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2016: Das Jahr des Lucian Kühne

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Sucht sein Heil im Ring gerne in der Offensive: Lucian Kühne, Internationaler Deutscher Meister der U 21 im Boxen. © Ralph Steinemann Pressefoto

„Boxen wird im Kopf entschieden“, sagt Lucian Kühne. Diese mentale Stärke hat der 19-Jährige aus Winterbach-Manolzweiler im vergangenen Jahr gehabt. Mit der internationalen deutschen Meisterschaft im Schwergewicht der U 21 sicherte er sich seinen größten Erfolg, dabei war er Außenseiter gewesen. Das wird Kühne auch bei der EM 2017 sein. Vielleicht ein gutes Omen.

Boxen ist gefährlich? Kommt drauf an. Trotz zahlreicher Kämpfe hat Lucian Kühne noch nie eine größere Verletzung gehabt. Er führt das auch auf die Regeln im Olympischen Boxen, so heißt das Amateurboxen inzwischen, zurück. Es werde strikt darauf geachtet, dass nur Athleten mit ähnlicher Stärke aufeinandertreffen. Anders als bei den Profis: „Da suchen die sich Gegner regelrecht als K.-o.-Futter raus.

Aber was bringt das, wenn einer mit 150 Kämpfen gegen einen mit zehn Kämpfen antritt und dem die Nase bricht?“ Nun – es ist zwar schlecht für die Gesundheit des Opfers, lässt aber die Kasse klingeln. Zuschauer wollen Profikämpfe sehen, weil es dort viel Spektakel und aufgrund der knallharten Handschuhe oft Niederschläge gibt. Da hat das Amateurboxen keine Chance. Schon gar nicht im Fernsehen, abgesehen von Olympischen Spielen.

Erst vor vier Jahren mit dem Boxen begonnen

Dabei ist das technische Niveau bei den Amateuren nicht schlechter als bei den Profis. Und Lucian Kühne gehört deutschlandweit zu den begabtesten Athleten. Erst mit 15 Jahren, zuvor hatte er sich kurz als Kickboxer versucht, begann er beim MBC Ludwigsburg mit dem traditionellen Boxen. Seine Heimtrainer Jörg Schwiperich und Achim Böhme brachten ihn schnell auf Erfolgskurs. Kühne wurde in der C-, B- und A-Klasse mehrmaliger Württembergischer Meister, auch eine deutsche Vizemeisterschaft heimste der Winterbacher ein.

Dann kam 2016 – und es wurde sein Jahr. Im November feierte Lucian Kühne seinen größten Erfolg, den internationalen deutschen Meistertitel im Schwergewicht der U 21. Damit hatte in Moers niemand gerechnet, denn der 19-Jährige war aufgrund einer unglücklichen Auslosung in alle drei Kämpfe als Außenseiter gegangen. Anders als Kühne hatten sämtliche Gegner bereits EM-Erfahrung und Stützpunkt-Training genossen.

Dennoch setzte sich der Manolzweilermer jeweils in drei Runden durch, und das ausnahmslos deutlich mit 3:0 Richterstimmen. Weil er aus der Vergangenheit gelernt und taktisch klug agiert hatte. Lucian Kühne ist ein Offensivboxer. „Das wurde mir schon oft zum Verhängnis, weil ich in Konter reingerannt bin.“ Diesmal schaffte er es, den Spieß umzudrehen. So auch im Finale gegen den Konterboxer Jonathan Fischbuch, gegen den er als Jugendlicher bei der deutschen Meisterschaft noch verloren hatte. „Diesmal hab’ ich abgewartet, und er kam damit nicht klar. Wahrscheinlich hat er mich auch unterschätzt.“ Fischbuch war chancenlos, Kühne holte den Titel.

Die Karriere wird finanziert durch eigene Ersparnisse und die Eltern

Dank dieses Erfolgs trainiert das Talent inzwischen am Stützpunkt in Heidelberg, wo er auch ein Praktikum absolviert. Finanzielle Vorteile hat das alles nicht. Kühnes Boxkarriere wird nach wie vor von eigenen Ersparnissen sowie Zuschüssen der Eltern angetrieben. Sponsoren sind im Amateurbereich nicht erlaubt. Vielleicht gibt’s in absehbarer Zeit Bundes-Sportförderung. „Es soll ja ein neues Konzept geben.“

Von seinem sportlichen Weg will sich Lucian Kühne aber auch von finanziellen Widrigkeiten nicht abbringen lassen. Mitte März findet die Europameisterschaft in Manchester statt, für ihn wird es die erste Teilnahme sein. „Mein Ziel ist, so weit zu kommen wie möglich.“ Eines ist spätestens seit der DM klar: Die Außenseiterrolle liegt dem Boxer sehr.

Und die Karriere als Profi? Kommt die doch noch irgendwann, mit Sponsoren und so? Kühne lacht verschmitzt und sagt: „Allenfalls dann, wenn ich sehr viel Erfahrung bei den Amateuren gesammelt und eine Weltmeister- oder Olympia-Medaille habe.“ Na, wenn’s weiter nichts ist  ...

Ausbildung

Nach seinem einjährigen Praktikum am Stützpunkt in Heidelberg will Lucian Kühne Betriebswirtschaftslehre studieren. „Im Stützpunkt wird einem geholfen, es sind Studienplätze für Sportler hinterlegt. Aber ich muss mich noch entscheiden, wo es hingehen soll.“