Sport

Letzter Einsatz von Béla Réthy: Die Stimme der großen Turniere geht in Rente

FIFA Fußball-WM 2022
„Vielleicht ist es die richtige Zeit zu gehen“: ZDF-Reporter Béla Réthy verabschiedet sich nach der Katar-WM in den Ruhestand. © ZDF/Felix Schmitt

Er ist ein Urgestein des deutschen Sportjournalismus und am Mittwochabend (14.12.) beim WM-Halbfinale zwischen Frankreich und Marokko zum letzten Mal im Einsatz: TV-Kommentator Béla Réthy. Von 1996 bis 2018 kommentierte er alle vom ZDF übertragenen EM- und WM-Endspiele, dazu sechs Champions-League-Finals. Für eine ganze Generation von Fußball-Fans war er die Stimme der großen Turniere. Verneigung vor einem Reporter, der niemals eine Legende werden wollte. Und womöglich gerade deshalb zu einer wurde.

Fast 40 Jahre Bundesliga-Berichterstattung

Am 1. Januar 2023 geht Réthy in Rente. Und natürlich wurde sein Renten-Eintritt extra um acht Wochen nach hinten geschoben, damit er ein letztes Mal bei der WM dabei sein kann. Eine Weltmeisterschaft ohne den ZDF-Mann wäre ja schließlich keine echte WM!

Bereits Mitte November war der 65-Jährige nach seinem letzten Kommentar für das aktuelle Sportstudio offiziell verabschiedet worden. Das 2:0 der Bayern gegen Schalke war sein letzter Bundesliga-Einsatz. Vor dem Anpfiff hatte der Journalist noch ein Trikot geschenkt bekommen:  

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„Noch sind 57 Punkte zu vergeben. Sagen wir mal: 30 davon braucht Schalke. Dann sind sie sicher drin - aber dann bin ich schon weg“, formulierte Réthy seine Abschiedsworte. Fast 40 Jahre lang hat er die Bundesliga journalistisch begleitet. Sportstudio-Moderatorin Dunja Hayali würdigte ihren Kollegen nach dessen letztem Auftritt auf der Bundesliga-Bühne: „Die Stimme, die sie gerade gehört haben, sie ist prägnant, sie ist einzigartig. Manch einer würde sogar sagen: Sie ist unwiderstehlich.“

Der Mann, der nicht unsterblich werden will

Dabei würde sich der am 14. Dezember 1956 in Wien geborene Reporter mit dem markanten - manch ein Kollege behauptet Whiskey-geschwängerten - Timbre niemals als Showmaster begreifen. Das größte Lob erhielt er wohl bei der WM 2006. Damals kommentierte er das Viertelfinale zwischen Frankreich und Brasilien. Die SZ urteilte anschließend: „Réthy will vermutlich nicht unsterblich werden, nicht der neue Herbert Zimmermann, er will nicht genial sein, sondern nur gut. Er ist kein Talk- und Showmaster […], sondern tatsächlich ein Fußballkritiker, der sich nicht so schnell besoffen machen lässt.“ 

Réthy ist neben seiner Leidenschaft für den Fußball vor allem eines: Ein Kosmopolit. Er spricht Deutsch, Ungarisch, Portugiesisch, Englisch, Französisch und Spanisch. Seine Eltern mussten ihre Heimat Ungarn nach dem Volksaufstand 1956 verlassen. Zur Welt kam er in Österreich, doch schon kurz nach seiner Geburt zog die Familie nach São Paulo. 

Dort in Brasilien verbrachte der kleine Béla seine Kindheit. 1967 ging es für die Réthys dann zurück nach Europa. Die Familie zog ins Rhein-Main-Gebiet - dort in Wiesbaden lebt der Reporter bis heute. Nach dem Abi studierte er an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz Publizistik, Soziologie und Ethnologie. Finanziert durch die Arbeit als Taxifahrer und im Sportarchiv des ZDF. 

