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„Fünf Medaillen, das ist doch Wahnsinn!“

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Mit viermal Silber und einmal Bronze war Andrea Rothfuss bei den Paralympics eine der besten im deutschen Team. © ZVW/Danny Galm
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Andrea Rothfuss mit Medaillen beim Empfang in Kernen.

Andrea Rothfuss ist erst 28 Jahre alt, doch hat sie schon vier Paralympics-Teilnahmen auf dem Buckel. Edelmetall satt hat die Skirennläuferin gesammelt, so erfolgreich wie jetzt in Pyeongchang war sie aber noch nie: Bei fünf Starts gab’s fünf Medaillen. Rothfuss, die in Rommelshausen wohnt, kann das immer noch kaum fassen. „Fünf Medaillen, das ist doch Wahnsinn!“

Ebenso Wahnsinn ist, wie geerdet und unkompliziert dieser Star des alpinen Behindertensports wirkt. Ihre in edle Holzboxen verpackte Medaillen aus Südkorea bringt sie in einer schlichten Sporttasche mit zum Gespräch. Als Allererstes sagt sie mit breitem Lächeln, wie sehr es sie doch wundert, aber wie schön es auch sei, dass jetzt schon wieder ein großer Zeitungsbericht über sie erscheinen soll.

Im Video: Andrea Rothfuss hat bei den Paralympics in Pyeongchang 2018 vier Silber-und eine Bronzemedaille gewonnen.

Dabei wäre eher das Gegenteil verwunderlich, wenn man auf die Bilanz der ohne linke Hand geborenen Schwarzwälderin blickt. Alle vier Paralympics zusammengenommen hat sie einmal Gold, neunmal Silber und dreimal Bronze gewonnen. Hinzu kommen zig Weltmeister- und Vizetitel sowie weitere dritte Plätze. Von Weltcup-Erfolgen ganz zu schweigen.

„Das mit dem ,Silberfuß‘ möchte ich nicht so ganz abstreiten" 

Es mutet geradezu grotesk an, dass einige Sportjournalisten und Beobachter sich leise enttäuscht darüber zeigten, dass Rothfuss in Südkorea zwar vier silberne und eine bronzene Medaille abräumte, aber eben keine goldene. „Andrea Silberfuß“ wurde sie, eine der erfolgreichsten Athletinnen im deutschen Team, genannt.

Die Erwartungshaltung im Umfeld hat Rothfuss allerdings nicht sonderlich geärgert. Schließlich habe sie im Vorfeld ja selbst davon gesprochen, Gold gewinnen zu wollen. „Das mit dem ,Silberfuß‘ möchte ich nicht so ganz abstreiten. Aber ich muss mich halt immer mit Marie Bochet herumschlagen.“

Die Französin gewann in Pyeongchang viermal Gold. In der Abfahrt, im Super-G und im Riesenslalom landete sie direkt vor Rothfuss, im Slalom siegte Bochet vor der Kanadierin Mollie Jepsen und der Deutschen.

Mit fünf Medaillen habe sie nie und nimmer gerechnet

Trotz der großen Konkurrenzsituation sei das Verhältnis zwischen der Französin und ihr immer sportlich fair und respektvoll, sagt Andrea Rothfuss. Der Beweis: „In der Kombination ist Marie im Super-G ausgeschieden. Danach ist sie zu mir gekommen und hat gesagt: ,Jetzt geh’ und schnapp’ dir die Goldmedaille!‘“ Doch daraus wurde wieder nichts, Rothfuss holte Silber hinter Mollie Jepsen.

Obwohl es nicht ganz bis nach oben aufs Podest gereicht hat, ist die Deutsche überglücklich über ihre Auftritte bei den Paralympics. Mit fünf Medaillen habe sie nie und nimmer gerechnet. Entscheidend dafür, dass es so gut lief, seien die ersten beiden Rennen gewesen: die Abfahrt und der Super-G. „Mit den beiden Disziplinen habe ich in dieser Saison am meisten gehadert.“ Um so überraschender und schöner seien deshalb die Erfolge bei den Paralympics gewesen.

Danach hatte Andrea Rothfuss das nötige Selbstvertrauen, um auch die restlichen drei Rennen auf Weltklasseniveau zu bestreiten. Besonders gefreut hat sie sich über die Bronzemedaille im Slalom. Denn in dieser Disziplin sei die Konkurrenz am allerstärksten.

Mutter und Schwester waren auch vor Ort

Zugute kam Rothfuss auch ihre große Erfahrung mit Paralympics. Zwar sei die Stimmung unter den Athleten immer super. Doch die Spiele gehen gewaltig an die Substanz. In Pyeongchang mussten die Sportler vom paralympischen Dorf eine Dreiviertelstunde ins Skigebiet fahren. Vor den Rennen „klingelte deshalb um 4.40 Uhr bei mir der Wecker. Um 5.40 Uhr ging der Bus. Das war ein ganz schönes Schlafdefizit.“Auf 7.30 Uhr war die Besichtigung der Strecke angesetzt, um 9.30 Uhr erfolgte der Start. Und nach den Rennen war’s zunächst unter anderem wegen Interviews auch nichts mit Erholung. Und als Rundum-Wintersportbegeisterte will man ja auch was von den anderen Wettbewerben sehen.

„Meine Mutter und meine Schwester waren auch mit vor Ort. Zusammen haben wir uns dann auf die Tribüne gesetzt.“ Und um 17 Uhr mussten sich die Sieger ja schon wieder am Medals-Plaza einfinden, um dort ihre Medaillen in Empfang zu nehmen.

"Essen darf man zum Beispiel nicht vergessen“

Umso wichtiger sei es, sich zwischendurch auch mal um sich selbst zu kümmern. „So blöd es klingt, es sind gerade die banalen Sachen, für die man sich Zeit nehmen muss. Essen darf man zum Beispiel nicht vergessen.“ Oder bei der Rückkehr ins Dorf nach dem Rennen eine halbe Stunde lang auszuradeln. „Genau das macht es aus, dass sich die Beine am nächsten Tag nicht müde anfühlen.“

Freilich wird Andrea Rothfuss jetzt schon wieder gefragt, ob sie noch einmal vier Jahre dranhängen und auch bei den nächsten Paralympics wieder angreifen will. „Aber ehrlich gesagt, ich weiß es noch nicht.“ Sicher ist dagegen, dass Rothfuss im März 2019 bei der WM in Obersachsen (Schweiz) antreten wird. „Da nehme ich mir wieder die oberste Stufe auf dem Podest vor.“ Von wegen „Silberfuß“.


Ausbildung

Ihr Arbeitsalltag ist Andrea Rothfuss sehr wichtig, dadurch verliere sie nie die Bodenhaftung. In Stuttgart macht sie beim Württembergischen Schützenverband eine Ausbildung zur Sport- und Fitness-Kauffrau.