Nationalmannschaft

Nach Plädoyer für Löw: Bierhoff muss Alternativen aufbauen

Joachim Löw
Genießt noch die volle Rückendeckung beim DFB: Bundestrainer Joachim Löw. Foto: Federico Gambarini/dpa © Federico Gambarini

Frankfurt/Main (dpa) - Die Regierungserklärung von Oliver Bierhoff hallt nach und wird heftig diskutiert.

Der für die Nationalmannschaft zuständige Direktor hatte erst vor dem DFB-Präsidium und dann vor Medienvertretern Joachim Löw und dessen Kurs als richtig eingestuft und das Vertrauen in den Bundestrainer bekräftigt.

«Die Analyse hat mich auf Punkte hingewiesen. Die Mannschaft hat Potenzial und Qualität, aber noch keine Stabilität, wie wir das bei anderen Mannschaften hatten», fasste Bierhoff seine vielschichtigen Ausführungen zusammen und schloss mit Blick auf die EM im kommenden Sommer an: «Es muss viel passen in der Vorbereitung. Mein Gefühl ist, dass Jogi Löw der richtige Trainer dafür ist.»

Dennoch machte Bierhoff auch deutlich, dass die Vertrauensbestätigung seines Arbeitgebers und Löws bis zur WM 2022 laufender Vertrag kein Freifahrtsschein sind. Er habe dem seit über 14 Jahren amtierenden Bundestrainer gesagt: «Jogi, in meiner Funktion wird es auch die Aufgabe sein, Alternativen aufzubauen.» Und Löw habe ihm geantwortet: «Das ist doch selbstverständlich.» Natürlich sei die EM ein weiterer Punkt, «an dem man die Arbeit bewerten muss. Das ist normal. Das weiß er, das haben wir so besprochen», erklärte der DFB-Direktor.

Die Debatten, ob Löw schon jetzt zweieinhalb Jahre nach der misslungenen WM 2018 in Russland und einem durchwachsenen Neuaufbau des Teams noch der Richtige sei, hatte Bierhoff mit einer positiven Analyse der Mannschafts-Entwicklung gekontert. Das Corona-Jahr 2020 sei dabei kaum zu bewerten, die jüngste 0:6-Blamage in Spanien stufte er als reparablen Unfall ein. «Wir schauen uns das bei der EM an. Wir wissen, damit umzugehen», betonte der Europameister von 1996.

Auch er habe sich natürlich nach dem historischen Tiefschlag gegen die Spanier Gedanken gemacht und mit Leuten gesprochen, die Lage um Löw analysiert, berichtete Bierhoff: «Ich bin ein reflektierender Mensch. Ich wäre verrückt, wenn ich in der Rolle so selbstsicher wäre, dass ich stur etwas verfolge.»

Natürlich müsse er nach den besten Möglichkeiten und auch Alternativen schauen. Jetzt aber sieht er den Weg mit dem 60-jährigen Löw weiter als den besten. Auch deshalb verzichtete Bierhoff auf konkretere Schritte für eine Zeit nach Löw: «Es gab keine Gespräche mit anderen Kandidaten, auch nicht perspektivisch.» Und das zerstrittene Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes folgte ihm.

Vertrauen sei wichtig, habe aber nichts mit blindem Vertrauen zu tun, erklärte Bierhoff. Auch in der Diskussion am Montag mit den DFB-Chefs habe Löw deutlich gemacht, dass man klar sagen solle, wenn man ihn nicht mehr für den richtigen Bundestrainer halte. «Damit hat er kein Problem, dazu ist er lange genug im Geschäft», sagte Bierhoff. Trainer würden an Ergebnissen und Vertrauen gemessen. «Wenn das nicht mehr da ist, muss man einen Cut ziehen.» Aber wenn das Vertrauen da sei, wolle Löw auch nicht «irgendwelche Geräusche drum herum» haben, unterstrich Bierhoff.

In das Vertrauen in seinen Kurs bezieht Löw auch die Haltung zu den Personalien ein. Es gebe keine Rückkehr der Ex-Weltmeister Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels, hatte der Bundestrainer vor dem jüngsten Länderspiel-Dreierpack nochmals wiederholt. Und auch wenn Bierhoff das für einen besonderen Fall vor dem EM-Turnier 2021 jetzt nicht kategorisch ausschließen wollte, hat sich daran kaum etwas geändert. «Die Trainer und Jogi Löw werden das machen, was das Beste für die Mannschaft ist», sagte der DFB-Direktor. «Da ist nix Absolutes dabei. Man hat das Ganze im Blick. Alle Spieler werden immer bewertet, das gilt auch für die Zukunft.»

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