Erste Reporter-Schritte und VfB-Anekdoten 

Und am Mainzer Lerchenberg landete er schließlich in der Sportredaktion. Seine ersten Reporter-Schritte ging er als Assistent von Rolf Kramer und Marcel Reif, 1986 war er zum ersten Mal bei einer Fußball-WM mit dabei. Fünf Jahre später folgte sein Premieren-Einsatz als Live-Kommentator. Deutschland vs. Irland. Aber nicht die A-Nationalmannschaften - sondern nur die Partie der U-16-Auswahlen. 

Von da an ging es karrieretechnisch steil bergauf. 1992 kommentierte er sein erstes Endspiel zur Primetime, den Supercup zwischen Pokalsieger Hannover 96 und dem VfB Stuttgart mit Trainer Christoph Daum. Mit dem VfB verbindet der Kommentator noch eine weitere Anekdote. Dem Kölner Express erzählte er: „Als junger Reporter stand ich mal neben der Trainerbank des VfB Stuttgart, Helmut Benthaus war Trainer. Da haben wir ihm mitgeteilt, dass der HSV hinten liegt – er hat sich zu uns gedreht und gesagt: Dann sind wir ja Meister! Solche Momente sind heute undenkbar.“

Was den Réthy-Stil ausmacht

Dabei war es dem Reporter mit der rauchigen Stimme immer wichtig, seinen eigen Stil zu bewahren: „Du musst beim Kommentieren deine eigene Persönlichkeit mit einbringen, die kann man nicht kopieren – und sollte man auch nicht“, sagte er vor der Katar-WM in einem Interview mit t-online.de.

Dass der Réthy-Stil nicht bei allen gut ankommt, liegt in der Natur der Sache. Ein TV-Kommentar ist Geschmackssache. Und zum Geschehen auf dem Rasen hat ohnehin jeder seine eigene Meinung. Vermutlich habe man heutzutage schon viel erreicht, „wenn das Spiel vorbei ist und man niemanden genervt hat“, meint das Reporter-Schlachtross, der sich nie einen Spruch oder eine Formulierung vorab überlegt hat: „Ich notiere mir nur Fakten und reagiere im Stadion auf die Bilder. Präsente Prosa“, erklärte er dem Tagesspiegel.

„Vielleicht ist es die richtige Zeit zu gehen“

Im Mittelpunkt steht immer das Spiel, niemals der Kommentator. „Das Ereignis ist wichtiger als wir. Ich möchte diesem Trend widerstehen, dass man bedeutender ist als das, worüber man redet“, sagt Réthy. Eine Reporter-Legende wollte er niemals werden. Und womöglich wurde er genau deshalb letztlich doch zu einer. In seiner Branche beobachtet er derweil einen Generationswechsel. Nicht nur mit positiven Folgen: „Es wird weniger gelesen, die sprachliche Vielfalt lässt nach. Vielleicht ist es die richtige Zeit zu gehen.“

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Nach der WM in Katar ist Schluss. Réthy freut sich auf die freie Zeiteinteilung. Und auf sein Enkelkind. „Der Kleine ist 14 Monate alt. Ihn aufwachsen zu sehen, auf dieses Geschenk freue ich mich.“ Doch das Rentnerleben und das Enkelkind müssen noch warten. Zumindest ein paar Wochen. Jetzt ist erst einmal WM. Denn für eine ganze Generation von Fußball-Fans war klar: Wenn Réthy kommentiert, wird’s wichtig.

Er war der Mann und vor allem die Stimme für die großen Turniere. So auch ein letztes Mal beim umstrittenen Event im Wüstenstaat. Am Abend seines 66. Geburtstages kommentiert er das Halbfinale zwischen Frankreich und Marokko. Anschließend hängt er nach dann über 380 Livespielen das Kommentatoren-Headset an den Nagel und tritt ab - ob gewollt oder nicht: als Reporter-Legende.