Rems-Murr-Sport

Angezeigt wegen Landjägern und Soße

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Dass Landjäger gut schmecken, ist bekannt. Neu ist, dass man wegen ihnen auch angezeigt werden kann. Zumindest beim ASV Schlichten. © Ramona Adolf
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Harald Häfner. © Ramona Adolf

Wer betrügt einen Verein um Geld für Steaksoße, Landjäger (13,13 Euro) oder Hot-Dog-Brötchen (1,12 Euro)? Ein Mann, der seit über 20 Jahren ehrenamtlich für den Club schuftet. Das jedenfalls vermutet der Vorsitzende des ASV Schlichten, Udo Issler. Er hat Ringer-Abteilungsleiter Harald Häfner angezeigt. Es geht – zwischen 2011 und 2015 – um 74,37 Euro.

Es klingt nach einem Bauernschwank, ist für Harald Häfner aber ein Albtraum. Er, ohne den bei den Schlichtener Ringern fast nichts ging, der Feste und Ausflüge organisierte, Trainer war und mehrmals Abteilungsleiter, er, ein Betrüger? „Das ist ungeheuerlich! Es geht hier um meinen Ruf!“, sagt der 46-Jährige. „Wenn ich Fehler gemacht habe, stehe ich dafür gerade. Ich habe nichts zu verbergen. Deshalb gehe ich in die Offensive.“

Angezeigt wurden Häfners Festles-Abrechnungen der Fronleichnam-Ringerturniere zwischen 1995 und 2015. Laut Polizei sind die Vorgänge vor 2011 verjährt. Ermittelt in den strafrechtlich relevanten fünf Jahren wurden Posten im Gesamtwert von 74,37 Euro. Die Liste ist grotesk: 1,91 Euro für „Sauce Hamburger“, 1,12 Euro für „Brötchen Hot Dog“, insgesamt 13,13 Euro für „Landjäger“, 2,36 Euro für „Grillpfannen“ und 11,88 Euro für den Rum „Captain Morgan“. Häfner sagt, er habe nur 5,39 Euro für sich selbst ausgegeben. Und zurückgezahlt. Der Rum sei beim Fest gemeinsam mit Ringerfreunden des KSV Marbach getrunken worden und das Geld ebenfalls wieder in der Kasse gelandet.

Offen sind laut Polizei außerdem 36,50 Euro Pfand für drei Kisten. Laut Häfner handelt es sich um rote Metzgerwannen, in denen Wurstwaren fürs Fest transportiert worden seien. „Die hole ich seit zehn, 15 Jahren. Aber seit 2013 gibt es Pfand darauf. Das habe ich nicht gewusst. Mein Versäumnis ist, dass ich mir bei der Rückgabe keine Gutschrift geholt habe.“

In einem Verein läuft die Problemlösung üblicherweise so: Man setzt sich zusammen, räumt die Sache aus, trinkt ein Bier, fertig. Häfner und der ASV-Vorsitzende Udo Issler kennen sich schon sehr lange. Issler war nach dem zwischenzeitlichen Rücktritt von Häfner zwischen 2011 und 2014 sogar selbst Abteilungsleiter bei den Ringern. Danach übernahm Häfner wieder, parallel zu seinem Amt als Jugendtrainer. Wie also konnte die Situation so eskalieren? Warum werden Polizei und Staatsanwaltschaft wegen eines Kleckerlesbetrags beschäftigt?

Aus dem Fronleichnam-Turnier der Ringer wird ein Zankapfel

Issler sagt, er wolle sich erst nach Abschluss des Strafverfahrens äußern. Daher gibt es zunächst nur Häfners Geschichte. Und die geht so: Das Ringerturnier mit Fest an Fronleichnam wird bis 2015 stets von ihm organisiert, er kauft auf Vereinskosten dafür ein. Darunter sind auch immer wieder kleine Posten für den privaten Gebrauch. Alles landet, weil das schon immer so gemacht worden sei, auf einer Rechnung. Häfner betont, er habe das Geld für Privatkäufe wieder in die Clubkasse gelegt. Allerdings ohne Belege. Vielleicht ein Fehler, „man muss mir aber einfach auch vertrauen“.

Im September 2015 informiert der Schatzmeister, ohne zuvor mit Häfner zu sprechen, den Vereinschef Issler über Unregelmäßigkeiten bei den Festles-Abrechnungen. Beide überprüfen daraufhin die Jahre bis einschließlich 1995 und finden weitere Ungereimtheiten. Ende Oktober kommt es zu einer Besprechung. Den Ringer Sven Hees nimmt Häfner als Zeugen mit. Issler und der Schatzmeister „warfen mir vor, dass ich den Verein betrogen und circa 15 Euro pro Jahr falsch abgerechnet hätte“. Er, Häfner, habe daraufhin gesagt, er sei bereit, eventuelle Fehler wiedergutzumachen, brauche dazu aber die Belege.

Wenige Tage später beginnt ein unschöner E-Mail-Wechsel, der dieser Zeitung vorliegt. Zunächst weist Häfner die Beschuldigungen zurück. Daraufhin droht Issler dem Abteilungsleiter mit einer Anzeige und rät ihm, das Geld zurückzuerstatten und am Jahresende den Verein ohne Gesichtsverlust zu verlassen.

Für Häfner ist das der entscheidende Schlag. „Da habe ich eine Mannschaftssitzung einberufen, alles offengelegt und den Ringern gesagt, dass ich alle Ämter niederlegen werde.“ Im Anschluss habe das Team ohne ihn den Rückzug des ASV aus der laufenden Runde in der Bezirksklasse beschlossen und in die Tat umgesetzt. An Issler schickt Häfner eine Mail, in der er ihn erneut auffordert, ihm eine Aufstellung der Beträge zukommen zu lassen. Doch insgesamt zwei Wochen lang habe er vergeblich auf die Unterlagen gewartet.

Die nächste Eskalationsstufe: Häfner wendet sich an einen befreundeten Anwalt. Dieser ersucht Udo Issler Mitte November, die Aufstellung binnen zweier Wochen zu schicken. „Weitere dem Ruf meines Mandanten schädigende Äußerungen werden [...] gerichtlich verfolgt werden.“ Daraufhin bringt Issler den Vorfall zur Anzeige.

„So macht man 20 Jahre Ehrenamt mit einem Schlag kaputt“

Harald Häfner hat inzwischen den Vorwurf des Betrugs in einer Stellungnahme bestritten. „Und jetzt gucken wir, was rauskommt.“ Wahrscheinlich ist, dass das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt wird. Den ASV Schlichten hat Häfner verlassen. „So macht man 20 Jahre Ehrenamt mit einem Schlag kaputt! Über mich hat der Verein im Jahr über 10 000 Euro Umsatz gemacht. Und die Hälfte war Gewinn.“

Doch warum hat Udo Issler den Abteilungsleiter überhaupt angezeigt? Häfners Vermutung: „Neid. Weil ich die Ringer als Abteilungsleiter wieder nach vorne gebracht habe.“ Seine Entscheidung, an die Öffentlichkeit zu gehen, begründet er erneut: „Mir ist es ein Anliegen, dass es so in einem Verein nicht funktioniert mit verdienten Mitgliedern.“

Häfners neues Amt

Bei den Rems-Murr-Ringern wird der Fall Harald Häfner heiß diskutiert. Doch für einen Betrüger halten sie den Berglener offensichtlich nicht. Denn seit Anfang 2016 ist der 46-Jährige Kreisvorsitzender.