Handball im Rems-Murr-Kreis

Handball-Nationaltrainer Gaugisch traut dem VfL Waiblingen den Klassenerhalt zu

Handball European League SG BBM Bietigheim vs. Les Neptunes de Nantes
Der Handball-Trainer Markus Gaugisch steht vor einem stressigen Jahr, hat er doch eine Doppelrolle auszufüllen. Mit der SG BBM Bietigheim möchte er alle drei nationalen Titel verteidigen und in der Champions League weit kommen. Seit einem halben Jahr ist der 48-Jährige zudem für die Frauen-Nationalmannschaft zuständig. © Alexander Keppler

Die Handballerinnen der SG BBM Bietigheim sind das Maß aller Dinge gewesen in der vergangenen Saison. Nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft, des DHB-Pokals, Supercups und der European League will die SG jetzt in der Champions League angreifen. In der Bundesliga gilt die SG auch in der kommenden Spielzeit als nahezu unbezwingbar. Das 36:15 in Zwickau zum Saisonauftakt war der 55. Sieg hintereinander. Vor dem württembergischen Derby an diesem Mittwoch (19 Uhr/Sporthalle am Viadukt) gegen den Aufsteiger VfL Waiblingen spricht der SG-Trainer Markus Gaugisch (48) im Interview mit Thomas Wagner über seine spezielle Beziehung zum VfL Waiblingen, seine Doppelrolle als Trainer der Frauen-Nationalmannschaft und über die Zukunft des Frauenhandballs.

Herr Gaugisch, die Konkurrenz in der ersten Bundesliga scheint schon zu Beginn der Saison die weiße Flagge zu hissen: Alle sehen die SG BBM Bietigheim als Meister. Sie auch?

Wir haben in der vergangenen Saison alle Spiele gewonnen, im Schnitt mit 13 Toren Differenz. Wenn ich jetzt sage, hoffentlich landen wir in der kommenden Spielzeit vorne, dann nimmt mir das doch keiner ab. In Bietigheim wird erwartet, dass wir national um alle Titel mitspielen und die möglichst auch holen. Wenn wir als klarer Favorit gesehen werden, dann ist das in gewisser Weise auch eine Auszeichnung. Ich bin lieber Top-Favorit als Mitläufer.

Haben Sie eine Erklärung für die große Dominanz der SG BBM?

Wir haben sicherlich den Kader mit der besten Qualität, auch in der Breite. Wir haben nur Nationalspielerinnen oder ehemalige Nationalspielerinnen. Annika Meyer ist die einzige Spielerin, die im aktiven Bereich noch keine Länderspiele vorweisen kann. Und selbst sie ist in der Bundesliga in den vergangenen Jahren eine Top-Spielern gewesen. Karo Kudlacz ist in Polen eine Legende, sie hat wie Kim Naidzinavicius eine dreistellige Zahl von Länderspielen auf dem Buckel. Was die individuelle Qualität angeht, sind wir den anderen Mannschaften sicherlich voraus.

Andere Mannschaften sind individuell auch stark besetzt, aber vergleichsweise weniger erfolgreich. Was muss noch hinzukommen?

Du musst aus dieser individuellen Qualität auf dem Papier eine Mannschaft formen und zudem eine Spielidee verfolgen. Das haben wir in der vergangenen Saison super hinbekommen. Es war ein großes Verdienst der Spielerinnen, dass sie gewisse Dinge akzeptiert haben. In jeder anderen Mannschaft würden meine Spielerinnen den überwiegenden Teil des Spiels auf dem Platz stehen. Bei uns ist das nicht immer der Fall. Da bekommt auch eine Arrivierte mal nur zehn Minuten. Trotzdem stellt jede Spielerin ihr Ego hinten an, akzeptiert die Situation – und sieht, dass der Gesamterfolg auch dadurch zustande kommt, dass wir eine gute Breite haben.

Ihre Bescheidenheit in Ehren. Braucht’s nicht auch einen Trainer, der dieses Spiel klug steuert?

