Handball im Rems-Murr-Kreis

Handball-Bundesliga: So will der VfL Waiblingen die Herausforderungen stemmen

MuellerP1
Peter Müller, Vorstandsmitglied des VfL Waiblingen, geht zuversichtlich in die Erstligasaison. Eine Menge Arbeit gibt’s allerdings: Sollte der VfL den Ligaverbleib schaffen, muss er den Etat fürs zweite Jahr dringend erhöhen. © Ralph Steinemann Pressefoto

An diesem Samstag hat das Warten ein Ende: Die Handballerinnen des VfL Waiblingen erwarten um 17.30 Uhr zum Premierenspiel in der ersten Bundesliga die Sport-Union Neckarsulm. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner erzählt  Vorstandsmitglied Peter Müller, wie der VfL die sportlichen, finanziellen und logistischen Herausforderungen stemmen will – und wo der VfL Waiblingen noch Nachholbedarf hat.

Herr Müller, wie oft müssen Sie noch an das furiose Saisonfinale in der Rundsporthalle denken, bei dem der VfL mit dem 43:25-Sieg gegen Aldekerk den Aufstieg in die erste Bundesliga perfekt machte?

Das wird mir sicher ewig in Erinnerung bleiben, es war ein ganz besonderes Erlebnis. Ich sehe es aber als Paket mit dem vorletzten Spiel in Solingen, wo ich live dabei war. Das war das entscheidende Spiel. Wenn wir das nicht gewonnen hätten, wäre die Sache erledigt gewesen. Die Mannschaft hat dort ein tolles Spiel abgeliefert. Die 50 Fans, die aus Waiblingen mit dabei waren, haben so viel Stimmung gemacht wie die 300 Solinger. Es war sensationell, was die Mannschaft geleistet hat – auch im letzten Spiel, das war eine Nervenbelastung. Wir haben schließlich daheim auch gegen Harrislee verloren, und Aldekerk konnte befreit aufspielen. Unglaublich, wie die Rundsporthalle gebebt hat, wie die Mannschaft die Stimmung aufgenommen hat. Es sind ja auch reichlich Tränen geflossen. Es war der helle Wahnsinn!

Wurden in der Stunde des Triumphs Erinnerungen wach an das Team um die Nationalspielerinnen Nadine Krause und Maren Baumbach, das einst die Waiblinger Fans mit spektakulärem Tempohandball begeisterte?

Die Erinnerungen an die Mannschaft, mit der wir damals die zweite Liga gerockt haben, werde ich auch immer in meinem Kopf haben. Maren Baumbach war bei einigen Spielen auch in der Halle und unterstützt uns im Jugendcamp als Trainerin. Was den Tempohandball betrifft, ist tatsächlich eine Ähnlichkeit da zwischen dem aktuellen Team und dem um Baumbach und Krause. Das ist der Waiblinger Stil. Heute ist allerdings mehr Athletik im Spiel.

Mit der ersten Liga hatten Sie sich, sozusagen vorsorglich, schon länger beschäftigt. Sie mussten einen Lizenzantrag stellen. Der Lizenzierungsausschuss der HBF erteilte sämtlichen Antragstellern der ersten und zweiten Bundesliga die Lizenz - nicht allen indes ohne Auflagen. So bekommt der VfL für seine Heimspiele in der Rundsporthalle eine Ausnahmegenehmigung. Welche Voraussetzungen erfüllt die alte Dame denn nicht?

Zunächst einmal muss der Beirat entscheiden und nicht der Gesamtvorstand, ob zusätzlich zur zweiten Liga auch ein Antrag für die erste Liga gestellt wird. Wobei der Vorstand dem Beirat angehört. Ich bin froh, dass der Beirat zugestimmt hat. In ein paar Punkten ist die Rundsporthalle nicht erstligareif, da geht’s aber hauptsächlich um ein paar technische Dinge. Die HBF wünscht sich beispielsweise mehr Fernsehübertragungen, da muss einiges angepasst werden. Vor allem optisch. Die Hallen sollen künftig ein einheitliches Bild abgeben. Das ist auch in Ordnung, es ist aber alles machbar. Ein Problem allerdings gibt’s.

