Rems-Murr-Sport

Ehrenamt: „Der Vorsitzende steht quasi immer mit einem Bein im Knast“

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Bernhard Theinert © Gisbert Niederführ

Überfordern wir unsere Ehrenamtlichen? Dazu haben sich am 6. November Funktionäre aus den Abteilungen Fußball, Handball und Leichtathletik in dieser Zeitung geäußert. Deren Probleme haben nicht nur die Sportler. Bernhard Theinert beispielsweise kümmert sich in Lorch nicht um Trainer, Spieler und die Versteuerung der Stadionwurst, sondern ist Vorsitzender der katholischen Kirchengemeinde Sankt Konrad. Seine Gedanken zum ehrenamtlichen Engagement aber sind genauso auch für jeden Sportverein gültig.

Trost: Mit der Zeit wird’s einfacher

Theinert beginnt mit etwas Positivem: „Verantwortliche, so sie es mehrere Jahre aushalten, profitieren von der Erfahrung und dem Netzwerk, das sie angelegt haben, was ein wenig mehr Gelassenheit in die Arbeit bringt.“ Allerdings sieht er gleichzeitig gegenläufige Tendenzen: „Mit der Zeit wird es zwar etwas einfacher, andererseits aber werden einem immer mehr Prügel in den Weg geschmissen. Neue Gesetze, auch steuerlicher Art, Sicherheitsbestimmung von der Leiterbenutzung über den E-Check bis zum Brandschutz, Baubegehungen, Jugendschutz …“

Aber klar ist für ihn: „Ohne diese vielen Null-Euro-Arbeiter geht es nicht.“ Durchschnittlich drei Stunden am Tag fürs Ehrenamt – „das kann ich mehr als bestätigen. Geltungssucht kann das nicht sein, da muss man schon für die Sache brennen. Wenn man dabei nur nicht verbrennt, weil man meint, für alles verantwortlich zu sein, bzw. von anderen verantwortlich gemacht wird. (...) Wenige sollen alles richten und viele andere sind eher am Meckern und Besserwissen, ohne Verantwortung übernehmen zu wollen.“

Die Anforderungen steigen stetig

Schlimm sei vor allem die immer zeitaufwendiger werdende Bürokratie. „Ein Vorsitzender steht quasi immer mit einem Bein im Knast, weil er eben nicht politisch denkender Jurist mit Architekturstudium, darüber hinaus noch Wirtschaftsfachmann mit Geschäftsführer-Qualitäten, IT-Fachmann und Journalist sein kann.“ Dazu sollten noch psychologische Kenntnisse und steuerberaterischer Durchblick kommen. Dass unter diesem ,Nebenjob’ die Familie und oft genug auch der Broterwerb leiden, dürfte auf der Hand liegen.

Ein Amt zu übernehmen, bedeute zudem nicht gleichzeitig große Anerkennung. „Außenstehende mögen meinen, dass man da ,Mords-Anerkennung’ genießt und prestigemäßig einen Quantensprung macht. Dem ist nicht so. Wer sein Amt ernst nimmt, macht sich gerne auch mal unbeliebt. Er muss Entscheidungen treffen, auch umstrittene. Damit macht man sich oft keine Freunde.“

Theinert beschreibt allerdings nicht nur die negativen Seiten von Ehrenämtern. Ein Ehrenamt auszuführen, stärke den Charakter. Man könne es deshalb „auch als Chance sehen, sich selbst als Mensch voranzubringen“.

Soziale Kompetenz entwickeln

Die Gesellschaft brauche Ehrenamtliche. „Wenn zumindest jeder Vierte unentgeltlich mit anpackt, dann ist viel gewonnen für diese Gesellschaft. Viele, die eine gemeinnützige Tätigkeit machen, bleiben dabei und manche verweigern sich auch einer größeren Verantwortung im Dienste für die Gemeinschaft nicht. So entwickelt sich soziale Kompetenz in der Bevölkerung.“

Schließlich appelliert Theinert an „alle vernünftigen Menschen: Werden Sie ehrenamtliche „Unikümer“, die es eben nicht kümmert, auch mal anzuecken.“