Wir kannten im Voraus die Situation und haben diese Dinge früh angesprochen. Am besten geht man solche Themen offen an. Dann weiß jeder Bescheid und keiner geht blauäugig an die Sache ran, merkt plötzlich, hoppla, jetzt habe ich nur fünf Minuten – und macht gefrustet im Training vielleicht weniger. Das war und ist überhaupt nicht der Fall. Wir trainieren mit einer hohen Intensität. Das zeigt, dass dieser Konkurrenzgedanke anspornt, aber stets in positive Energie umgewandelt wird. Die Spielerinnen sind untereinander fein, gehen gut miteinander um. Wenn sie mit mir stinkig sind, muss ich das aushalten. Das ist die Rolle des Trainers, die muss ich in dem Beruf akzeptieren. Das Wichtigste ist der gegenseitige Respekt, der in jeder Situation herrschen muss. So entsteht ein guter Teamspirit und man ist erfolgreich.

Würde der Trainer nicht etwas falsch machen, wenn er bei allen Spielerinnen gleich beliebt wäre?

Was heißt beliebt? Ich muss harte Entscheidungen treffen, aber immer im Dienst der Sache und mit dem Ziel, das Beste für den Verein herauszuholen. Jeder, der in diesem Profizirkel unterwegs ist, der weiß, dass Dinge Konsequenzen haben können und dass Verträge und Spielzeiten von Leistungen abhängig sind. Natürlich ist mir auch klar, dass ich am Ende auch für Arbeitsplätze zuständig bin. Aber da verhalten sich die Mädels klasse. Ich kann immer wieder nur betonen, dass wir eine tolle Arbeitsatmosphäre haben und respektvoll miteinander umgehen.

An der Qualität Ihres Kaders gibt’s keinerlei Zweifel. Reichen aber 13 Feldspielerinnen, um der großen Belastung durch die internationalen Einsätze standzuhalten?

Das kann sicherlich ein Knackpunkt in dieser Spielzeit sein. Vorige Saison hatten wir zu Beginn mit Nele Reimer und Stine Jörgensen zwei Spielerinnen von hoher Qualität mehr und mit Lieke van der Linden ein Back-up im Tor. Wir hoffen, dass wir mit diesem Kader auskommen. Normalerweise hätten wir ja zwei Spielerinnen mehr im Kader. Aber da ist die hohe Qualität meines Trainerkollegen Thomas Zeitz dazwischengekommen

Inwiefern?

Wir haben unsere jungen Spielerinnen Matilda Ehlert und Magdalena Probst an den VfL abgegeben. Ich hatte früh zusammen mit Thomas eine Idee entwickelt. In der zweiten Liga hätten die beiden, per Zweitspielrecht, in Waiblingen Spielpraxis sammeln können. Das wäre eine super Situation für alle gewesen. Durch den Aufstieg des VfL haben wir nicht mehr die Möglichkeit, auf Mati und Magda zuzugreifen. Für Waiblingen ist das jetzt überragend, für uns nicht optimal.

Sie hätten doch nach dem Aufstieg des VfL zurückrudern und die beiden doch im Kader behalten können.

Sicherlich wären wir dadurch ein bisschen breiter aufgestellt und die Mädels hätten im Training von der hohen Kaderqualität profitieren können. Die Situation wäre den Spielerinnen aber nicht gerecht geworden. Und die beiden wären auch nicht richtig beraten gewesen, wenn wir das so geregelt hätten. Sie haben jetzt ein Umfeld, in dem sie optimal trainieren können. Und sie brauchen Spielzeit, um in der ersten Liga top zu sein. Deshalb sind sie in Waiblingen und bei diesem tollen Trainer super aufgehoben, der sich um die beiden kümmert und mit ihnen individuell arbeitet.

Sehen die Spielerinnen und das Umfeld das auch so?

Ich denke schon. Die Eltern und Nationaltrainer waren von der ersten Minute an involviert. Wenn ich mir jetzt mal den anderen Hut aufziehe: So stelle ich mir eine Kooperation und Zusammenarbeit für junge Spielerinnen vor.