Und zwar?

Bis zur Saison 2024/25 brauchen wir auch auf der Gegenseite eine Tribüne.

Wie soll das in der Rundsporthalle funktionieren?

Denkbar wäre, einen Extraboden zu legen – wie das in der Porsche-Arena gemacht wird. Dann könnten wir das Spielfeld ein wenig in Richtung der bestehenden Tribüne rücken und hätten auf der gegenüberliegenden Seite Platz für eine kleine Tribüne. Das würden wir, unter Berücksichtigung des Mindestabstands, hinkriegen. Solange die Vorgabe nicht lautet, dass auf der angebauten Tribüne 500 Leute Platz finden müssen. Thüringen beispielsweise macht das schon so. Natürlich würde die ganze Geschichte Geld kosten, aber ein größerer Umbau wäre nicht nötig. Zum Glück haben wir noch Zeit, die Ausnahmeregelung gilt für zwei Spielzeiten. Wir müssen uns diesbezüglich trotzdem jetzt schon bewegen.

Das hört sich so an, als spiele der VfL nicht mit dem Gedanken, seine Heimspiele in der Nachbarschaft auszutragen. Etwa in der Stuttgarter Scharrena.

Zunächst einmal will der VfL unbedingt in Waiblingen bleiben. Vorstandssprecher Rolf Martin Klingler und ich hatten schon ein Gespräch mit den Verantwortlichen der Scharrena. Dadurch, dass die Halle mit den Bundesliga-Volleyballerinnen der Allianz MTV Stuttgart sehr stark belegt ist und teilweise auch mit dem TVB, wird das terminlich schwierig. Probleme gibt’s nicht nur, Spieltermine zu finden. Man muss ja auch mindestens einmal dort trainieren vor einem Spiel. Ich habe mir sagen lassen, die Volleyballerinnen haben bis zu 14 Einheiten in der Woche. Da ist die Halle ausgelastet. Waiblingen bleibt unsere Priorität – es sei denn, die HBF schreibt vor, dass 2000 Zuschauer in die Halle passen müssen. Dann hätten wir in der Rundsporthalle ein Problem.

Wie viele Zuschauer sind aktuell in der Rundsporthalle zugelassen?

Ohne unsere aktuelle Zusatztribüne, die ich sehr gut finde, sind’s 700. Mit vielleicht 900. Auf der anderen Spielfeldseite würden noch mal 100 bis 150 dazukommen.

Jetzt gilt’s aber zunächst, die Rundsporthalle für die kommende Saison erstligatauglich zu machen. Welche Arbeiten stehen da an?

Gar nicht so viele. Ich finde, den Eingangsbereich und die Cafeteria könnten wir ein bisschen einladender und freundlicher gestalten. Neu wird sein, da sind wir gerade dabei, dass unser neuer Marketingvorstand Holger Zoller künftig das Ticketing auch übers Internet anbieten wird.

Die sportliche Herausforderung in der ersten Liga ist groß, es dürften aber auch deutlich höhere Kosten anfallen.

Die Kosten werden sicher höher sein – wobei wir in der ersten Liga weniger Reisekosten haben werden. Harrislee bei Flensburg und Berlin fallen weg, da wären wir zusammen bei etwa 10.000 Euro gewesen. Oldenburg wird unsere weiteste Fahrt sein.

Um Übernachtungen wird der VfL aber wohl trotzdem nicht herumkommen.

Nach Oldenburg oder Buxtehude werden wir einen Tag vorher anreisen. Sollte es am Schluss der Saison um die Wurst gehen, werden wir auch in Halle und Zwickau übernachten. Leverkusen oder Dortmund sind grenzwertig. Weil wir keine Profis im Kader haben, muss die Hälfte der Spielerinnen Urlaub nehmen. Deshalb müssen wir uns zweimal überlegen, ob wir freitags mit dem Bus losfahren. Andererseits müssen wir auch schauen, wenn wir im Winter spielen, dass wir nicht samstags irgendwo auf der Autobahn stecken bleiben. Das können wir uns nicht leisten, wir müssen jedes Prozent ausnützen, das einen Vorteil für uns bringt.

