Rems-Murr-Sport

Die Überraschungsmannschaft der SV Winnenden

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Steigt Ende August in die Kreisliga B ein: Die erste Mannschaft der Sportvereinigung Winnenden, genannt SV United Welcome. © Palmizi / ZVW

Winnenden. Die SV Winnenden stellt die sensationellste Herren-Fußballmannschaft für den Beginn der Kreisliga B Ende Januar. Bunter als die französische Nationalmannschaft wird sie sein, und ihr Name sagt viel: SV United Welcome. Männer aus zehn Nationen haben sich zusammengetan, fühlen sich willkommen und wollen andere willkommen heißen (Welcome).

Das Sensationelle an dieser Mannschaft ist: Zum allergrößten Teil besteht sie aus Flüchtlingen. Im Rems-Murr-Kreis nehmen viele Fußballclubs ihren Integrationsauftrag ernst und haben zwei bis drei Flüchtlinge in ihrer wichtigsten Mannschaft. Aber acht Flüchtlinge – so viele hat weit und breit keiner.

Obendrein spielen in dieser neuen Mannschaft der Sportvereinigung auch Menschen mit Handicap mit. Und Einheimische ohne Handicap sind auch noch willkommen in diesem ganz besonderen Fußballteam, das ab jetzt die Kernstadt Winnenden vertritt und deren größten Verein, die Sportvereinigung.

Manuela Voith hat Sozialarbeiter und Sportverein vernetzt

Das Netzwerkdenken der städtischen Integrationsbeauftragten Manuela Voith führte zu dieser Mannschaft. Schon länger arbeitet sie mit der SV zusammen, freut sich, dass deren Vorsitzender Hans-Jürgen Will offen ist für die Integration von Flüchtlingen. Zugleich merkte sie, dass zwei Sozialarbeiter der Paulinenpflege, Stefan Simon und Timo Loos, mit Flüchtlingen Fußball trainieren und eine Mannschaft für Freundschaftsspiele zustande brachten. Mit Marco Möst, dem Geschäftsführer des SV-Sportparks, stand sie auch in Kontakt und diese alle brachte sie zusammen.

Möst war damals noch Spartenleiter Fußball bei der SV Winnenden, die eine sehr erfolgreiche Damenmannschaft hat und die in der Jugendarbeit aktiv ist, aber vom Restbestand ihrer angestammten Herrenmannschaft verlassen worden war. Möst wollte nicht auf Biegen und Brechen eine neue erste Herrenmannschaft, aber er war von vornherein interessiert, weil ihn das Thema Integration umtreibt.

Auch Manuela Voith wollte nichts herbeizwingen, sah aber großes Potenzial in den beiden Trainern der Paulineinpflege, die als Sozialarbeiter vom Fach sind in Fragen der Integration. Aber das reichte ihr nicht. Mit Prof. Dr. Dr. Peter Kaiser berieten sie Chancen und Risiken einer Mannschaft, die in den Ligabetrieb einsteigt. Welche Rolle spielen religiöse und ethnische Fragen? Wie belastbar sind Flüchtlinge, die Traumata erlitten haben?

Nach gründlicher Abwägung überwogen die Chancen, und Marco Möst sagt: „Ohne Timo Loos und Stefan Simon hätte ich es nicht gemacht.“ Möst trug das Projekt der Mitgliederversammlung der SV vor, und die stimmte zu. Auch das war Voraussetzung. Mittlerweile ist Timo Loos SV-Abteilungsleiter Fußball und Stefan Simon ist Cheftrainer. Marco Möst macht weiterhin Jugendtrainer.

Die Spieler sollen das schwäbische Vereinsleben kennenlernen

Mit der internationalen Mannschaft hat er noch mehr vor als Fußballspielen: Sie soll in den Verein integriert werden, sie soll das schwäbische Vereinsleben kennenlernen und soll erleben, dass man im Verein füreinander einsteht. Spieler der ersten Mannschaft sollen zwischendurch Jugendliche oder Kinder trainieren. Patenschaften sollen sich entwickeln – alles unter Begleitung von Trainern, Vorstandsmitgliedern und der SV-Jugendschutzbeauftragten.

