EM-Trainingscamp

Löws Personalsorgen im Mittelfeld: Hoffnung auf Trio

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EM-Trainingslager
Bundestrainer Joachim Löw schwört die Nationalspieler auf die EM ein. Foto: Christian Charisius/dpa © Christian Charisius
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Toni Kroos
Der an Covid-19 erkrankte Toni Kroos ist noch in Madrid in Quarantäne. Foto: Uwe Anspach/dpa © Uwe Anspach

Seefeld (dpa) - Joachim Löw ist in den Tiroler Bergen gleich massiv als Problemlöser gefordert.

Angesichts der Ungewissheiten um seine «drei Schlüsselspieler» Toni Kroos, Ilkay Gündogan und Leon Goretzka sowie ungelöster Quarantäne-Fragen um die Champions-League-Finalisten aus dem Virusvariantengebiet England beglückwünschte sich der Bundestrainer öffentlich dazu, Thomas Müller und Mats Hummels als EM-Leitwölfe zurückgeholt zu haben.

«Das war für alle ein Wiedersehen, das Freude gemacht hatte», sagte Löw am zweiten Tag des Trainingslagers in Seefeld zur Rückkehr des von ihm 2019 aussortierten Duos ins Fußball-Nationalteam. Beiden sprach er zumindest schon mal eine Einsatzgarantie für die ersten Gruppenspiele gegen Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal aus - und das weit vor dem Auftakt in München am 15. Juni.

«Thomas und Mats wissen von mir, dass sie eine wichtige Rolle spielen, wenn man sie zurückholt. Die beiden können mit ihrer Erfahrung und ihrem Können der Mannschaft helfen. Aber sie müssen auch Leistung bringen», sagte er zum designierten Abwehrchef Hummels (32) und dem reaktivierten Offensiv-Anführer Müller (31).

Neuer begrüßt Rückkehr von Müller und Hummels

In der Teamsitzung sprach Löw die Rückholaktion konkret und offen an. Er habe dabei nicht über seinen Schatten springen müssen, betonte der 61-Jährige. «Beide sind in ihren Vereinen Spieler, die den Ton angeben», sagte Löw mit Blick auf die Führungsrollen von Hummels in Dortmund und Müller beim FC Bayern: «Bei einem Turnier brauchen wir Spieler, die vorangehen, die anderen helfen in schwierigen Momenten.»

Manuel Neuer begrüßt, dass der Bundestrainer doch noch umgedacht hat. «Ich bin froh, meine alten Weggefährten wieder in der Mannschaft zu haben. Sie können uns sofort helfen», sagte der Kapitän. Löw rühmte derweil Neuer kurz vor dessen 100. Länderspiel nicht nur als großen Torwart, sondern auch als besonderen Menschen mit Vorbildwirkung.

Die Soforthilfe von Müller und Hummels ist dringend nötig. Denn hinter anderen Fixgrößen stehen Fragezeichen. Kroos ist weiter coronapositiv und sitzt in Madrid fest. Goretzka wird nach einer Muskelverletzung zwar am Dienstag nach Seefeld anreisen, kann dann aber nicht sofort ins Teamtraining einsteigen. Und Gündogan war vor dem Königsklassen-Finale mit Manchester City angeschlagen und fraglich.

Quarantäne für Champions-League-Finalisten?

«Natürlich habe ich die Hoffnung, dass alle rechtzeitig ins Mannschaftstraining einsteigen, um gegen Frankreich auch einsatzfähig zu sein», sagte Löw und klang durchaus besorgt. Denn bei Gündogan sowie dem Chelsea-Trio Timo Werner, Kai Havertz und Antonio Rüdiger könnte es wegen der besonderen englischen Corona-Problematik weiterhin Probleme bei einer Einreise nach Deutschland geben.

«14 Tage Quarantäne wären für uns ungut», sagte Löw, der noch nicht an einen «Plan B» denken mag. Er glaube an eine Lösung des Problems. Das Bundesinnenministerium bestätigte auf dpa-Anfrage den Kontakt zum DFB, bekräftigte aber auch die strikten Regelungen, die «auch für den Profifußball» gelten.

Löw richtet seinen Fokus vorläufig auf die 20 Spieler aus seinem 26-Mann-Kader, mit denen er auf dem Platz und außerhalb intensiv arbeiten kann. Eindringlich schärft er die Sinne: «Das Turnier beginnt mit dem ersten Trainingstag. Wichtig ist: Die Mannschaft muss sich finden und eine Gewinnermentalität entwickeln!»

Neuer vor 100-Spiele-Marke

Auch Neuer will das WM-Desaster von 2018 korrigieren. «Ich glaube, dass wir einen guten Kader haben. Wir sind Spieler, die einen gewissen Anspruch haben. Wir stecken die Ziele hoch», sagte der Anführer des großen, an Titelgewinne gewöhnten Bayern-Blocks.

Der Senior des Teams will seine DFB-Karriere auch über die EM hinaus fortsetzen, wie er am Samstag sagte. Die bevorstehende Marke von 100 Länderspielen erfülle ihn «mit Stolz». Schon in den Testspielen gegen Dänemark (2. Juni) und Lettland (7. Juni) könnte er sie erreichen.

Zur starken deutschen EM-Gruppe sagte Neuer: «Man beginnt direkt mit Finals, wenn man weiß, dass man gegen den Weltmeister von 2018 beginnt.» Löw setzt klare Arbeitsschwerpunkte beim Countdown für die Frankreich-Partie. Offensive, Defensive, Standardsituationen lauten die großen Trainingsthemen, wobei die von Hummels zu organisierende Abwehr besonders geschult werden müsse. «Das Hauptaugenmerk muss lauten, dass wir in der Defensive stabiler werden», sagte Löw.

Den «lobenswerten und wünschenswerten Konkurrenzkampf» schürt er darum ganz bewusst. «Der Kampf um die Plätze geht los.» Einer, der nach der Ausmusterung von Hummels und auch Jérôme Boateng im Frühjahr 2019 mal als Abwehrchef der neuen, verjüngten DFB-Elf auserkoren war, muss sich derweil im Wettbewerb der Innenverteidiger erstmal ganz hinten einreihen: Niklas Süle. Der Bayern-Hüne bekam von Löw in Seefeld ein «Sonderprogramm» verordnet. Süle müsse «einen Schub im körperlichen Bereich machen», sagte der Bundestrainer.

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