Ist der VfL insgesamt finanziell gut aufgestellt?

Finanziell sind wir ordentlich aufgestellt, haben aber noch Luft nach oben. Unser Etat wird sich unwesentlich erhöhen. Ich denke, wir werden im unteren Viertel der Erstligisten stehen. Unser Vorteil ist, dass wir überraschend aufgestiegen sind. Das heißt, wir haben keine überteuerten Verträge mit den Spielerinnen.

Erst kürzlich haben die Libermenta-Kliniken den Sponsorenvertrag erweitert. Gehen auch die anderen Sponsoren den Weg in die erste Liga mit und legen ein paar Euro dazu?

Fast alle Sponsoren begleiten uns. Es gibt etwa noch ein halbes Dutzend Wackelkandidaten. Darunter sind aber keine ganz Großen. Doch was die Erhöhung der Beträge betrifft, ist noch Luft nach oben. Die Tür ist weit offen. Natürlich ist aktuell die wirtschaftliche Lage nicht so gut, das müssen wir auch sehen. Wir freuen uns, dass wir neue Sponsoren hinzugewonnen haben. Zum Beispiel die Firma Armaturen Proksch, da gibt es ja einen besonderen Bezug zum VfL. Die beiden Prokuristinnen haben in Waiblingen Handball gespielt.

Sollte der VfL den Ligaverbleib schaffen, dürfte der aktuelle Etat wohl kaum für eine zweite Saison reichen.

Nein. Es werden Anfragen von anderen Vereinen an unsere Spielerinnen kommen. Und da werden wir nicht mehr mithalten können bei den Aufwandsentschädigungen, die wir aktuell zahlen. Da müssen wir einfach nachlegen.

Wie schwierig ist es, überregionale Sponsoren zu gewinnen angesichts der württembergischen Konkurrenz? Neckarsulm, Metzingen und Bietigheim spielen in der ersten Liga, Göppingen, Nürtingen, Herrenberg und Schozach in der zweiten Liga.

Schwierig. Das wäre mein Wunschdenken. Neckarsulm beispielsweise hat Lidl, das ist schon eine Hausnummer. Wenn Aldi uns unterstützen möchte, würde ich nicht ablehnen. Es gibt Unternehmen, die speziell den Frauensport unterstützen. Das ist ein bisschen der Trend. Vielleicht ist da was für uns drin. Sicher ist, dass wir es mittelfristig in diesen Sphären nicht hinbekommen werden ausschließlich mit lokalen Sponsoren.

Mit dem TVB Stuttgart und dem VfL hat die Stadt Waiblingen nun zwei Erstligisten. Ist der TVB bei der Sponsorengewinnung ein Konkurrent für den VfL?

Egal, wie man zum TVB stehen mag: Er macht Werbung für den Handballsport – und damit auch für uns. Wir ziehen sozusagen an einem Strick. Vielleicht zeigt ein TVB-Sponsor auch mal Interesse am Frauenhandball. So könnte er Waiblingen komplett abdecken. Mir ist auch klar, dass wir nicht so viel abbekommen werden wie der TVB. Aber ein Stück des Kuchens wäre schön.

Nehmen sich die beiden Clubs eventuell Zuschauer weg?

Wenn sich die Heimspiele überschneiden oder zeitnah stattfinden, dann vielleicht schon. Wenn jemand beispielsweise beim TVB eine Dauerkarte hat und der THW Kiel kommt und in Waiblingen spielt Bad Wildungen, dann wird sich der Fan wahrscheinlich für Kiel entscheiden. Zum Glück gibt es nur ein- bis zweimal im Jahr terminliche Überschneidungen. Immer noch ein bisschen Probleme haben wir mit unseren Samstagabend-Spielterminen, wenn der VfB Stuttgart ein Heimspiel hat. Einige aus unserem Freundeskreis haben eine Dauerkarte. Und da kann’s eng werden, dass sie um 18 oder 18.30 Uhr in Waiblingen sind.

Ein großer Erfolg war der Tag des Handballs in der Rundsporthalle, an dem die Fans das Paket TVB/VfL geboten bekamen. Sind weitere gemeinsame Aktionen geplant, vielleicht sogar ein Doppelspieltag in der Porsche-Arena?

