Rems-Murr-Sport

Für Niko Kappel ist der Weltrekord ein Motivationskick

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Paralympicsieger Niko Kappel ist mit einem - allerdings noch nicht anerkannten - Weltrekord in die Saison gestartet. Foto: André Jung © Andre Jung

(jez). Niko Kappel ist wohl einer der bekanntesten Para-Sportler. 2016 bei den Paralympics in Rio de Janeiro holte das 1,40 Meter große Kraftpaket die Goldmedaille im Kugelstoßen. Direkt nach der Corona-Pause hat er nun bei einem Wettkampf in Stuttgart die Kugel auf unglaubliche 14,40 Meter gestoßen, 21 Zentimeter mehr als der bisherige Weltrekord des Briten Kyron Duke, und 29 Zentimeter mehr als seine eigene persönliche Bestleistung. Wie er sich während des Corona-Lockdowns fit gehalten hat, warum er an seinem Zeitmanagement arbeiten muss und was er vom Tatort hält, jetzt im Interview.

Was sagst du zu deinem Weltrekord?

Zuerst einmal war ich einfach nur glücklich. Es ist schön, zu sehen, dass man trotz der Zwangspause nicht ganz aus der Form gekommen ist und dass das Training fruchtet. Es hat am Wochenende einfach alles gepasst. Mal schauen, wie lange ich ihn jetzt behalten darf. Auf jeden Fall war das ein absoluter Motivationskick in der Corona-Saison.

Noch steht aber ein Fragezeichen hinter dem Weltrekord. Warum ist er noch nicht offiziell?

Der Wettkampf wurde sehr kurzfristig organisiert und konnte deshalb nicht mehr beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) angemeldet werden. Der Antrag auf Anerkennung des Weltrekordes wurde nun dennoch an das IPC geschickt, wir müssen nun auf die Akzeptanz hoffen. Die Leistung wurde ja zu einhundert Prozent korrekt erbracht, und es war ein offizieller Wettkampf des DLV. Mal schauen.

Ist künftig öfter mit ähnlichen Weiten zu rechnen? Machst du dir diesen Druck?

Mir wäre es auch am liebsten, wenn jetzt regelmäßig solche Weiten kommen würden. Aber es gilt jetzt, dranzubleiben und die Qualität im Training hochzuschrauben, denn oft ist es auch so, dass man nach so einem Erfolgserlebnis die Konzentration oder die Spannung verliert. Mein Fokus liegt voll und ganz auf den Paralympics 2021, und aus solchen Momenten schöpfe ich die Motivation und die Kraft für die Vorbereitungsphase bis Tokio.

Du warst einer der ersten Profisportler weltweit, der sich aufgrund der Corona-Krise für eine Verschiebung der Paralympischen Spiele 2020 in Tokio ausgesprochen hat. Gab es dafür Kritik aus den eigenen Reihen?

Nein. Viele Athleten waren sicherlich ähnlicher Meinung. So wie der Verlauf der Corona-Pandemie gerade aussieht, ist das auch die beste Entscheidung. Wir deutschen Sportler dürfen mittlerweile auch wieder unter Auflagen an den Bundesstützpunkten trainieren. Vielen anderen Sportlern auf der Welt bleibt das aber verwehrt, da dort die Corona-Krise oft erst richtig anfängt.

Während der Lockdown-Phase konnten dir deine Fans via Social Media dabei zuschauen, wie du in deinem Keller fokussiert trainiert hast. Wie hast du dich jeden Tag aufs Neue dazu motivieren können, alleine auf acht Quadratmeter ohne Fenster Gewichte zu stemmen?

Zuerst musste ich ja meinen Keller umbauen, damit ich dort mein Krafttraining absolvieren kann. Ich bin extra zum Baumarkt gefahren und habe Gummimatten besorgt, die ich dann selbst ausgelegt habe, damit ich auch meine Kugel und Gewichte fallen lassen kann. Als gelernter Bankkaufmann mit zwei linken Handwerkerhänden hat mich das Projekt etwas stolz gemacht, und daraus habe ich auch Motivation geschöpft. Außerdem war mein Trainingsplan auf maximal drei Stunden angesetzt, und wenn du sowieso nur daheim bist und nicht im vollen Umfang trainieren kannst, war das eine willkommene Abwechslung.

Du hattest lange Knieprobleme. Wie sieht es aktuell aus?

Ich habe in den letzten zwei Jahren viel Reha- und Stabilitätstraining gemacht. Aktuell habe ich keinerlei Beschwerden mehr.

Wie sieht dein Masterplan für die Paralympischen Spiele im kommenden Jahr in Tokio aus?

Weiter zu stoßen als jeder andere (lacht). Ich hoffe einfach, dass ich verletzungsfrei durch das Jahr komme und die Vorbereitungszeit maximal nutzen kann. Auch die Zusammenarbeit zwischen Peter Salzer (Trainer) und Damien Zaid (Rehatrainer) könnte für mich nicht besser sein, weshalb ich sehr optimistisch auf die Spiele im nächsten Jahr schaue.

In Japan hat der Behindertensport einen sehr hohen Stellenwert. Auch du hast dort viele Fans, erhältst sogar Fanpost von dort. Ist dir einer davon ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Tatsächlich ist das der allererste Brief, der mich aus Japan erreicht hat. In englischer Sprache hat mir ein junges Mädchen geschrieben, dass sie sich eine Dokumentation über mich angeschaut hat und nun ihren Hund nach mir benannt habe. Das hat mich schon emotional berührt. Es ist beeindruckend, mitzubekommen, wie die Japaner den Behindertensport sehen und was sie sich für eine Mühe machen, die Paralympics auszutragen.

Wie wichtig ist es dir, als Einzelkämpfer, beim Training eine Gruppe zu haben und unter Leuten zu sein?

Mir ist das sehr wichtig. Ich komme ursprünglich aus dem Mannschaftssport. Mein Vater war Fußballtrainer, und so habe ich früher auch aktiv beim FC Welzheim gekickt. Es gibt immer Tage, an denen es nicht so läuft, und da orientiert man sich in einer Trainingsgemeinschaft auch an den Leuten, bei denen es besser funktioniert, um noch ein paar Zentimeter rauszuholen.

Dein Trainer, Peter Salzer, sagte, dass du außer Social Media keinerlei Schwächen hast. Richtig?

Es gehört eben heutzutage irgendwo zum Sportlerdasein dazu, dass man in der Öffentlichkeit präsent ist. Gerade in meiner Situation bin ich auf Sponsoren angewiesen, die mich finanziell unterstützen, damit ich mich voll und ganz auf meinen Sport konzentrieren kann. So hätte ich beispielsweise ohne diese Unterstützung auch nicht mein eigenes kleines Fitnessstudio bei mir im Keller einrichten können. Peter hat da aber schon recht, es nimmt viel Zeit in Anspruch.

Über 60 000 Abonnenten unterhältst du mittlerweile mit deinen Videos und deinen Schauspielkünsten auf der neuen Social-Media-Plattform TikTok. Wann sehen wir Niko Kappel in einer Nebenrolle beim Tatort?

(lacht). Der Tatort ist auf jeden Fall Kult. Da hätte ich in der Tat Lust drauf. Der SWR-Tatort mit Richy Müller und Felix Klare ist mein Favorit. Also sobald die ARD mir eine Rolle anbietet und ich das zeitlich realisieren kann, bin ich dabei.