56 Flüchtlinge waren im Probetraining – 23 sind im Kader

Die Spieler wurden ausgewählt. Manuela Voith hat aus den Daten aller Winnender Flüchtlinge jene herausgesucht, die männlich und zwischen 18 und 35 Jahren alt sind. 200 waren es, die angeschrieben wurden. 56 von ihnen meldeten sich zum Probetraining. Nun sind 23 Flüchtlinge im Kader des SV United Welcome und bereit, in der Liga die SV Winnenden zu repräsentieren – so sagt es Timo Loos.

Warum gingen sie in die Liga? „Es ist wichtig, die Bestätigung zu bekommen, alleine dadurch, dass man mitspielt mit den anderen, den Spannungsbogen über ein ganzes Jahr hält“, sagt Timo Loos. „Es geht um Wertschätzung. Wir sagen den Spielern: Wir trauen euch zu, dass ihr uns vertretet.“ Und es geht darum, dass sich die Mannschaft entwickelt nach dem Prinzip: „Am Anfang steht die Begeisterung, am Ende die Disziplin.“


Erst in zweiter Linie geht es um Erfolg

„Normal ist, dass man zwei oder drei Flüchtlinge in eine Mannschaft reinnimmt. Wenn sie was bringen, bleiben sie. Wenn nicht, dann nicht. Das hier ist etwas anderes. Uns geht es in erster Linie um Integration und Inklusion, in zweiter Linie erst um den Erfolg.“ Marco Möst, SV Winnenden.

„Wir haben ein sehr starkes Leistungsgefälle, und wir wollen daraus eine Mannschaft formen. Jetzt schon erleben wir, dass Stärkere Schwächere mitziehen.“ Trainer Timo Loos.

„Mit ihnen steht und fällt das Projekt. Sie sind Trainer und sie haben die sozialpädagogische Ausbildung.“ Marco Möst über die Trainer Stefan Simon und den neuen SV-Abteilungsleiter Timo Loos, die beide hauptberuflich in der Paulinenpflege arbeiten.

Eine Begegnung in den Ligaspielen wird besonderes spannend: Irgendwann wird die zweite Mannschaft des neu gegründeten FC Winnenden auf die erste Mannschaft der SV Winnenden treffen.

Der FC Winnenden schickt zwei komplette Mannschaften in die Kreisliga B.

Der neue FC Winnenden besteht aus ehemaligen SV-Spielern. Am 2. Oktober wurde er gegründet, worüber unsere Zeitung ausführlich berichtete.


"Krise kreativ überwinden"

Ein Kommentar von Redakteur Martin Schmitzer

Gibt’s das? Kann das sein? Noch im November letzten Jahres war die SV Winnenden rein herrenfußballmäßig hoffnungslos verloren, von allen verbliebenen Geistern verlassen und ohne jegliche Hoffnung auf baldige Rekonvaleszenz. Aktive SV-Fußballer gründeten den FC Winnenden und stellten die SV dadurch vollends kalt.

Und jetzt kommt dieser größte Winnender Sportverein kreativ aus der Krise, denkt nicht in den üblichen Ehrgeizkategorien, fixiert sich nicht auf Tore, Punkte und Liga-Aufstieg, sondern liebt den Fußball wegen seiner Wirkung auf die Spieler, weil er Freundschaften gründet, weil er Leute zusammenbringt, Fremden Heimat gibt, Leistungsdenken, Verlässlichkeit und Disziplin fördert, welche am Ende einer ganzen Gesellschaft nützen.

Wahrscheinlich war es die einzige Möglichkeit der SV, so schnell aus ihrer Fußballkrise aufzutauchen. Aber es ist auch die nobelste und gemeinsinnige Art der Krisenbewältigung. Winnenden sieht gut aus, wenn es von dieser besonderen Mannschaft in der Liga vertreten wird. Sie braucht nicht von Anfang zu siegen, sie braucht nicht gleich aufzusteigen, aber ein paar Tore und vielleicht ein oder zwei gewonnene, schöne Spiele wünschen wir ihr schon in ihrer ersten Saison.