Der Tag des Handballs war auf jeden Fall ein Erfolg. Da könnten wir uns schon überlegen, so etwas in einer ähnlichen Form einmal im Jahr zu wiederholen. Ein Doppelspieltag wäre theoretisch möglich, praktisch ist allerdings nichts geplant. Wir hatten schon einmal einen Doppelspieltag. Nur war’s so, dass die Porsche-Arena bei unserem Spiel maximal zur Hälfte voll war. Das war für die Spielerinnen ein bisschen deprimierend. Man muss die Fans andererseits auch verstehen, sie sitzen bei einem Doppelspieltag lange in der Halle.

Gerade gegen Ende der vergangenen Saison war die Rundsporthalle gut gefüllt. Mit wie vielen Zuschauern rechnen Sie im Schnitt in der ersten Liga?

Wir hatten in der vergangenen Saison etwa 400 Zuschauer im Schnitt. Wir gehen davon aus, dass wir in der ersten Liga rund 500 haben werden. Damit wären wir jedenfalls sehr zufrieden. Wieder anbieten werden wir unseren erfolgreichen Livestream, für den mein Stellvertreter Rainer Bay weiter verantwortlich sein wird.

Wie wichtig ist es für die Fans, dass im Kader noch Spielerinnen aus der Region vertreten sind? Aktuell halten Vanessa Nagler und Caren Hammer die Rems-Murr-Fahne hoch.

Spielerinnen aus der Region für die erste Liga zu bekommen, ist natürlich sehr schwierig. Einige unserer Spielerinnen wohnen im Rems-Murr-Kreis, den wir aber etwas weiter fassen sollten. Matilda Ehlert kommt aus Großbottwar, ihre Mutter Michaela Schurr spielte übrigens einst auch beim VfL. Magdalena Probst kommt aus Bietigheim. Ich denke, es gibt schon eine räumliche Nähe. Das haben wir auch bei den Freundschaftsspielen gemerkt. Es waren viele Bekannte und Freunde in der Halle.

Der Rems-Murr-Kreis, auch der VfL Waiblingen, hat in der Nachwuchsarbeit, vorsichtig ausgedrückt, schon bessere Zeiten gesehen. Was ist das Problem?

Wir wissen, dass wir in diesem Bereich Gas geben müssen. Deswegen haben wir kürzlich auch einen Vorstand Jugend gewählt. Zum letzten Mal richtig erfolgreich waren wir 2001, als wir zum letzten Mal mit der weiblichen A-Jugend Süddeutscher Meister wurden.

Die Funktionäre beim VfL engagieren sich ehrenamtlich. Muss der VfL Waiblingen, wenn er sich langfristig in der ersten Liga etablieren will, nicht umdenken und den einen oder anderen Hauptamtlichen einstellen?

Ein deutliches Ja. Soweit mir bekannt ist, sind wir die Einzigen in der ersten Liga, die den Betrieb hauptsächlich ehrenamtlich durchziehen. Ganz klar: Es muss kurz- bis mittelfristig etwas passieren bei uns. Der Beirat und Vorstand machen sich Gedanken. Mein Wunsch wäre, dass man eventuell eine Spielerin, die in diesem Bereich studiert hat, auf Stundenbasis einsetzt.

Um einen Saisontipp kommen Sie am Ende nicht herum. Wie viele Konkurrenten wird der VfL hinter sich lassen?

Wir möchten mindestens Drittletzter werden. Damit steigen wir nicht direkt ab und spielen keine Relegation. Die ist immer speziell, da kann alles passieren. Dieses Risiko sollten und wollen wir nicht eingehen.

An diesem Samstag hat das Warten ein Ende: Die Handballerinnen des VfL Waiblingen erwarten um 17.30 Uhr zum Premierenspiel in der ersten Bundesliga die Sport-Union Neckarsulm. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner erzählt  Vorstandsmitglied Peter Müller, wie der VfL die sportlichen, finanziellen und logistischen Herausforderungen stemmen will – und wo der VfL Waiblingen noch Nachholbedarf hat.

Herr Müller, wie oft müssen Sie noch an das

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper