Fußball im Rems-Murr-Kreis

Geld im Amateurfußball: So viel kostet Fußballvereine eine Saison

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Geld
Geld ist im Profifußball ein wichtiger Faktor. Doch wie sieht es im Amateursport aus? © pixabay
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Fußball
Des Deutschen beliebtester Sport: Schon viele Vereine in Baden-Württemberg hatten in der Vergangenheit Probleme mit der Steuer- oder Zollbehörde, teilt der WFV mit. © pixabay

Wenn Einzelne 2,9 Millionen Euro im Monat oder umgerechnet 35 Millionen Euro im Jahr verdienen, ist klar: Hier spielt Geld keine Rolle. Zwar sparte sich Paris St. Germain die Ablösesumme für das Aushängeschild des FC Barcelona und den mehrmaligen Weltfußballer Lionel Messi, doch sorgte sein auf den Tag runtergerechnetes Gehalt von 97 000 Euro für Aufsehen. Cristiano Ronaldo schafft es mit Gehalt und Werbedeals auf geschätzt rund 287 000 Euro am Tag. 

Eine Branche, in der Geld zu Erfolg zu führen scheint. Doch wann beginnt die Jagd aufs Geld, die Gehälter und Einnahmen?

Schon im deutschen Amateurfußball geht es nicht ganz ohne das liebe Geld zu. Wie Hochrechnungen nach Recherchen der ARD zeigen, fließen pro Monat mehr als 100 Millionen Euro in die Taschen von Amateurspielern. Pro Saison sind es mehr als eine Milliarde Euro. Davon werden mutmaßlich 500 Millionen Euro als Schwarzgeld gezahlt. Diese hochgerechneten Ergebnisse basieren auf einer Online-Befragung mit mehr als 10000 Amateurfußballerinnen und -fußballern, davon 1529 aus Baden-Württemberg.

Über Geld sprechen die wenigsten

Doch wie finanziert eine Fußballabteilung eine Saison? Woher kommt das Geld, wofür wird es ausgegeben?

Die Antworten sind ernüchternd: Von 15 angesprochenen Vereinen im Rems-Murr-Kreis hat sich gerade einmal ein Verein erklärt, Auskunft und Einblick in die finanzielle Organisation einer Fußballabteilung zu geben. Simon Hieber, Abteilungsleiter des Landesligisten TSV Schwaikheim, hat mit unserer Zeitung über die Finanzierung einer Saison gesprochen. „Jeder Verein hat seine eigene Philosophie, seinen Weg“, schickt er vorneweg. Schon die fünf Landesligisten aus dem Rems-Murr-Kreis gehen ihre Planung unterschiedlich an.

Einnahmen

„Wir sind in Sachen Sponsoren breit aufgestellt, haben Sponsorenbeträge von hundert Euro bis zum vierstelligen Betrag. Das bedeutet, dass wir nicht von Einzelnen abhängig sind.“ Einen Mäzen, einen privaten Geldgeber gibt es beim TSV nicht. Sponsorengelder machen beim TSV rund 30 Prozent des Etats der kompletten Fußballabteilung aus. Während der TSV Schwaikheim mit etwa 50 Sponsoren aus dem nahen Umfeld plant, gehen andere Vereine mit gerade einmal 15 bis 20 Sponsoren in die Saison.

Harro Höfliger oder Wohninvest sind nur zwei große Namen aus der Region, die Vereine im Kreis unterstützen. Dazu, wie viel Geld sie jährlich ins Sponsoring stecken, wollen sie keine Auskunft geben. „Da kann ich keine Angaben machen, sonst würde ich die Verschwiegenheitsklausel unserer Verträge brechen“, erklärt Jochen Röttgermann, Pressevertreter für das Fellbacher Unternehmen Wohninvest. Das geht vom kleinen Verein aus der Region bis zum Partner und von der kleinen finanziellen Unterstützung bis zur kommunikationspolitischen Maßnahme. „Meist gibt es konkrete Anfragen, bei denen wir finanziell aushelfen können.“ Höfliger unterstützt insgesamt sieben Vereine im Rems-Murr-Kreis und davon teilweise unterschiedliche Abteilungen. Markus Höfliger, Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens: „Uns ist es wichtig, langfristiger Partner der Vereine zu sein, da wir den Vereinen Planungssicherheit geben wollen. In der Vereinsarbeit werden wichtige Werte und sozialer Zusammenhalt vermittelt, was Vereinsmitglieder auch zu gefragten Bewerbern und Mitarbeitern macht.“ Höfliger schließt in diesem Zusammenhang meistens Jahresverträge ab, stellt den Vereinen aber ebenso konkrete Summen für bestimmte Anschaffungen zur Verfügung. „Wir haben dabei also keine feste Vorgehensweise, sondern unterstützen flexibel da, wo der individuelle Bedarf des Vereins liegt.“

Umfangreicher als Sponsorengelder sind für den TSV Schwaikheim die Einnahmen über den Gesamtverein, die mit rund 50 Prozent stärker ins Gewicht fallen. Ein weiterer, großer Teil sind Einnahmen bei Veranstaltungen und Spieltagseinnahmen (20 Prozent).

Ausgaben

Die Fußballabteilung beziehungsweise der Hauptverein bezahlt Übungsleiter, Minijobber, Trainer – „Natürlich alles im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten“, betont Hieber. Einen großen Batzen machen die Schiedsrichtergebühren aus. 3000 Euro pro Jahr allein in der Landesliga, überschlägt der Abteilungsleiter. Zudem kommen Passanträge, der Spielklassenbeitrag, Strafen und Verfahrens- und Verbandsgebühren. Nicht zu vergessen die Testspiele sowie die Jugenden, und die Spiele der Zweiten und Dritten Mannschaft. Hinzu kommen Trikots, Materialien für Platz und Training, Ausstattung, Getränke, und und und. Kleinigkeiten, die sich häufen. Und zwar zu einer stolzen Summe von 10 bis 15 000 Euro pro Saison.

Manche Posten müssen in der Planung nicht berücksichtigt werden, da das Sportgelände der Gemeinde gehört. „Die Gemeinde Schwaikheim tut da viel für uns und unterstützt die im Ort ansässigen Vereine.“

Spieler

Doch was ist nun mit den Spielern? Den Nachwuchs-Messis und Kreisliga-Ronaldos? Wie viel Geld wandert in deren Taschen? „Bei uns gibt es auch die vielzitierten Briefumschläge“, beginnt Hieber zu erzählen. „Das hat jedoch verwaltungstechnische Gründe.“ Geld bar auf die Kralle – gegen die Quittierung des Belegs. „Das ist immer noch einfacher, als Überweisungen durchzuführen. Wir können und wollen unseren aktiven Spielern nicht mehr als das Fahrtgeld bezahlen“, so Hieber. Ausrüstungszuschüsse kämen noch hinzu. Kein Vergleich zum immensen Messi-Gehalt. Der große Unterschied sind nicht nur Spielklasse und Leistung, sondern auch der Vertrag. In Schwaikheim sind alle Spieler Amateurspieler, keiner hat einen Amateurvertrag. Kenntlich ist dies in der Mannschaftsaufstellung. Das sieht bei einigen Vereinen in der Landesliga anders aus, wie Hieber weiß.

Laut DFB-Spielordnung (siehe § 8 Absatz 2) dürfen Amateurfußballer nicht mehr als 266 Euro pro Monat an Auslagenerstattung oder Aufwandsentschädigung bekommen, andernfalls wird ein Amateurvertrag mit Steuern und Sozialabgaben fällig. „An diese finanzielle Grenze kommen wir lange nicht“, so Hieber. Und Vertragsamateure zu finanzieren, ist auch keine leichte Aufgabe. Ein Schritt, der für den TSV nicht infrage kommt.

Doch was bei der Landesliga somit deutlich wird, ist das große finanzielle Gefälle innerhalb der 19 Vereine.

Wo beginnt Abhängigkeit?

Vertragsspieler gibt es im Bezirk Rems/Murr derzeit 63 (von verbandsweit insgesamt 816), das teilt Heiner Baumeister, Abteilungsleiter Kommunikation des Württembergischen Fußballverbands mit. „Verbandsweit zählen wir für die Oberliga 219 Vertragsspieler, Verbandsliga 152, vier Landesligen 121, Bezirksligen 54, Kreisliga A 13, Kreisliga B 1, Jugend-Nachwuchsleistungszentren 125, Futsal-Bundesliga 10.“ Spielergewinnung Schwaikheim setzt auf die eigene Jugend, darauf, dass die Spieler gerne beim Verein sind, auf Zusammenhalt und Identifikation mit dem Verein. Bei Gesprächen mit Spielern, die um Gehalt fragen, muss Hieber passen: „Spieler, die mehr Geld wollen, die kommen nicht zu uns. Das passt aber auch nicht zu unserer Philosophie.“ Jeder Spieler hat die gleichen Konditionen, so gibt es kein böses Blut. Doch wie hält man Spieler, die eine Topleistung bringen, die sportlich weiter hinaufwollen? „Das ist unser Schicksal, das wir akzeptieren müssen“, beginnt der Abteilungsleiter. „Wenn einer Angebote hat, kann man ihn kaum halten.“ Andere Vereine haben in Zusammenarbeit mit umliegenden Firmen andere Modelle geschaffen. Sie bieten Spielern Ausbildungs- und Arbeitsplätze. „Ist also eine Sportausrüstung, ein Trainingslager oder ein Praktikumsplatz nur eine Zugabe oder überlegt sich der Spieler nicht auch, wo er vielleicht etwas mehr bekommt?“, stellt Bezirksspielleiter Ralph Rolli in den Raum. „Was ist dann legitim? Der Verein sagt, natürlich zahlen wir kein Geld - aber gleicht dies durch Gegenleistungen aus.“ Aber: Wo beginnt Abhängigkeit und was ist ein guter und fairer Bonus für die Spieler? Und Rolli gibt auch selbst eine Antwort: „Sinn hat nur das Modell des SV Breuningsweiler gemacht und sich ,ausbezahlt': Beharrlich und auf lange Zeit ausgelegt, mit einem Pool von Firmen schaffte es der SVB von der Kreisliga B nach oben.“  Der Pool der Firmen und das Netzwerk unterstützen den Verein und den Spielbetrieb, viele spielen gern dort, weil sie vielleicht einen Praktikumsplatz oder eine Lehrstelle oder sogar eine Anstellung bei einem der Firmen erhalten. „Ist dies legal? Ich denke schon.“

Schwarzgeld

Doch woher kommen nun die Schwarzgeldsummen, welche die ARD anspricht? „Als Verein selbst ist es kaum möglich, Geld schwarz aus der Kasse zu bezahlen“, so Hieber. Alle Ein- und Ausgaben müssen aufs Genauste dokumentiert werden, ein Steuerberater prüft quartalsmäßig die Kasse. Trotzdem ist sich Hieber sicher, dass es dies gibt, aber der weit überwiegende Teil wirtschaftet gewissenhaft. „Wenn, dann geht es nur über externe Kanäle. Wenn einer auf dem Sportplatz sein Portemonnaie öffnet. Aber das geht ganz klar am Verein vorbei.“ Aus der Befragung des rbb wird deutlich, dass Bezahlungen auf ganz unterschiedliche Weise stattfinden können. Der mutmaßlich gängigste Weg: Bargeld im Umschlag, ausgehändigt im Vereinsheim. Doch manchmal stecken private Geldgeber den Spielern das Geld bar zu. Andere haben Scheinarbeitsverhältnisse beim Sponsor und kassieren das Geld, ohne dafür zu arbeiten. Manchmal verrechnen die Vereine auch vorher vereinbarte Prämien mit dem Kilometergeld – auch wenn der Spieler zu Fuß zum Sportplatz kommt. Einige bekommen Wohnung und Fahrzeug gestellt.

Die Wege der Bezahlung sind also sehr vielfältig. Nachzuweisen sind Geldflüsse dieser Art meistens nicht, weil offenbar in vielen Vereinen schwarze Kassen existieren.

Auf eine Presseanfrage des rbb antwortet der DFB: Die Regelungen seien „Sache der Vereine“, den Rahmen setze der Gesetzgeber. Für die 21 Landesverbände unter dem Dach des DFB sei „eine Kontrolle nicht möglich“. Grundsätzlich seien für den Dachverband Zahlungen in den unteren Ligen der „falsche Weg“. Und Baumeister ergänzt: „Einige der ambitionierten Amateurvereine in Baden-Württemberg hatten bereits mit Durchsuchungen der Steuer- beziehungsweise Zollbehörden in ihren Räumlichkeiten zu tun.“ Die Regelungen hinsichtlich des Sozial- und Steuerrechts (auch BG) seien allen Beteiligten bewusst.“

Fazit

Geld regiert die Welt – und den Fußball. Je höher die Liga, umso wichtiger werden die Finanzen. Ohne das richtige Taschengeld wird es von Liga zu Liga für die Vereine schwieriger, das Team zusammenzustellen, das die notwendigen Punkte holt. Doch all das macht ohne den so wichtigen Unterbau keinen Sinn, meint Hieber: „Vereine steigen auf, der Geldgeber fällt weg, es folgt der Abstieg und dann ist keine Jugend da, mit der man etwas Langfristiges aufbauen kann. Dieses Modell hat keine Zukunft.“ Ähnlich sieht es auch Ralph Rolli: „Eine Mannschaft kurzfristig mit Geld zu pushen, macht keinen Sinn. Die Wege sind weiter, die Einnahmen geringer.“ Bei Spielen in den unteren Ligen Höfen-Baach gegen den SV Hertmannsweiler kämen bei schönem Wetter rund 300 Zuschauer. In der Landesliga seien das oft deutlich weniger. Es braucht Vereinsphilosophien, Strategien, die nicht an einem Geldgeber hängen.

Info

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation von Zeitungsverlag Waiblingen mit Correctiv und dem rbb, der für die Recherche federführend verantwortlich war. Die Dokumentation „Milliardenspiel Amateurfußball: Wenn das Geld im Umschlag kommt“ ist auf der Themenseite zu sehen: https://www.sportschau.de/milliardenspiel.

Wenn Einzelne 2,9 Millionen Euro im Monat oder umgerechnet 35 Millionen Euro im Jahr verdienen, ist klar: Hier spielt Geld keine Rolle. Zwar sparte sich Paris St. Germain die Ablösesumme für das Aushängeschild des FC Barcelona und den mehrmaligen Weltfußballer Lionel Messi, doch sorgte sein auf den Tag runtergerechnetes Gehalt von 97 000 Euro für Aufsehen. Cristiano Ronaldo schafft es mit Gehalt und Werbedeals auf geschätzt rund 287 000 Euro am Tag. 

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