Wie überraschend kam für Sie der Aufstieg des VfL Waiblingen?

FA Göppingen war für mich der erste Favorit, weil es den erfahreneren Kader und mit Nico Kiener auch einen guten Trainer hatte. Waiblingen hat sich in einen Rausch gespielt. Und wer so wenige Minuspunkte hat, der steigt absolut verdient auf. So richtig auf der Rechnung hatte ich Waiblingen nicht.

Wie schätzen Sie die Chancen des VfL auf den Ligaverbleib ein?

Als Aufsteiger musst du diese Euphorie zunächst nutzen, die bringt dir sicherlich ein paar Prozent und ein paar Punkte zu Hause, wenn die Halle voll ist und die Begeisterung die Mädels noch mal trägt. Sie müssen sich schnell an die körperliche Spielweise in der ersten Liga gewöhnen. Ich denke, wenn das Team gut zusammenarbeitet und sein Spiel durchziehen kann, dann hat es auf jeden Fall Chancen, in der Liga zu bleiben. Die Spielerinnen müssen einfach den Kopf oben lassen und alles aus sich herausholen, auch wenn es mal schmerzhafte Erfahrungen gibt.

Immer wieder wird bemängelt, dass der Frauenhandball nicht den Stellenwert hat, den er verdient. Wo klemmt’s? Fehlt’s an der Professionalität der Vereine? Muss die Handball-Bundesliga der Frauen mehr machen?

Ich denke, grundsätzlich muss sich da etwas tun. Die Strukturen müssen weiter professionalisiert werden. Natürlich weiß ich auch, dass das wahnsinnig viel Energie und auch Geld kostet. Das Finanzielle ist leider die Grundvoraussetzung für die Professionalisierung. Als Trainer der SG BBM Bietigheim wird mir immer gesagt, dass dies für uns kein Problem darstellen würde. Ganz so leicht ist das allerdings auch wieder nicht. Auch Bietigheim muss sich zum Beispiel mit den Hallenstandards auseinandersetzen. Zudem war ich auch schon mal auf der anderen Seite, beim kleinen TV Neuhausen/Erms. Zur Saison 2011/2012 kam die eingleisige zweite Liga bei den Männern, und die war für kleine Vereine unfassbar schwierig zu erreichen. Es gab erweiterte Hallenstandards, die Reisekosten explodierten und für viele Vereine begann ein steiniger Weg aus dem Amateur- in den Profisport. Ähnlich geht das jetzt den Vereinen im weiblichen Bereich. Doch wenn ich jetzt schaue, wie sich die Qualität in der zweiten Männer-Bundesliga verbessert hat, dann war das der richtige Schritt. Die Vereine dort sind deutlich professioneller geworden. Natürlich schaffen nicht alle diesen Schritt, aber die Vereine sollten es versuchen, sich Gedanken machen und nach vorne schauen. Das Gesamtprodukt HBF wird mit den Vereinen, die diesen Schritt vollziehen und diesen Weg weitergehen können und wollen, eine höhere Qualität haben.

Sind andere Nationen da weiter?

Wenn ich Spiele aus der dänischen oder der französischen Liga sehe, fallen sofort die einheitlichen Bedingungen auf. Jede Halle hat einen einheitlichen Boden und die Kommentatoren sind geschult. Jede Übertragung ist professionell und etliche Spiele werden im TV angeboten. Bei unseren Übertragungen sind sehr oft sämtliche Linien aller Sportarten auf dem Spielfeld abgebildet. Für Zuschauer, die nicht aus dem Handball kommen, ist das wenig attraktiv und die Wahrscheinlichkeit, dass zufällig jemand hängenbleibt, ist gering. So bleiben wir in unserem derzeitigen Zirkel stecken und das Produkt verbreitet sich kaum.

Die Rahmenbedingungen müssten sich aber auch für die Spielerinnen ändern.

Klar. Du kannst als Profi mehr trainieren und dazwischen länger regenerieren, damit die Leistung besser wird. Wenn man zu den Trainingseinheiten noch 30 bis 40 Stunden in der Woche arbeiten muss, ist eine Leistungsentwicklung kaum möglich. Trainingsumfang und Qualität sind nun mal die wichtigsten Elemente des Leistungssports.

Die HBF hat sich ein paar Gedanken gemacht. Sie fordert in den nächsten Jahren zwei gegenüberliegende Tribünen in den Hallen und mindestens eine Zuschauerkapazität von 1500, ein Mindestbudget von 500 000 Euro und will die Liga von 14 auf zwölf Mannschaften reduzieren. Gehen Sie da mit?

Ich weiß, dass sich die Vereine extrem strecken müssen, um diese Vorgaben umzusetzen. Aber ich glaube, wir kommen nur voran, wenn sich etwas in diese Richtung entwickelt. Wir kriegen das Gesamtprodukt nur besser platziert und wir werden in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen, wenn wir in diesem Bereich etwas tun. Wichtig ist, dass man beide Seiten kennt und gemeinsam Wege findet, die Aufgaben anzugehen. Ich habe in den letzten Wochen einige Gespräche geführt und gesehen, dass sich Vereine zielführende und innovative Gedanken machen, um diese Schritte zur Professionalisierung zu gehen.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen hatte bei der EM sehr gute Einschaltquoten. Es schauten Leute zu, die ansonsten nicht viel mit Frauenfußball anzufangen wussten. Macht das Mut?

Das war klasse. Wenn etwas den richtigen Rahmen hat, wird es auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Die Frage ist jetzt, wie man diesen Hype in die Stadien und den Bundesliga-Alltag transportiert. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht. Natürlich hat der DFB ein höheres Budget. Wir müssen da Schritt für Schritt ran, sonst bleiben wir ewig unter dem Schirm. Und das wäre schade für ein so attraktives Produkt wie den Frauenhandball.

Sie selbst können auch dazu beitragen, dass der Frauenhandball mehr in den Fokus gerät. Nicht nur als Trainer der SG BBM Bietigheim, Sie sind auch noch für die Frauen-Nationalmannschaft zuständig. Behalten Sie in Ihrer Doppelrolle eigentlich noch den Überblick?

Ich bin mir sicher, dass ich beiden Jobs gerecht werde. Aber natürlich weiß ich auch, dass ich in diesem Jahr ein dickes Brett zu bohren habe. Ich habe mich für ein Jahr von der Freizeit verabschiedet. Ein Vorteil der Doppelrolle sind die vielen Überschneidungen. In den Vorbereitungen auf die Champions League und die Bundesliga sehe ich alle Kandidatinnen für die Nationalmannschaft wöchentlich. Zudem bin ich jede Woche in den Bundesligahallen unterwegs, sehe die Spielerinnen und spreche mit den Trainern. Ich bin sehr nah dran an allen Baustellen.

Was sagt Ihre Familie, wenn Sie ständig auf Wanderschaft sind?

Die steckt zurück, würde sich aber sicherlich wünschen, dass ich mehr zu Hause bin. Und dann auch klarer im Kopf und nicht schon wieder bei irgendeinem Video. Aber ich habe jetzt zwei tolle Jobs und ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Ich bin sehr dankbar, dass ich von zu Hause so viel Rückendeckung habe. Wenn ich Dinge im Haushalt vergesse, dann wird das auch mal abgenickt und akzeptiert. Ich tue mein Bestes.

Die Handballerinnen der SG BBM Bietigheim sind das Maß aller Dinge gewesen in der vergangenen Saison. Nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft, des DHB-Pokals, Supercups und der European League will die SG jetzt in der Champions League angreifen. In der Bundesliga gilt die SG auch in der kommenden Spielzeit als nahezu unbezwingbar. Das 36:15 in Zwickau zum Saisonauftakt war der 55. Sieg hintereinander. Vor dem württembergischen Derby an diesem Mittwoch (19 Uhr/Sporthalle am Viadukt) gegen

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper