Handball in Rems-Murr

Handball: Saisonaus auch von der Oberliga abwärts

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Während Olivia Restivo (am Ball) und die SV Hohenacker-Neustadt den Aufstieg in die Oberliga feiern dürfen, muss die SV Remshalden (rechts Lena Autenrieth, links Ellen Görke) noch bis Mitte Mai um den Klassenverbleib bangen. © Ralph Steinemann

Erst zog sich die Entscheidungsfindung hin wie ein Kaugummi, dann ging alles blitzschnell: Der Handball-Verband Württemberg (HVW) hat am Mittwoch (22.04.) verkündet, die Saison nicht fortzuführen. Verschleiert wird in der Presseerklärung, dass es Absteiger geben wird. Runter aus der Württembergliga in die neue Verbandsliga müssen auch Teams aus dem Rems-Murr-Kreis.

So werden die Tabellen berechnet

Eigentlich hatte HVW-Geschäftsstellenleiter Thomas Dieterich erst am Donnerstag mit dem endgültigen Saisonabbruch gerechnet. Doch als Handball-Bundesliga und Deutscher Handball-Bund vorlegten, waren die Landesverbände im Zugzwang. Bei der Berechnung der Tabellen gibt es keine Überraschung. Zur Anwendung kommt die sogenannte norwegische Quotientenregelung. Die Pluspunkte der Teams werden durch die jeweilige Anzahl der Spiele geteilt. Weisen mehrere Mannschaften denselben Quotienten auf, zählt der direkte Vergleich. Kann dieser nicht berechnet werden, weil sie nur einmal gegeneinander gespielt haben, steht das Team mit der besseren Tordifferenz vorne.

Wie ebenfalls schon bekannt gewesen, zieht der HVW trotz Corona seine Ligenreform durch. Zwischen Württemberg- und Landesliga wird es von kommender Saison an eine neue zweigleisige Verbandsliga geben. Die muss nun mit Mannschaften gefüllt werden. Und das passt nicht zur Vorgabe des Deutschen Handball-Bundes, in der abgebrochenen Saison nur Aufsteiger und keine Absteiger zuzulassen. In der Pressemitteilung flüchtet sich der HVW deshalb in Schwurbelei: „Wenn alle Mannschaftsmeldungen auf Verbandsebene [...] vorliegen, wird es eine neue Einklassifizierung aller Mannschaften in die neue ab 01.07.2020 gültige Spielklassenstruktur auf Verbandsebene geben. Dabei werden die Abschlusstabellen der Saison 2019/2020 herangezogen.“ Übersetzt: Viele Württembergligisten aus der zweiten Tabellenhälfte werden in die Verbandsliga eingruppiert und steigen somit ab. Sicher treffen wird es die Männer der SG Weinstadt und SV Remshalden.

Für Letztere ist es der zweite Abstieg in Folge. Und es könnte noch schlimmer kommen für den Verein: Gefährdet ist als Tabellensiebter auch die Frauenmannschaft der SVR. Sollten in den Ligen darüber Teams freiwillig absteigen oder auf den Aufstieg verzichten, müssten noch mehr Württembergligisten den Weg nach unten antreten. Die Remshaldener Trainerin Silke Zindorf findet das Vorgehen des HVW sehr unglücklich: „Erst wird gesagt, es gibt keine Absteiger, aber dann gibt es doch welche.“ Um das zu vermeiden, „hätte ich die Einführung der Verbandsliga für ein Jahr ausgesetzt“. So aber müssen die Remshaldenerinnen zittern bis zum 15. Mai. Dann erst endet die Meldefrist für Vereine.

Auch die Schwaikheimer zittern

Ebenfalls noch erwischen könnte es die Männer der SF Schwaikheim als Achter in der Württembergliga Nord. „Wenn es so sein wird, waren wir eben nicht gut genug“, sagt Coach Heiko Burmeister pragmatisch. Allerdings könne er es sich nicht vorstellen, dass Mannschaften freiwillig absteigen. Denn was die finanzielle Belastung für Vereine angeht, sei kein großer Unterschied zwischen der BW-Oberliga und der Württembergliga. Auch die Sportfreunde wüssten gerne bald, in welcher Spielklasse sie künftig antreten werden. Burmeister kritisiert, der endgültige Saisonabbruch sei zu spät erfolgt: „Das hätte man vor 14 Tagen schon machen können.“ Die Anwendung der Quotientenregel findet der Trainer dagegen richtig. Zwar sei sie nicht für jeden fair. „Aber es gibt keine bessere Lösung.“ Jedenfalls nicht „für 90 Prozent der Mannschaften“.

Zu diesen gehören die Männer des TV Bittenfeld II. Sie waren in der BW-Oberliga abstiegsgefährdet, nun ist die Gefahr gebannt. „Wir hätten das aber auch aus eigener Kraft hinbekommen“, sagt Coach Thomas Randi. Die Anwendung der Quotientenregel hält er nicht für besser oder schlechter als andere Verfahren. „Egal, was ich nehme, es gibt Gewinner und Verlierer.“ Jubeln dürfen die Frauen der SV Hohenacker-Neustadt. Sie steigen verdient als Württembergliga-Staffelsieger in die BW-Oberliga auf. Coach Frank Gehrmann, der die SV erst zu Saisonbeginn übernahm, hat es schon mehrfach gesagt: „Den Aufstieg nehmen wir gerne mit.“

Ein Leidtragender der Quotientenregel ist dagegen momentan der VfL Waiblingen. Zwar ist er aufgrund der besseren Tordifferenz wieder am punktgleichen TSV Alfdorf/Lorch vorbeigezogen. Er findet sich aber nur auf dem zweiten Tabellenplatz wieder – weil der TSV Schmiden, nach Minuspunkten ebenfalls gleichauf, ein Spiel mehr absolviert hat. Er steht deshalb als Aufsteiger in die Baden-Württemberg-Oberliga fest. Besser gesagt: vorläufig fest.

Seit Monaten läuft ein Sportrechtsstreit zwischen dem TSV und den Waiblingern. Nach der 24:26-Niederlage zum Saisonauftakt in Schmiden hatte der VfL Protest wegen einer falschen Spielfortführung eingelegt. Das Verbandssportgericht entschied zugunsten der Waiblinger, woraufhin das Team die neu angesetzte Partie gewann. Doch kurz vor dem Saisonabbruch Mitte März hatte auch die Berufung der Schmidener Erfolg. Das Verbandsgericht stellte das alte Hinspielergebnis wieder her, und der TSV kletterte auf Rang eins.

VfL Waiblingen kämpft vor Gericht

Zu Beginn dieser Woche nun hat der VfL zum wohl letzten Mittel, der Revision gegriffen. „Wir gehen davon aus, dass wir vor dem Bundessportgericht sehr gute Chancen haben“, betont das für den Männerbereich zuständige Vorstandsmitglied Frank Ader. Keine Frage: Der Aufstieg für den VfL, der den direkten Vergleich gegen Schmiden gewonnen hat, wäre verdient. Doch darüber geht es vor Gericht eben nicht. Ausgang des Verfahrens? Offen.

In jedem Fall nicht zufrieden mit dem Ausgang der Saison ist der Alfdorfer Trainer Almir Mekic. Bevor er, für ihn ebenso überraschend wie enttäuschend, zur kommenden Saison durch Pascal Morgant ersetzt wird, hätte er sich gerne noch mit der Mannschaft Staffelsieg und Aufstieg geschnappt. „Die Chance war da.“ Doch es habe nun mal keine andere Möglichkeit gegeben als den Abbruch der Saison.

Bleibt die Frage, wie es überhaupt weitergeht für die Handballer. Frank Ader plädiert dafür, die kommende Saison wie geplant im September zu starten, je nach Halle mit entsprechend reduzierter Zuschauerzahl. Heiko Burmeister könnte sich eine komprimierte Runde von Dezember bis Mai vorstellen. Und Silke Zindorf versucht es mit Humor: „Vielleicht sollten wir zurück zum Großfeldhandball. Dann hätten wir weniger Kontakt.“


Auf- und Abstiege im Verband

  • Aufgestiegen aus der Baden-Württemberg-Oberliga (Männer) in die 3. Liga sind die SG Pforzheim/Eutingen (1.) und HSG Konstanz II (2.).
  • Aufgestiegen aus der Württembergliga der Männer sind die Staffelersten TSV Schmiden (vorläufig wegen Sportgerichtsverfahren) und TSV Heiningen.
  • Bei den Frauen dürfen sich die SV Hohenacker-Neustadt und TG Nürtingen II freuen.
  • Sicher abgestiegen aus der Württembergliga in die neue Verbandsliga sind aus Rems-Murr-Sicht die Männer der SG Weinstadt (10.) und SV Remshalden (11.). Noch zittern müssen die Männer der SF Schwaikheim (8.) sowie die Frauen der SV Remshalden (7.).
  • Die Tabellenletzten der Württembergliga steigen nicht wie ursprünglich vorgesehen um zwei Ligen in die Landesliga, sondern nur in die Verbandsliga ab.
  •  Aus den Landesligen in die Verbandsliga aufgestiegen sind die vier besten Teams jeder Staffel, darunter die Männer des TV Oeffingen (2.) sowie die Frauen der WSG Alfdorf/Lorch/Waldhausen (Meister), der SG Schorndorf (4.) und des HC Oppenweiler/Backnang (Meister).
  • Der HVW hat beschlossen, dass bis zu den Sommerferien keine Veranstaltungen stattfinden, das gilt auch für die Jugendqualifikation.
  • Info: Alle Abschlusstabellen gibt es auf der Homepage des Handball-Verbands Württemberg unter „Spielbetrieb“.