chef
Zog eine Olympia-Absage nie in Betracht: IOC-Chef Thomas Bach. Foto: Kimimasa Mayama/Pool European Pressphoto Agency/AP/dpa © Kimimasa Mayama

Tokio (dpa) - Auch die weiter steigenden Infektionszahlen in Tokio sollen Thomas Bach und das Risiko-Projekt Olympia jetzt nicht mehr aufhalten. Alle Zweifel zuvor, die der IOC-Präsident jetzt einräumte, hat Bach hinter sich gelassen, eine Absage kam für die Olympia-Macher ohnehin nie infrage.

«Das war nie wirklich eine Option. Das IOC lässt die Athleten nicht im Stich», sagte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees nach einem Treffen mit Japans Ministerpräsidenten Yoshihide Suga.

Corona-Risiko für die Spiele wurde minimiert

Dass Tokio am Mittwoch einen weiteren Anstieg um 1149 Corona-Fälle vermeldete, ist für Bach kein Grund zur Kritik an den Olympia-Plänen. «Die Zahlen steigen nicht wegen der Olympischen Spiele», beteuerte der 67-Jährige. Erstmals seit rund zwei Monaten lag die Zahl der Neuinfektionen in Japans Hauptstadt wieder über 1000 Fälle, wegen des anhaltenden Anstiegs herrscht in Tokio seit dem 12. Juli der vierte Corona-Notstand.

Das IOC konterte indes mit eigenen Zahlen. Unter den mehr als 8000 Ausländern, die seit 1. Juli in Tokio als Olympia-Beteiligte eingereist sind, habe man nur drei Corona-Fälle registriert, vermeldeten die Organisatoren. «Wir können selbstbewusst sagen, dass wir das Risiko für diese Spiele minimiert haben», beteuerte Bach. Die Corona-Maßnahmen für Olympia in Tokio seien «die strengsten, denen sich ein Sportereignis unterziehen musste».

Allerdings musste das IOC auch einen Corona-Fall im Vorbereitungscamp des olympischen Flüchtlingsteams einräumen. Ein Teammitglied sei in Doha in Katar positiv getestet worden, hieß es. Die PCR-Tests bei allen anderen Aktiven und Offiziellen seien negativ ausgefallen.

Olympia-Motto «Vereint durch Emotionen»

Bach zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass die überwiegend skeptische japanische Bevölkerung Vertrauen fassen und ein Stimmungswandel eintreten werde. Zudem gab sich der Fecht-Olympiasieger von 1976 optimistisch, dass die Spiele «einen hohen sportlichen Wert haben werden unter diesen Bedingungen». Man werde großen Sport in Tokio sehen. «Wie bei jedem Olympia werden neue Stars geboren werden, neue Legenden erschaffen», sagte Bach.

Eröffnet werden soll das um ein Jahr verschobene Mega-Ereignis am 23. Juli. Die Zeremonie werde unter dem Motto «Vereint durch Emotionen» stehen und solle «ein Gefühl der Hoffnung» inmitten der Pandemie vermitteln, teilten die Organisatoren am Mittwoch mit. Die Eröffnungs- und Schlussfeiern bei Olympia und Paralympics sollten die Idee der Spiele unterstreichen, mit denen «Menschen in aller Welt neue Hoffnung und Ermutigung durch den Auftritt der Athleten und die Kraft des Sports» erfahren sollen, hieß es.

Als Zeichen für Gleichberechtigung und Solidarität und gegen Diskriminierung wird für Olympia in Tokio der traditionelle Olympische Eid verändert. So werden bei der Eröffnungsfeier laut IOC nicht drei Teilnehmende die Grußformel sprechen, sondern sechs. Aus den Reihen der Sportlerinnen und Sportler, Trainerinnen und Trainer sowie Kampfrichterinnen und Kampfrichter werden jeweils zwei Vertreter dabei sein, je eine Frau und ein Mann.

Eröffnung der Spiele durch den Tenno

Japans Kaiser Naruhito soll im Olympiastadion den Beginn der Spiele erklären, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf eine nicht genannte Quelle berichtete. Der 61-jährige Monarch hatte im Mai 2019 als Nachfolger seines abgedankten Vaters den Thron bestiegen. Der Großhofmeister des Kaiserlichen Hofamtes hatte kürzlich für Wirbel gesorgt, als er der Öffentlichkeit mitteilte, dass Kaiser Naruhito nach seinem Eindruck die Sorgen vieler Untertanen vor einer Ausbreitung des Virus durch die Spiele teile.

Die Angst vieler Japaner ist, dass die Olympischen Spiele zu einem Superspreader-Ereignis werden könnten. Zuschauer sind daher von den olympischen Wettbewerben in Tokio komplett ausgeschlossen. Nur unmittelbar an Olympia beteiligten Sportlern, Funktionären und Medienvertretern aus dem Ausland ist die Einreise gestattet.

Nur «mit schwerem Herzen» habe das IOC die Entscheidung der Gastgeber zum Ausschluss aller Fans unterstützt, bekannte Bach. Er sei sich zunächst nicht sicher über die Reaktion der Athleten gewesen und habe Sorgen gehabt. Innerhalb weniger Stunden habe es aber viele positive Rückmeldungen aus der Sportlergemeinde gegeben. «Das Wichtigste ist, dass die Spiele sicher stattfinden können und die japanische Bevölkerung sich sicher fühlt. Dann ist es ein Preis, den wir zahlen», sagte der IOC-Chef zur Stimmung im Athletenkreis.

Über die stetigen Zweifel seit dem Beschluss zur Verlegung der Spiele im vergangenen März habe das IOC nicht öffentlich sprechen können, räumte Bach ein. «Wie kann man sonst einen Athleten überzeugen, sein Training fortzusetzen», erklärte der Würzburger. «Diese Spiele werden anders sein, und sie müssen anders sein», betonte Bach.

Zugleich verteidigte er seinen umstrittenen Besuch in Hiroshima, der für den 16. Juli geplant ist. Er wolle damit den ersten Tag des olympischen Friedens würdigen und knüpfe an eine 3000 Jahre alte Tradition an, sagte der IOC-Chef. Hiroshima war zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 von einer amerikanischen Atombombe zerstört worden.

Eine Bürgergruppe hatte Bach vorgeworfen, Hiroshimas Rolle als Botschafter des Weltfriedens zu missbrauchen und die Regierung zur Absage des Besuchs aufgefordert. «Wir haben nichts mit Politik zu tun, wir werden diesen Besuch nicht politisieren», versicherte Bach.

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