Rems-Murr-Sport

Großprojekt SC Korb gescheitert

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Der SC Korb spielt künftig in der Bezirksklasse. Trainer Jürgen Krause wechselt nach Waiblingen. © Ramona Adolf

Die Handballer des SC Korb ziehen unter anderem wegen befürchteter finanzieller Risiken die Reißleine. Nach der Saison wird die erste Frauenmannschaft, derzeit Dritter in der 3. Liga Süd, abgemeldet. Gegen den Willen des Abteilungsleiters Jörg Scheifele. Als Konsequenz ist er jetzt zurückgetreten. Die Sensation: Trainer Jürgen Krause wird gemeinsam mit Kerstin Zimmermann in der kommenden Saison den VfL Waiblingen coachen.

Nach oben zu kommen ist einfacher, als oben zu bleiben. Diese Regel hat sich einmal mehr bestätigt. So groß die Euphorie bei den Korber Fans war, so groß die Genugtuung, dem bisherigen Platzhirsch VfL Waiblingen in der Tabelle die Rücklichter zu zeigen: Immer wieder wurden Stimmen beim SC laut, die Entwicklung der Mannschaft sei zu rasant, die Abteilung hinke hinterher. Coach Jürgen Krause, der mit dem Team vor zwei Jahren den Durchmarsch von der Baden-Württemberg-Oberliga in die 3. Liga schaffte und drauf und dran ist, mit dem Team das Ergebnis der Saison 2015/16 – Platz vier – sogar noch zu toppen, teilt diese Einschätzung: „Die Strukturen drum rum sind nicht so schnell gewachsen, wie die Mannschaft stark geworden ist.“

Scheifele war überzeugt, dass auch ein Aufstieg in die 2. Liga zu stemmen sei

Der am Mittwoch vergangener Woche zurückgetretene Abteilungsleiter Jörg Scheifele hingegen war davon überzeugt, sogar einen eventuellen Aufstieg in die 2. Bundesliga mit dem SC Korb stemmen zu können. Er habe einen vorläufigen Budgetplan aufgestellt und sei von einem Etat von 180 000 Euro ausgegangen. Die mündlichen Zusagen von Sponsoren hätten ebenfalls vorgelegen. Mit dem Vorstand des Hauptvereins, der sich derzeit nicht zur Situation äußern will, habe er abgesprochen, „den bis ins Detail gefüllten Budgetplan“ schriftlich bis zum 31. Januar fertigzustellen. Um Hauptverein und Abteilung aus der finanziellen Verantwortung zu nehmen, sei von ihm auch geplant gewesen, die erste Frauen-Mannschaft in eine Spiel-GmbH auszugliedern.

"Das hätte man auch in Korb machen können"

Scheifele ist zutiefst enttäuscht vom Scheitern des Projekts: „Ich bin traurig, dass das, was ich und andere erarbeitet haben, innerhalb von zwei Wochen niedergerissen wurde.“ Er sagt zwar, er wolle keinen Konflikt schüren. Doch einen Satz zum Streit bei den Handballern des SC kann er sich nicht verkneifen: „Es gab einige Leute aus der Abteilung, die es sinnvoller gefunden haben, dass das Projekt in Waiblingen stattfindet und nicht in Korb.“ Dass der VfL über in vielen Jahren gewachsene Strukturen verfüge, insbesondere im Bereich Sponsoring, sei richtig. „Aber auch in Korb hätte man das machen können. Die Finanzen waren sicher.“

Verlust der Korber Identität und zu hohe finanzielle Risiken

Letztlich eskalierte die Situation beim SC, als bekannt wurde, dass nur sechs Spielerinnen aus dem aktuellen Drittliga-Kader auch für die kommende Saison zugesagt haben. Laut Krause werden Sarah Wachter (TV Nellingen), Sandra Staiger und Alexa Buck (beide unbekannt) den Verein verlassen, Lena Wolf und Stefanie Ege aus privaten Gründen pausieren. Ihre Karriere beenden würden Melanie Cyklarz und Petra Feucht, Jessica Krug wolle verletzungsbedingt kürzertreten. Um weiterhin eine schlagkräftige Mannschaft zu haben, hätte Korb also Spielerinnen von außerhalb verpflichten müssen. Wie zu hören ist, befürchteten manche in der Abteilung deshalb einen Verlust der Korber Identität sowie zu hohe finanzielle Risiken.

Scheifele plante Spielgemeinschaft mit dem VfL Waiblingen

Zusätzliche Brisanz bekommt der Rückzug des SC Korb durch die Tatsache, dass Scheifele noch vor Weihnachten an den VfL Waiblingen mit dem Vorschlag herangetreten war, eine Spielgemeinschaft der Frauen-Mannschaften der beiden Vereine zu bilden. „Der heutige Leistungssport lässt sich nur mit gebündelten Kräften angehen, es macht keinen Sinn, sich gegenseitig Sponsoren und Spielerinnen abzujagen“, so die Begründung des ehemaligen Abteilungsleiters. Auf ein erstes Gespräch zwischen Scheifele und dem VfL-Vorsitzenden Karsten Reichmann folgte am 8. Januar eine Sitzung, an der außer den beiden laut dem Waiblinger Nadir Arif (Sportlicher Leiter Frauen) auch er selbst und Frank Ader (stellvertretender Vorsitzender VfL) sowie die Korber Pit Fröhlich (langjähriger Spieler, Betreuer männliche B-Jugend) und Britta Küchler (Trainerin zweite Mannschaft und Physiotherapeutin des Drittliga-Teams) teilnahmen.

Gegen eine Spielgemeinschaft entschieden

Danach hätten sich die Waiblinger ernsthafte Gedanken über die Kooperation gemacht, sich aber dagegen entschieden, so Arif. „Der Hauptgrund war, dass wir vor einiger Zeit unser Projekt ,Tigers‘ mit Marketing und Maskottchen begonnen haben und diesen Weg weiterverfolgen wollen.“ Es habe aber auch ein anderes Problem gegeben: „Wir haben nicht so viele Details von Korb über die Spielgemeinschaft bekommen. Wir haben nicht geglaubt, dass in Korb alles Friede, Freude und Eierkuchen ist. Vor allem finanziell, weil wir keine Aufstellung bekommen haben.“ Diesen Einwand versteht Scheifele nicht: „Von Finanzierung war bei dem ersten Gespräch nie die Rede. Das Hauptthema waren die Trainer. Es ist die Idee entstanden, ob Krause und Zimmermann das Team nicht miteinander coachen könnten.“ Laut Scheifele hätten weitere Details in Arbeitsgruppen geklärt werden sollen.

Arif: Keine Abwerbung von Trainer und Spielerinnen aus Korb betrieben

Dazu aber ist es nicht mehr gekommen. Aufgrund des Rückzugs des Drittligateams werden die Frauen des SC künftig nur noch eine Mannschaft in der Bezirksklasse stellen. Geblieben ist die Idee des Trainerteams Krause/Zimmermann, und das wird künftig den VfL coachen. Auch Spielerinnen und Torwarttrainer Hartmut Hammer wechseln nach Waiblingen.

Arif betont, der VfL habe keine Abwerbung von Trainer und Spielerinnen aus Korb betrieben. Und Krause bestätigt, Waiblingen sei erst auf ihn zugekommen, als die Abmeldung der Mannschaft des SC bereits festgestanden hatte. Der Trainer findet es schade, dass das Korber Projekt so endet: „Wir gehen alle ungern, es war eine schöne Gemeinschaft.“ Er könne aber die Entscheidung des Vereins verstehen.

Großer Gewinner: Der VfL Waiblingen

Großer Gewinner ist der VfL Waiblingen, der eine Topmannschaft auf dem Silbertablett serviert bekommt. Arif: „Diese Konstellation spart uns zweieinhalb Jahre Aufbau im weiblichen Handball.“


Kann das gutgehen beim VfL Waiblingen? Wird es, sagen die Trainer

Damit war nie und nimmer zu rechnen gewesen: Die Trainer-Alphatiere Jürgen Krause und Kerstin Zimmermann wollen künftig als harmonisches, gleichberechtigtes Team auftreten und erstmals gemeinsam eine Handball-Mannschaft coachen. Mit dem Drittliga-Frauenteam des VfL Waiblingen soll es nur einen Weg geben: den nach oben.

Zimmermann war einst Spielerin unter Krause

Für die Bedenkenträger ist klar, dass dieses Trainerteam niemals funktionieren kann. Zimmermann und Krause beeilen sich, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die beiden kennen sich schon sehr lange, Zimmermann war sogar einst Spielerin unter Krause. Die Coaches verweisen auf ihre nahezu identische Handball-Philosophie: aus einer kompakten Defensive heraus mit viel Tempo nach vorne spielen. Ein solches Cheftrainer-Duo habe nur Vorteile, sagt Zimmermann: „Wir können zum Beispiel spezifisches Training mit Einzelspielerinnen machen. Das Projekt ist eine ganz tolle Geschichte, ich stehe absolut dahinter.“ Krause setzt noch einen drauf: „Das ist Spaß ohne Ende.“

"Ganz viel kommunizieren"

Weil aber trotzdem einer den Hut aufhaben muss, wenn Entscheidungen zu fällen sind, haben sich die Trainer laut Krause auf Folgendes geeinigt: „Ich bin auf der Bank aktiver und werde da die Kommandos geben. Aber Kerstin und ich werden auch da immer ganz viel kommunizieren.“

Auch Torwarttrainer Hartmut Hammer wechselt zum VfL

Aus Korb nach Waiblingen wechseln werden zudem einige Spielerinnen. Genaueres wollen die Trainer erst bekanntgeben, wenn Mitte Februar der Kader für die kommende Saison zusammengestellt wird. Ebenfalls vom SC zum VfL kommt der ebenso erfahrene wie kompetente Torwarttrainer Hartmut Hammer.

Laufende Saison gut zu Ende bringen

Zunächst aber gilt es für die Trainer, die laufende Drittliga-Saison gut zu Ende zu bringen. Krause will mit dem SC Korb so weit wie möglich vorne landen. Zuletzt gab’s einen überzeugenden 28:20-Heimsieg gegen das Topteam HCD Gröbenzell, den der SC damit überholte. Als Tabellendritter hat Korb jetzt nur noch einen Punkt Rückstand auf den TV Möglingen und zwei auf Tabellenführer SV Allensbach, der bereits ein Spiel mehr absolviert hat als die Konkurrenten.

VfL wird den Klassenerhalt wohl schaffen

Für den VfL Waiblingen läuft die Saison erneut unbefriedigend, um den Klassenerhalt wird er diesmal aber wohl nicht zittern müssen. Weil Korb seine Mannschaft zurückzieht, wird es nur zwei Absteiger geben, und Waiblingen hat nach dem 27:27 gegen Regensburg als Tabellenachter sieben Punkte Vorsprung auf den Vorletzten TV Brombach. „Wir dürfen aber nicht die Hände in den Schoß legen“, warnt Kerstin Zimmermann. Ziel sei es, sich gegen Brombach anders als in der Vorrunde (24:24) diesmal durchzusetzen und darüber hinaus die eine oder andere Überraschung gegen die starken Teams der Liga zu schaffen.

Strukturen fehlten

Kommentar von Mathias Schwardt

Das Scheitern des Projekts SC Korb ist sehr schade. Für den Sport im Rems-Murr-Kreis, aber vor allem für den Verein und jene, die viel Arbeit investiert haben. Nicht nur die Derbys gegen den VfL Waiblingen in der 3. Liga werden fehlen, die junge Mannschaft begeisterte mit modernem, pfeilschnellem Handball. Stattdessen wird es künftig in der Ballspielhalle nur noch Spiele in der Frauen-Bezirksklasse zu sehen geben. Die Ziele vor allem des ehemaligen Abteilungsleiters Jörg Scheifele waren zu ambitioniert für die kleine Abteilung. Die Mannschaft wurde schlicht zu gut für die Infrastruktur des Vereins. So einfach, so bitter.