Rems-Murr-Sport

Fight Night: Kurz ist Europameister

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Freude über den ersten Titel bei den Profis: Johannes Kurz (rechts) feiert den Europameistertitel. Links der enttäuschte Gegner Semih Mese. © Giuseppe De Mitri

Den Gegner beherrscht, und das vor heimischem Publikum: Mit einer brillanten Leistung hat Kickboxer Johannes Kurz in der Winterbacher Salierhalle seinen ersten Junioren-Titel bei den Profis geholt. Bei der Fight Night am Samstag wurde der 16-Jährige vom DMG-Center Schorndorf Europameister in der Klasse bis 60 Kilogramm. Sein Kommentar: „Ein sehr geiler Abend.“

Es ist kurz vor 22 Uhr. Die Vorkämpfe sind vorbei, fünf Minuten sind’s noch bis zum großen Fight um den Vollkontakt-Europameistertitel. Mehrere Hundert Zuschauer, darunter Verwandte und Freunde, warten in der abgedunkelten Halle auf den Auftritt ihres Lokalmatadoren Johannes Kurz. Ein 16-Jähriger will einen 20 Jahre alten, deutlich erfahreneren Gegner knacken? Klingt ambitioniert. Kurz ist zwar alles andere als ein unbeschriebenes Blatt, bei den Amateuren wurde er Doppelweltmeister. Aber im Profibereich, in dem es im Kickboxen anders als in anderen Sportarten nur ein Taschengeld zu verdienen gibt, ist das Niveau noch einmal deutlich höher.

„Ich hol’ die Kämpfer gleich aus ihren Höhlen.“

An der Tür zu den Kabinen steht Ari Papadopoulos, Chef des Savate-Clubs Buhlbronn mit Meistergrad, und grinst breit. Seine Aufgabe: „Ich hol’ die Kämpfer gleich aus ihren Höhlen.“ Französisches Boxen unterscheidet sich sehr vom Kickboxen, doch in der Szene kennt und schätzt man sich. Papadopoulos und DMG-Chef Giuseppe De Mitri sind befreundet und haben bereits gemeinsame Aktionen gestartet. Da ist es selbstverständlich, dem anderen an so einem Abend zu helfen. Die Fight Night ist keine Kirmes-Veranstaltung, sondern hochprofessionell organisiert. Ein beleuchteter Ring, ein Ringsprecher, der der Menge einheizt, tolle Kämpfe – so etwas hat es im Rems-Murr-Kreis lange nicht gegeben.

Eine Maske der Konzentration

Die Kontrahenten kommen. Zunächst Semih Mese vom KA Trier, „In the Air tonight“ von Phil Collins plärrt aus den Boxen. Der erste Eindruck: Das wird schwer für Kurz. Mese, der ebenfalls schon Medaillen bei Weltmeisterschaften gewonnen hat, ist durchtrainiert, sein Gesicht eine Maske der Konzentration. Behände klettert er in den Ring, tänzelt und lässt sein Fransenhöschen flattern. Der Applaus ist sehr freundlich, doch Sekunden später bricht ein Beifallssturm los: Zu Bumm-Tschack-Musik betritt Johannes Kurz die Halle, begleitet von seinem Trainer und väterlichen Freund De Mitri. Der zigfache Weltmeister wirkt angespannt, sein Schützling bis zum Äußersten entschlossen. Im Ring legt Kurz den Umhang ab. Der erste Eindruck: Das wird schwer für Mese. Auch hier kein Gramm Fett, dazu wirkt der DMG-Kämpfer so selbstsicher und in sich ruhend, dass man sofort vergisst, dass er erst 16 ist.

„Nicht zurückgehen!“

Der Kampf ist angesetzt auf fünf Runden à zwei Minuten. Gong. Die Zuschauer brüllen Kurz nach vorne. Der deckt den Gegner sogleich mit Schlägen und Tritten ein. Zwar kassiert er auch ein paar Treffer, dennoch ist er überlegen. Das merkt auch Meses Trainer: „Nicht zurückgehen!“, schreit er immer wieder. Es hilft nichts, Kurz lässt die Füße an den Körper des Gegners klatschen und drängt ihn in die Seile.

Mese ist Kurz schlicht nicht gewachsen

In Runde zwei erhöht der Lokalmatador sogar noch das Tempo. Mehrmals trifft er Meses Kopf mit dem Fuß, der Gegner atmet bereits schwer. „Konzentrier’ dich!“, barmt der Coach des Trierers. Doch es liegt nicht an der Konzentration, Mese ist seinem Kontrahenten schlicht nicht gewachsen. Mit schon schlapper gewordenen Fäusten ist Kurz nicht beizukommen. Beim Gong reißt der bereits die Arme nach oben. „Jawoll!“, ruft De Mitri in der Ringecke verzückt.

Schluss nach der vierten Runde

Während der dritten Runde bemerkt ein Zuschauer etwas hämisch: „Schönes Training für Johannes, gell?“ Und auch in der vierten gibt Kurz seinem Gegner Saures. Der immerhin geht nicht k.o. Und trotzdem ist danach Schluss: Mese hat sich anscheinend eine Fußverletzung zugezogen und muss aufgeben. „Jaaaa!“, krakeelt Kurz, während er die Ringseile besteigt. Die Zuschauer brüllen sich heiser.

Erster Titel auf Profi-Ebene

Der neue Junioren-Europameister ergreift das Mikrofon: „Das ist ein sehr geiler Abend heute!“ Als die zahlreichen Händeschüttler und Kopftätschler vorbeigezogen sind, hat er Zeit für ein kleines Interview. „Es ist schon cool, auf der Profi-Ebene hier den ersten Titel zu holen“, sagt der angehende Industriemechaniker. Über einen Monat lang habe er sich auf den Kampf vorbereitet. Für De Mitri das Stichwort, ins Gespräch eingreifen: „Johannes ist immer im Training!“ Der Trainer wuschelt seinem Schützling durch die Haare. „Er liebt den Sport!“ Und weil das auch für De Mitri gilt, ist er so selig.

Mit der ersten Fight Night war der DMG-Chef sehr zufrieden. Er hätte sich nur „50 bis 100 Zuschauer“ mehr gewünscht. Doch man müsse eben klein anfangen. Vielleicht sorgt die Mundpropaganda dafür, dass sich die Halle beim nächsten Mal noch mehr füllt. Die Fight Night hätte es verdient.

Weitere DMG-Siege

In den Vorkämpfen haben weitere Kämpfer des Schorndorfer Kickbox-Centers DMG Erfolge gefeiert. Manuel Kiesel (D-Klasse bis 75 Kilogramm, Vollkontakt) und Phillip Hoffmann (C-Klasse bis 70 kg, Kampfsportart K 1) gewannen souverän nach Punkten, Danillo Russo (C-Klasse bis 70 kg, Kickboxen) knockte seinen Gegner in der ersten Runde aus.