Champions League

Julian Nagelsmann: «Der Gegner war übermächtig»

Julian Nagelsmann
Leipzigs Cheftrainer Julian Nagelsmann ist stolz auf sein Team. Foto: Michael Regan/Getty Images via UEFA/dpa © Michael Regan

Lissabon (dpa) - Fragen an Trainer Julian Nagelsmann in der virtuellen Pressekonferenz nach dem 0:3 von RB Leipzig im Champions-League-Halbfinale gegen Paris Saint-Germain am Dienstagabend in Lissabon.

Würden Sie sagen, dass Ihr Team absolut chancenlos war?

Julian Nagelsmann: «Wir haben eine gute Runde gespielt, das steht außer Frage. Im Halbfinale der Champions League zu stehen, ist eine großartige Leistung, auf die wir mit ein bisschen Abstand auch stolz sein werden. Aktuell überwiegt der Frust, das ist normal. Das muss auch so sein, um wieder die nötige Power zu sammeln für die neuen Aufgaben, die schon bald vor der Brust stehen. Wir haben nicht viel Zeit bis zum ersten Pokalspiel und bis die Bundesliga wieder losgeht.»

Warum hat es die Mannschaft nicht geschafft, gerade Neymar an vielen Einlagen und Einzelaktionen zu hindern?

Nagelsmann: «Es ist in der Herangehensweise nicht immer so einfach für einen Trainer. Wie hoch machst du Druck? Wieviel Raum gibst du von Anfang an preis? Wie kannst du umstellen? Der Gegner hat das sehr variabel gemacht. Wir haben alles versucht. Wir haben aus einem Standard das 0:1 gekriegt und relativ aus dem Nichts das zweite Tor. Dann wurde es natürlich schwer. Dass Neymar ein bisschen dribbelt und viele Aktionen hat, das ist ganz normal. Ein paar Euro hat er ja auch gekostet. Ihn immer zu verteidigen, das ist nicht ganz so einfach.»

Was nehmen Sie konkret mit aus diesen Tagen in Lissabon?

Nagelsmann: «Ich nehme sehr viel Positives mit. Wir hatten auf dem Weg ins Halbfinale kein Freilos, sondern haben Tottenham und Atlético Madrid ausgeschaltet und mit Lyon noch einen anderen Halbfinalisten in der Gruppe gehabt, dazu Benfica Lissabon. Wir haben eine gute Champions-League-Saison gespielt. Ich nehme mit, dass die Jungs völlig unerschrocken gegen eine der unangenehmsten Mannschaften Europas aufgetreten sind und wir auch gegen PSG unseren Charakter auf den Platz gebracht haben.»

Wie viel Zeit bekommt die Mannschaft jetzt, um auszuruhen? Und wie viel Zeit brauchen Sie selbst, um das verarbeiten zu können?

Nagelsmann: «Bei mir geht das tatsächlich. Du hast als Trainer sofort wieder die nächsten Aufgaben. Wir haben Kaderthemen, die wir in der Transferperiode besprechen müssen. Wir haben bald Nürnberg im DFB-Pokal vor der Brust. Die Spieler werden schon ein bisschen brauchen, was völlig verständlich ist. Sie sind körperlich an die Grenze gegangen. Ich wünsche allen meinen Spielern, dass wir solche Situationen wieder und wieder erleben. Der Club hat jetzt zwei Highlights gehabt mit diesem Halbfinale und mit dem Pokalfinale vor einem Jahr. Diese Gier muss nach einer Woche, die die Jungs jetzt frei kriegen, wieder geweckt werden. Die nächsten Aufgaben warten, dafür müssen wir die nächste Freude entwickeln. Der Gegner war heute übermächtig.»

Das Duell mit Thomas Tuchel war vorher ein großes Thema. Inwiefern war es giftiger oder weniger giftig als gegen Diego Simeone im Viertelfinale? Und was haben Sie ihm nach dem Abpfiff gesagt?

Nagelsmann: «Es war genauso wenig giftig wie mit Diego Simeone auch. Er hat sich um seine Mannschaft gekümmert, ich um meine, der ganz normale Job, für den er und ich bezahlt werden. Nach dem Abpfiff habe ich gesagt, Gratulation, viel Erfolg im Finale und bis bald.»

Haben Sie hier als Trainer für sich etwas gelernt?

Nagelsmann: «Ich habe kein Lernbuch, das ich jeden Tag ausfülle. Ich habe eine sehr gute Leipziger Mannschaft gesehen, die an die Grenze gegangen ist, die viele sehr gut Sachen gemacht hat, die sich auch außerhalb des Platzes top professionell verhalten hat und alles dafür getan hat, erfolgreich zu sein. Ich nehme mit, dass es gut tut, so eine Mannschaft zu haben.»

Wie blicken Sie nach vorne?

Nagelsmann: «Wir werden den Weg weitergehen, auch wenn wieder mal Dellen dabei sein werden. Entwicklung ist ein Prozess, der geht nicht immer in eine Richtung. Da gibt es auch mal Hürden, über die man springen muss. Die kommende Saison wird sehr anstrengend und lang. Mir ist aber nicht bange, wenn ich die Leistung gesehen habe und in die Augen der Spieler in der Kabine geschaut habe.»

Wo braucht die Mannschaft noch personelle Verstärkung?

Nagelsmann: «Man kann dieses Spiel nicht als Gradmesser nehmen. Die beiden Stürmer von Paris (Neymar und Mbappé) kosten zusammen doppelt so viel wie unser gesamter Kader. Dieses Spiel kann uns nicht zeigen, was wir noch machen müssen auf dem Transfermarkt. Das ist einfach nicht drin im Portemonnaie. Jeder Trainer will die bestmögliche Mannschaft, jeder Spieler auch. Wir haben noch Aufgaben. Denen werden wir uns jetzt widmen.»

© dpa-infocom, dpa:200818-99-218610/3